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Demografie Die Jungen halten still

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Das alternde Parlament

Der Liberale - Johannes Vogel, 30, leitet die Jungen in der FDP-Fraktion. Im Kreisverband daheim ist er einer der Jüngsten – und trotzdem MdB. Quelle: Dominik Asbach für WirtschaftsWoche

Auch das Parlament wandelt sich in eine Opakratie. Lag das Durchschnittsalter der Abgeordneten 1990 noch bei 48,7 Jahren, so ist es inzwischen auf 49,3 geklettert. Vor allem die Sozialdemokraten sehen alt aus. In der Fraktion stieg das Durchschnittsalter von 48,8 auf inzwischen 51,7 Jahre.

Übersicht zum Alter der deutschen Abgeordneten im Bundestag (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Im Bundestag sind die Jungen eine Randgruppe. Die unter 30-Jährigen besetzen nur 1,9 Prozent aller Sitze unter der Reichstagskuppel, die unter 40-Jährigen nur 19,5 Prozent. Auf den Wahllisten stehen sie weit unten. Ein Leben zwischen Praktika und befristeten Jobs, zwischen Umzügen und Auslandsaufenthalten lässt es nicht zu, an jedem zweiten Dienstag bei der Sitzung des heimischen Ortsvereines zu präsidieren. Der Erfolg der Piraten lässt sich auch damit erklären, dass ihr Liquid Feedback die einzige Partizipationsform für den modernen Jobnomaden ist.

Zu Union, SPD, Grünen oder FDP verirrt sich diese Spezies nur selten, die klassische Ochsentour ist mit dem Leben der Jungen nur schwer zu vereinen. „Die typische Parteikarriere beruht noch immer auf dem Wohnortprinzip“, sagt Johannes Vogel. Seit 2009 sitzt der 30-Jährige für die FDP im Bundestag, er pendelt zwischen seinem Wahlkreis Olpe-Märkischer Kreis I und der Hauptstadt. Am vergangenen Dienstag erst haben ihn seine Kreisverbände wieder als Bundestagskandidat aufgestellt.

Ein Erfolg der Jungen

In Berlin ist Vogel Vorsitzender der Jungen Gruppe seiner Fraktion. Alle Liberalen unter 40 treffen sich dienstagmittags im Reichstag. „Die Perspektive der jungen Generation darf in der alternden Demokratie nicht unter die Räder geraten“, sagt Vogel. Dass seine Fraktion sich für einen schon 2014 ausgeglichenen Bundeshaushalt einsetze, sei ein Erfolg der Jungen. Dumm nur, dass der Finanzminister die schwarze Null erst 2016 in den Haushalt schreiben will.

Die Konkurrenz von der Jungen Gruppe der Union tafelt donnerstags in der Parlamentarischen Gesellschaft. So entstanden Konzepte für eine Kapitalrücklage in der Pflegeversicherung oder für eine Demografieabgabe für Kinderlose – und die Initiative zum gemeinsamen Anti-Zuschussrenten-Papier mit der FDP: „Wir haben es im Interesse der jungen Generation geschafft, dieses prominente Projekt zu stoppen und zu überarbeiten“, sagt Spahn.

Die Alternative, die die Jungen vorschlagen: Kleinverdiener, die geriestert und gespart haben, sollen ihre Privatrente bis zu einer Höhe von 100 Euro nicht auf die Grundsicherung im Alter anrechnen müssen. Bei SPD und Grünen haben die Koalitionäre indes gar nicht erst angeklopft, um Unterstützer einzuwerben. Sie hätten eine Abfuhr kassiert. Oft liegen die Jungen im Parlament parteiübergreifend über Kreuz.

Übersicht zum Durchschnittsalter der deutschen Parlamentarier im Parteienvergleich (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Daniela Kolbe ist mit 32 Jahren die jüngste Abgeordnete der SPD. „Erschütternd, oder?“, sagt sie und kann sich ein Grinsen kaum verkneifen. Die Vorschläge der schwarz-gelben Jungen hält sie für unsinnig. „Man kann Geringverdienern doch nicht im Ernst vorschlagen, dass sie riestern sollen, wenn die private Vorsorge derart schlechte Renditen abwirft“, sagt sie. „Ich halte es für sinnvoller, das Rentenniveau nicht so weit abzusenken wie bislang geplant“ – jedenfalls nicht auf 43 Prozent im Jahr 2030. „Wir brauchen ein ambitionierteres Ziel von um die 50 Prozent.“

Im Bundestagswahlkampf verspricht die SPD Linderung für das Alter: Arbeitnehmer sollen nach 45 Versicherungsjahren abschlagsfrei in Rente gehen können, Geringverdiener von 850 Euro Solidarrente profitieren. Was Parteichef Sigmar Gabriel bislang versprochen hat, könnte nach Berechnungen des Sozialministeriums 2030 mehr als 35 Milliarden Euro kosten. Jährlich. Dennoch stützt auch die Parteijugend die Pläne. „Die Jusos agieren da einseitig wie eine Rentnerorganisation“, frotzelt FDP-Politiker Vogel.

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