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Debatte um Überstunden "Chantal, heul leise"

Nach Ansicht des EU-Kommissars László Andor sind die Deutschen Europas Überstunden-Champion - aber das ist kein Grund zur Klage.

Deutsche machen die meisten Überstunden. Warum trotzdem kein Grund zum jammern besteht Quelle: dpa

Endlich ist raus, was wir schon immer geahnt haben: Deutsche Arbeitnehmer leisten die meisten Überstunden in ganz Europa. In keinem Land der Euro-Zone, das verriet jetzt EU-Sozialkommissar László Andor, gebe es einen so großen Unterschied zwischen tariflich vereinbarter und tatsächlich geleisteter Arbeitswochenzeit. 40,5 Stunden statt 37,7 – keiner arbeitet freiwillig mehr als wir.

Aufschrei! Ausbeutung! So schallt es aus den vor Aufregung geröteten Gesichtern der Wutbürger von Flensburg bis Passau.

Beruhigt euch, ihr Rächer der gepeinigten Arbeitnehmerschaft!

Denn worüber erregen wir uns hier eigentlich? Nach Adam Riese, beziehungsweise den Forscher vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: über genau 47, in einem Wort: Siebenundvierzig Überstunden, die die fleißigen Deutschen 2013 mehr buckelten als sie müssten.

Dass die Zahl der Überstunden seit fast zehn Jahren abnimmt? Egal. Dass diese Überstunden angesichts des besten Tarifschutzes, den wir in Deutschland je hatten, in Europa unerreicht ist? Unerheblich. Dass diese Überstunden Unternehmen die einzige Möglichkeit bieten, schnell und unbürokratisch zu reagieren, weil der Kunde, dieses ewige Ärgernis, mit Auftrag droht? Uninteressant.

Und dass 20 dieser 47 Überstunden bezahlt werden? Scheinbar nicht der Rede wert. Was ist schon Geld gegen Zeit, die man doch viel sinnvoller nutzen könnte als im düsteren Büro zu sitzen– beim Daddeln vor dem heimischen Computerbildschirm zum Beispiel oder vor der Glotze.

Wer die Überstunden vor allem ableistet? Neben hoch qualifizierten und gut bezahlten Mitarbeitern sind das, das hat der Deutsche Gewerkschaftsbund herausgefunden, hauptsächlich Lehrer. Nein, stimmen wir nicht ein in undifferenziertes Schmähen dieser Berufsgruppe. Es gibt sie noch, die engagierten Pädagogen. Aber es gilt schon auch, was Katja Riemann als strenge Direktorin Gudrun Gerster in der Schülerkomödie "Fack ju, Göhte" sinngemäß über ihr unterrichtendes Kollegium von sich gibt: Kaum merken sie, dass es in den Klassenzimmern nicht immer zugeht wie auf dem Ponyhof, erleiden sie einen Nervenzusammenbruch. 

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