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Demografie Die Jungen halten still

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Die Schuldenkrise trifft vor allem die Jungen

Welche Auswirkung die Inflation auf die Rentenlücke hat
Eine Hand hält Geldscheine und einen Kassenbon über einer Einkaufskiste mit Lebensmitteln Quelle: dpa
Eine Hand nimmt am 22.01.2010 eine Euro-Münze aus einem Geldbeutel Quelle: dpa
Eine Kundin bezahlt an der Kasse in einem Supermarkt in Karlsruhe ihren Einkauf Quelle: dapd
Ein Rentner demonstriert und hält dabei eine Weste in den Händen, auf der "Rente muss zum Leben reichen" zu lesen ist. Quelle: dpa
Hinter dem Griff seines Gehstocks ist ein Rentner vor einem Computer zu sehen Quelle: dpa/dpaweb
Als Miniaturfiguren sind zwei Senioren am Montag (10.09.2012) in Schwerin auf Euro-Münzen zu sehen Quelle: dpa

Clemens Fuest gehört mit 44 Jahren zur jüngeren Generation der Ökonomen. Er ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesfinanzministerium, bis 2010 war er auch der Vorsitzende. „Das Verteilen von Geschenken zulasten künftiger Generationen war politisch schon immer attraktiv“, sagt er. Vor vier Jahren zog er nach Großbritannien, um in Oxford zu lehren. Wenn er nun mit Distanz auf sein Heimatland blickt, überkommt ihn eine Sorge: „Das Thema Generationengerechtigkeit war vor wenigen Jahren noch sehr präsent. Inzwischen ist es von anderen Themen wie der Finanzkrise überlagert worden.“

In der vergangenen Legislaturperiode starteten junge Abgeordneten aus allen Fraktionen eine Initiative, um die Generationengerechtigkeit im Grundgesetz zu verankern. Wer heute fragt, was daraus geworden ist, erntet Schweigen. Nur ein Treffen hat es gegeben, Spahn hatte dazu eingeladen. „Die Euro-Krise hat vieles verändert. Vor allem lässt sie uns allen weniger Zeit für andere wichtige Themen“, sagt er. Es ist kein Aufstand zu sehen, nirgends.

Dabei kommt es zu einem paradoxen Effekt. Längst ist die überbordende Staatsverschuldung als ein Auslöser der Euro-Krise enttarnt. So verordneten sich mit dem Fiskalpakt alle Euro-Länder eine Schuldenbremse – ein solider Beitrag zur Generationengerechtigkeit. Die Jungen von 2012 haben trotzdem wenig davon. In Deutschland gilt das Verbot erst ab 2016, im Wahlkampf darf noch geprasst werden.

Die Lasten der alternden Gesellschaft

Für die Jungen wird die Finanzkrise aus ganz anderen Gründen zum Problem. „Wenn die Europäische Zentralbank ihre Geldschleusen öffnet, betreibt sie eine Niedrigzinspolitik mit einer starken Umverteilungswirkung: Sie trifft damit vor allem junge Menschen, die sparen wollen und noch kein Vermögen aufgebaut oder geerbt haben“, erklärt Ökonom Fuest. „Alle, die nicht über Kapital verfügen, haben es umso schwerer.“

Die Rente ist noch weit weg

Komisch ist nur, dass dies bei den Jungen noch nicht ganz angekommen ist. An einem Dienstag im Oktober hat sich bei Jens Spahn eine Besuchergruppe angemeldet. Der CDU-Politiker hat einen Raum im Reichstag reserviert. 40 Stühle reihen sich dort auf, in der Mitte verlieren sich acht schüchterne Mitglieder der Jungen Union. Ausnahmsweise ist Spahn hier der Älteste.

Übersicht zum Verhältnis der Menschen über 65 Jahren zu Menschen im Erwerbsalter (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Er hat viel zu berichten, nicht nur, dass er in dieser Woche seit zehn Jahren im Parlament sitzt. Die Union streitet um die Rente, das Parlament debattiert über Hilfen für Griechenland und irgendwer wird das alles bezahlen müssen. Spahn trägt keine Krawatte, „wir sind hier per Du“, und schließlich will er wissen, ob es Fragen gibt. Die jungen Gäste interessieren sich vor allem für die neuen Wahlplakate, und Spahn fragt, ob denn niemand etwas zur Rente sagen möchte. „ Das ist für mich noch viel zu weit weg“, antwortet Jan Alexander Debowski. Er ist 19 Jahre alt.

Dabei lastet auf der jungen Generation eine große Hypothek. Der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen, Chef des Forschungszentrums Generationenverträge an der Universität Freiburg, hat nachgerechnet. Die offizielle Verschuldung des Staates beträgt 83 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Addiert man aber alle Lasten, die sich in Sozialversicherungen und den Pensionsverpflichtungen des Staates verstecken, summiert sich die Last auf 230 Prozent. Und würde Schwarz-Gelb tatsächlich alle Ankündigungen wahr machen, ohne im Gegenzug zu sparen, stiege die Belastung auf über 250 Prozent. „Wer dafür später zahlen muss, geht ja heute noch nicht zur Wahl“, sagt Raffelhüschen.

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