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Demografie Deutschland riskiert die Bevölkerungskatastrophe

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Rentenansprüche an Kinder, die nicht geboren wurden

Eine Generation, die derart in Saus und Braus leben kann, wie die heute über 50-Jährigen, gab es nie in der Geschichte und wird es nie wieder geben. Die historisch einmalig bequeme Situation dieser Babyboomer – durch den Krieg ausgedünnte Rentnerjahrgänge vor ihnen und durch den eigenen Gebärstreik geringe Zahl zu versorgender Kinder – wird sich schlagartig in eine historisch einmalig unbequeme Situation wandeln: den immer schwächeren aktiven Jahrgängen der Nach-Babyboomer werden die stärksten Rentnerjahrgänge aller Zeiten  mit historisch einmalig hohen Renten- und Pensionsforderungen gegenüber stehen. Oder wie es Hans-Werner Sinn in seinem schonungslosen Vortrag „Land ohne Kinder“ in der Düsseldorfer Akademie formulierte: „Die Babyboomer wollen eine Rente von Kindern, die sie nicht bekommen haben.“ 100 Arbeitenden standen im Jahr 2000 nur  24 zu versorgende Alte gegenüber, 2030 werden es 47 sein und 2035 schon 55, danach wird dieser Altersquotient nur noch langsam größer.

Eine Verdopplung des Quotienten in wenigen Jahren! Das bedeutet nichts anderes, als dass sich entweder der Beitragssatz ebenfalls verdoppeln oder aber das Rentenniveau halbieren muss. Oder, was wahrscheinlicher ist, ein Kompromiss zwischen diesen Extremen gefunden werden muss. Umwälzend und sehr unangenehm wird es auf jeden Fall.

Die jüngsten Länder der Welt
Familie mit Kind Quelle: dpa
Kinder spielen mit Wasser Quelle: dpa
Junge aus Vanuatu Quelle: Graham Crumb
Kinder in Brasilien Quelle: dpa
Kinder in Japan Quelle: AP
Aus Mali geflüchtete Kinder Quelle: dpa
Kinder in Angola Quelle: Paulo César Santos

Der Präsident des ifo-Instituts ist eine der wenigen lauten Stimmen im bevölkerungspolitischen Diskurs, die diese nicht mehr abwendbare Fiskalkrise, aus der sich eine Staatskrise entwickeln dürfte, schonungslos anspricht.

Warum kriegen die Menschen keine Kinder mehr? Die große Frage, die die deutsche Politik mit einem Schulterzucken zu quittieren pflegt, beantwortet Sinn historisch-sozialpsychologisch. Es sei vielleicht kein Wunder, dass Deutschlands Geburtenflaute den anderen Ländern vorauslaufe, schließlich habe Deutschland unter Bismarck auch als erstes Land 1889 eine staatliche Rentenversicherung eingeführt.

Totale Erniedrigung

Der Rentenstaat hat ein Lebensmodell möglich gemacht, das zuvor der totalen Erniedrigung gleichkam: Kinderlose, unverheiratete Menschen, vor allem Frauen, waren spätestens im Alter meist auf die Mildtätigkeit ihrer Neffen angewiesen. Wer keine Nachkommen und kein Vermögen hatte, dem drohte im Alter das absolute Elend. Eine Familie zu gründen, war für die meisten Menschen also alternativlos.

Das Alterselend der Kinderlosen wurde nach Bismarck mit jedem Ausbauschritt der Rentenversicherung weniger drohend. Natürlich blieb Kinderlosigkeit zunächst ein Makel. Soziale Prägungen halten lange vor. Aber die Menschen merkten über die Jahrzehnte, dass keine Kinder zu haben dank Rente eine Alternative ist, die zumindest finanziell sehr attraktiv ist.

Das Rentensystem suggeriert den Menschen, dass sie eine Rente kriegen, weil sie eingezahlt haben. Und für den einzelnen kinderlosen Beitragszahler und Rentenbezieher geht die Rechnung auch auf. Aber in der Summe geht sie nicht auf. Denn die Renten der Kinderlosen werden von Kindern erwirtschaftet, zu deren Aufzucht sie selbst keinen Beitrag leisteten.

Das System der sozialisierten Altersversorgung bei weiterhin privater Kinderversorgung funktioniert nur, solange man wie Adenauer davon ausgehen konnte: „Kinder kriegen die Menschen immer.“  

Eltern werden benachteiligt

Das tun sie aber nicht mehr unbedingt. Und die strukturelle finanzielle Benachteiligung von Eltern, die für die Investitionen in die Erziehung der künftigen Beitragszahler im Rentensystem nicht angemessen entschädigt werden gegenüber denjenigen, die keine Kinder aufziehen, hat dazu einen entscheidenden negativen Anreiz beigetragen.  Der Rentenstaat hat, schlussfolgert Sinn, die Krise, auf die er zusteuert, also selbst erst hervorgerufen.

Für den abnehmenden Fortpflanzungswillen mögen durchaus auch noch ein paar gewichtige andere Faktoren jenseits der Aufmerksamkeit des Ökonomen eine Rolle spielen. Zum Beispiel der Niedergang der Religion in der westlichen Welt. Aber solche weichen Faktoren liegen auch nicht als bevölkerungspolitischer Hebel in der Hand der Politik. Das Rentensystem und die Beseitigung seiner selbstzerstörerischen falschen Anreize liegen aber sehr wohl in der Hand der Politik.

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