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Deindustrialisierung „Das war ein Bruch, der politisch gewollt war“

Die Deindustrialisierung Westeuropas wirkt nach bis in die Gegenwart. Quelle: imago images

Die Deindustrialisierung Westeuropas wirkt bis in die Gegenwart. Der Historiker Lutz Raphael sieht hier eine Erklärung für die wachsende Unterstützung für rechtspopulistische Parteien und Politiker.

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Lutz Raphael, Jahrgang 1955, ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Trier. Er ist Mitglied sowohl der Mainzer Akademie der Wissenschaft und Literatur als auch der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 2013 erhielt er den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Raphael hat mit „Jenseits von Kohle und Stahl“ eine umfassende Gesellschaftsgeschichte über die Deindustrialisierung in Westeuropa vorgelegt. Mit dem Ende des Nachkriegsbooms werden in der alten Bundesrepublik, in Frankreich und in Großbritannien die großen Industriebetriebe stillgelegt und die Industriearbeiter frühverrentet, in die Langzeitarbeitslosigkeit geschickt oder, im Falle der Arbeitsmigranten, mit „Rückkehrhilfen“ zur Rückreise in ihre Herkunftsländer gedrängt. Raphael erkundet ab den Siebzigerjahren die Deindustrialisierung aus der Sicht der Verlierer – und sieht hier eine Erklärung für die wachsende Unterstützung von Arbeiterinnen und Arbeitern für rechtspopulistische Parteien und Politiker.

Herr Raphael, hätte es Alternativen zur Stilllegung der Industriebetriebe nach dem Nachkriegsboom in Westeuropa gegeben?
Lutz Raphael: Es wäre utopisch, anzunehmen, Deutschland, Frankreich oder Großbritannien hätten die Belegschaftszahlen in den Industriebetrieben auf dem Niveau der Siebzigerjahre halten können. Die sozialistischen Planwirtschaften hatten das probiert. Das Ergebnis war ein stetiger Rückfall in der Produktivität gegenüber dem Westen. Aber der Transfer der Belegschaften im Zuge der Deindustrialisierung wäre in vielen Regionen auf sozialverträglichere Weise möglich gewesen, gerade in Großbritannien.

Sie beschreiben, wie Großbritannien voranpreschte, während Deutschland und Frankreich behutsamer vorgingen. Warum hatten es die Briten so eilig, die Industrie loszuwerden?
Ende der Siebzigerjahre kam Margaret Thatcher an die Macht. Sie vertrat eine Strömung innerhalb der Konservativen Partei, die die Lösung aller wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes darin sah, die Verbindungen zur industriellen Vergangenheit zu kappen. Die Konservativen stoppten beispielsweise die Subventionierung des Bergbaus und trieben den Konflikt mit den Bergleuten und ihren Gewerkschaften auf die Spitze, um den gesamten Sektor so schnell wie möglich privatisieren zu können. Als das mit dem Sieg im Bergarbeiterstreik 1984/85 durchgestanden war, hatten die Tories freie Bahn. Heute ist diese Industrie quasi verschwunden. Thatchers Politik war eine bewusst antigewerkschaftliche Politik der Deindustrialisierung. Während Deutschland und Frankreich während der zweiten Ölkrise 1980 und 1982 ihre Industrien mit Sozialplänen, Subventionen und Konjunkturspritzen stützten, überließ die Thatcher-Regierung krisengeschüttelte Industrieunternehmen ihrem Schicksal. Das war ein Bruch, der politisch gewollt war. Die sozialen Folgen waren verheerend. Das Ruhrgebiet zum Beispiel hat die langsamere und sozial abgefederte Deindustrialisierung viel besser überstanden als der Norden Englands.

Die Jahre nach dem Boom waren harte Jahre: 1958 erlebte Westeuropa eine Kohlekrise, ab den Siebzigern Öl- und Stahlkrisen. Wie beeinflusste das ständige Reden von Krisen die Politik?
In allen drei Ländern spielten die Krisendiskurse eine prägende Rolle – waren aber politisch sehr unterschiedlich besetzt. In Großbritannien sah man, dass die Wirtschaft nicht rund lief, dass es soziale Verwerfungen gab. So kam die Rede vom Niedergang auf, den es abzuwenden galt durch eine radikale Kehrtwende – die Öffnung Großbritanniens für die internationalen Finanzmärkte. Die politische Erzählung, die die Tories um die Deindustrialisierung gesponnen haben, schöpfte ihre Überzeugungskraft aus dem ständigen Thematisieren des vermeintlichen Niedergangs in den Jahren des Nachkriegsbooms.

Lutz Raphaels „Jenseits von Kohle und Stahl - Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom“ ist im Mai im Suhrkamp-Verlag erschienen. Quelle: Presse

Was war in Deutschland und Frankreich anders?
Auch in der Bundesrepublik und in Frankreich war von Krisen die Rede, auch hier sah man Schwierigkeiten, die mit der traditionellen industriellen Vergangenheit verknüpft waren. Aber statt diese restlos abzuwickeln, wurden in beiden Ländern industrie- und technologiepolitische Alternativen gesucht und gefördert. Die Luftfahrtindustrie beider Länder war in einer ähnlich prekären Situation wie die Schwerindustrie, und deren massive staatliche Förderung hat in Deutschland und Frankreich erst den Erhalt und Ausbau dieser Industrien zum international erfolgreichen Airbus-Unternehmen ermöglicht. In beiden Ländern haben die Regierungen sich nicht so sehr auf einen wirtschaftspolitischen Kurs festgelegt wie in Großbritannien und hielten zumindest in Teilen an der industriellen Vergangenheit fest.

Damit ging in Deutschland auch das Festhalten am Facharbeiter und dem dualen Berufsausbildungssystem einher, was heute einen klaren Wettbewerbsvorteil darstellt. Warum hat sich dieses industrielle Erbe gehalten?
Dass der Facharbeiterstatus in der Bundesrepublik die Umbrüche überleben würde, war nicht selbstverständlich. Gerade die Unternehmer beklagten die sehr hohen Kosten, die mit dieser Ausbildung einhergingen und erprobten immer wieder verkürzte, modulare Ausbildungsmodelle. Zwischen 1975 und 1990 fanden sich die Verantwortlichen für das duale Berufsbildungssystem, also die Unternehmerverbände, die Gewerkschaften, die Industrie- und Handwerkskammern immer wieder in wechselnden Koalitionen zusammen, um eine radikale Veränderung des dualen Systems zu verhindern und es gleichzeitig an die Ansprüche der Digitalisierung anzupassen. Heute steht die Anerkennung des Facharbeiters der des Ingenieurs in Westdeutschland in nichts nach. Mit der Anerkennung des Fachwissens wird auch die soziale Stellung dieser Arbeiter im Betrieb gesichert. Das passierte in Großbritannien nicht, wo mehr und mehr Berufe zu bloßen Jobs verkamen.

„Es gibt immer noch Alternativen zum weiteren Abstieg“

Allerdings werden auch in Deutschland immer mehr Jobs vergeben, der Niedriglohnsektor hierzulande ist der größte Europas.
Gerade im Dienstleistungssektor sieht es in Deutschland in der Tat schlecht aus. Anspruchsvolle neue Berufsprofile konnten sich kaum etablieren, sodass sich hier vor allem Billigjobs finden. Damit hat Deutschland seit 2000 eine Entwicklung nachvollzogen, die man in Großbritannien in deutlich ausgeprägterer Form schon seit den Achtzigerjahren beobachten konnte.

In Ihrem Buch gehen Sie auch auf einzelne Arbeiter- und Arbeiterinnenbiographien ein. Viele wurde frühverrentet. Wie wirkte sich der Verlust ihres Arbeitsplatzes auf sie aus?
Für die Betroffenen konnte die Frühverrentung neben den vielen offensichtlichen Vorteilen auch negative Auswirkungen haben. Viele waren noch arbeitsfähig und -willig, sie waren nicht alle alt und krank. Gerade für die fitten Arbeiter bedeutete Frühverrentung das Abschneiden von Sozialverbindungen, die der Beruf für sie brachte. Viele erlebten großen Frust, über dessen gesellschaftliche Konsequenzen wir noch viel zu wenig wissen. Wir wissen beispielsweise von türkischen Arbeitsmigranten, die sich nach der Frühverrentung von ihrer deutschen Umgebung zurückzogen und türkischsprachigen konservativen, religiösen Gruppen zugewendet haben.

Sie betrachten den alten Industriebetrieb als Stabilitätsanker für den Arbeiter, der dessen negative Erfahrungen in Gesellschaft und Politik abmilderte, indem er ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Arbeitern schuf. Gibt es diesen Anker in der heutigen industriellen Arbeitswelt noch? 
Ich vermute, dass es diesen Stabilitätsanker in vielen Unternehmen weiterhin gibt. Wir wissen allerdings nicht genau, wie viel berufliche Verankerung den Menschen heute überhaupt noch bedeutet. Ich glaube, sie ist nach wie vor ein wichtiger Stabilitätsfaktor für unsere Gesellschaft. Gerade bei kleineren und mittleren Unternehmen ist die durchschnittliche Beschäftigungsdauer länger, als wir das gemeinhin annehmen. Gibt es in diesen Betrieben eine funktionierende Sozialordnung, machen die Arbeiter dort positive soziale Erfahrungen, die Unsicherheit und Ohnmachtserfahrungen auch heute noch abmildern dürften. Mit Sorge blicke ich auf Betriebe, wo Arbeiter solche sozialen Erfahrungen nicht machen – der Industriesoziologie Hermann Kotthoff  hat solche Betriebe treffend als seelenlose Arbeitshäuser bezeichnet.

Was genau bereitet Ihnen Sorge?
Insbesondere in der Dienstleistungsbranche finden Sie Berufswelten ohne Tradition und gewachsene Berufskulturen. Hier können sich Ressentiments ohne Gegenstimme verbreiten.

Die Welt der Logistik, der großen Verteilungszentren, Auslieferungslager und Speditionen ist ein Beispiel: niedrige Löhne, eher geringe Aufstiegsmöglichkeiten, hohe Belastungen durch Arbeitsverdichtung und wechselnde Arbeitszeiten. Hier herrschen in allen drei Ländern, die ich untersucht habe, deutlich schlechtere Arbeitsbedingungen als in Industrieunternehmen.

Mit der gesellschaftlichen Marginalisierung des Industriearbeiters ging auch dessen Abwenden von den Gewerkschaften und der einstmaligen linken Volkspartei SPD einher. Wie konnte das passieren?
Das war ein gegenseitiger Entfremdungsprozess. Als die Zahl der Industriearbeiter abnahm, lockerte die SPD ihre Bindung zu ihnen und wandte sich stärker anderen Berufsgruppen zu. Die Arbeiter haben sich gleichzeitig zunehmend aus den Parteien, Vereinen und Gewerkschaften zurückgezogen, zahlten ihre Mitgliedsbeiträge nicht mehr, sahen keinen Sinn mehr darin, sich zu engagieren. Das war massiv in Frankreich und Großbritannien zu erleben, in der Bundesrepublik war dieser Rückzug etwas verhaltener. Aber in Ostdeutschland beispielsweise ist es den Gewerkschaften bis heute nie gelungen, wirklich Fuß zu fassen. Eine wachsende Zahl von Arbeitern und Angestellten fühlte sich ständig missachtet und zurückgesetzt, ihre Lebenswirklichkeit kam in der politischen Diskussion nicht mehr vor. Daraus entstand ein Ressentiment. Im Ergebnis wurden die Wählerstimmen der Arbeiter frei für andere politische Strömungen.

Ist der SPD ihr klassisches Wählermilieu endgültig abhandengekommen?
Wenn wir solche Sätze aussprechen, hat das immer das Potential zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Es gab Erneuerungsoptionen nach dem parallelen Abstieg der SPD nach der Regierung Gerhard Schröders und der Labour Party nach Tony Blair. Labour hat sich wieder stärker seinen klassischen Wählermilieus zugewandt, den Verlierern der radikalen Reformen. So konnte Labour bis zum großen Brexit-Chaos glaubhaft vermitteln, etwas verändern zu wollen. Diese Option hat die sozialistische Partei in Frankreich wohl nicht mehr, sie implodiert. In der Bundesrepublik ist jüngst eine ähnliche Implosion zu beobachten, das ist aber nichts Zwangsläufiges. Wir können die Probleme der SPD auch nicht ohne Weiteres aus ökonomischen oder politischen Trends ableiten. Ich arbeite aktuell an einem Projekt, in dem wir versuchen, den Wandel der SPD und der Labour Party in den Achtziger- und Neunzigerjahren für einzelne Städte zu untersuchen. Da sehen wir, die Parteien haben viele unterschiedliche Handlungsoptionen – und entwickeln sich auch regional unterschiedlich. Es gibt also immer noch Alternativen zum weiteren Abstieg.

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