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Debatten bei Facebook, Twitter und Co. Wie der Mob Meinung machen will

Die Debattenkultur im Netz wird zunehmend von Menschen dominiert, die versuchen gegen andere Meinungen Stimmung zu machen. Sie gefährden damit die Demokratie, sagen Experten.

Quelle: dpa/Montage

Als wir vor knapp zwei Wochen einen Text mit der Fragestellung veröffentlichten, ob Pegida, AfD und die NPD gesellschaftsfähig werden, haben wir mit vielen Kommentaren gerechnet. Das Thema ist kontrovers und schon allein die Nennung einer der drei Parteien löst häufig eine Vielzahl an Kommentaren aus – sowohl in den Kommentarspalten als auch in den sozialen Netzwerken. Auch wir mussten unzählige Kommentare sperren - sowohl direkt unter dem Text als auch bei Facebook, weil sie rassistische oder beleidigende Äußerungen enthielten.

“Gerade in den Kommentaren lässt sich beobachten, wie einige wenige respektlose Kommentare den gesamten Tenor verändern können”, sagt Christian Scherg, der mit seiner Agentur Unternehmen berät, die in einen Shitstorm geraten sind. Wenn die Stimmung insgesamt nicht mehr von Respekt getragen werde, sondern aggressive, taktlose oder rassistische Äußerungen die Diskussion vergiften, kippt der Ton der gesamten Debatte.

Das ist nicht wirklich neu, aber die aktuelle Diskussion um die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland verstärkt diesen Trend noch einmal – wie auch am Mittwochabend der Kommentar von Anja Reschke in den Tagesthemen zeigte. Das bekam aber auch Zeit Online mit einem Text zu spüren, der sich damit auseinandersetzte, dass sich in die Diskussion um brennende Flüchtlingsheime ein scheinbar neutraler Begriff, nämlich der des „Asylkritikers“, eingeschlichen habe. Allein in den ersten fünf Stunden gab es unzählige Kommentare, die wegen fremdenfeindlicher oder rassistischer Äußerungen gesperrt werden mussten. Das Gefährliche: Extreme Meinungen werden nicht mehr hinter vorgehaltener Hand besprochen, sondern in aller Deutlichkeit in der Öffentlichkeit verbreitet – teilweise unwidersprochen. "Wir machen die Erfahrung, dass einerseits viele Menschen nicht mehr anonym im Netz kommentieren, sondern mit ihren Klarnamen", sagt, Christiane Schneider von jugendschutz.net, eine Einrichtung, die darauf achtet, dass der Jugendschutz im Internet eingehalten wird. "Andererseits sehen wir aber auch, dass die Netz-Community reagiert und menschenverachtenden Meinungen widerspricht." Das verdeutlichen mehrere Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit: Nach dem beispielsweise ein Porsche-Lehrling auf Facebook einen fremdenfeindlichen Kommentar gepostet hatte, schmiss der Konzern ihn raus. Die Empörung war groß, aber das war nur eine Seite: Bei Facebook gründete sich eine Gruppe, die Hasspostings gegen Porsche veröffentlichte. Bei der österreichischen Polizei gingen bereits mehr als 100 Anzeigen wegen der Hasskommentare ein.

Das Vokabular von Pegida

So schlimm wie jetzt sei es noch nie gewesen, sagt Ingrid Brodnig, Redakteurin des österreichischen Nachrichtenmagazins Profil und Autorin des Buches „Der unsichtbare Mensch”. In der Flüchtlingsdebatte erleben wir eine “ungeheure“ Aggression, so Brodnig – und eine Polarisierung der Gesellschaft – und das nicht nur in Deutschland: „Der eine Teil der Bevölkerung hat eine große Wut auf Flüchtlinge und projiziert die gesamte politische Unzufriedenheit auf die Asylwerber. Der andere Teil der Bevölkerung ist umso schockierter und wiederum wütend auf die Bürger, die so hasserfüllt sprechen. Das ist in meinen Augen eine sehr gefährliche Situation: Denn eine Demokratie lebt davon, dass alle miteinander noch ein konstruktives Gespräch führen können.“

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