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Demografie Wie der Bevölkerungsrückgang deutsche Städte umformt

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Wo künftig Wohnungen fehlen

Welche Gegenstrategien gibt es für Gemeinden, Klein- und Mittelstädte, die auszubluten drohen? Vor allem drei große Trends zeichnen sich ab:

Renaissance der Innenstadt: Im Wettbewerb der vielen Leitbilder, was eine Stadt sein soll und kann, wird sich nach Ansicht vieler Experten die Idee einer „rezentrierten Stadt“ mit kurzen Wegen durchsetzen, in der Arbeit, Wohnen und Freizeitgestaltung zusammenrücken – was Energie, Flächenverbrauch, Pendlerströme und Verkehr reduziert. Um die Infrastrukturkosten zu senken, konzentriert sich die Stadtentwicklung auf einen aufgewerteten Stadtkern, während an der Peripherie ganze Wohnblöcke samt der im Boden liegenden Leitungen weggerissen werden.

Auch Aschersleben hat ein Projekt „Konzentration auf den Kern“ begonnen – mit ersten Erfolgen. Einige Discounter haben Dependancen auf der grüne Wiese geschlossen und an den Rand der Innenstadt verlagert. „Der Einzelhandel rückt wieder in die Mitte“, freut sich OB Michelmann. Seine Stadt hat in nur zwei Jahren 40 Millionen Euro in den Stadtumbau gesteckt, etwa in neue Grünanlagen im Zentrum. In den Außenbezirken hat sie drei Grundschulen und ein Gymnasium dichtgemacht; dafür öffneten zwei neue Schulen in der City. Mancher Versuch, das Stadtbild zu verschönern, kommt geradezu rührend daher: Entlang des Innenstadtrings sind vor besonders hässlichen Baulücken und Fassaden kleine Kunstwerke platziert worden. Die 5b der Albert-Schweitzer-Schule hat Scherenschnitte gebastelt und an den Fensterscheiben der Ruine befestigt, die einst das Bahnhofshotel von Aschersleben war.

Mehr Kooperation: Nach dem ersten großen Schwung an Eingemeindungen in den Siebzigerjahren könnte der demografische Wandel eine zweite Zentralisierungswelle provozieren. Seit der Wiedervereinigung ist die Zahl der Landkreise, kreisfreien Städte und selbstständigen Gemeinden bereits von knapp 16 700 auf rund 12 400 gefallen; allein 2009 schlüpften – mehr oder weniger freiwillig – über 200 Gemeinden bei größeren Nachbarn unter. Dieser Trend dürfte sich durch den demografischen Wandel verstärken, weil viele Kleinkommunen wirtschaftliche Probleme bekommen. Allerdings sind die Widerstände bei Bürgern und Honoratioren, deren Kommune die Selbstständigkeit verliert, enorm. Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds (DStGB), glaubt daher an eine andere Zukunftsstrategie: „Die Kommunen werden stärker kooperieren und bestimmte Leistungen aufteilen.“ Dies gelte etwa bei den Schulen. Auch bei Betreuungsdiensten, der Finanzverwaltung, Datenverarbeitung, Wasserwirtschaft und im Nahverkehr könnten die Kommunen ihre Angebote stärker bündeln.

Mobile Dienste auf dem Land: „Auf dem Land werden viele Angebote in Zukunft nur noch mobil verfügbar sein“, glaubt der Stadtforscher Klaus Beckmann, Leiter des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) in Berlin. Die medizinische Versorgung erbrächten dann womöglich „Ärzte auf Rädern“, die zwischen den Orten pendeln. Den örtlichen Supermarkt könnten Lebensmittel-Busse oder Inhouse-Dienste ersetzen, die Einkäufe direkt nach Hause liefern. Im Schulbereich werde laut Beckmann die „lange Zeit verpönte Ein-Klassen-Schule wieder auf die Agenda kommen“, in der Schüler unterschiedlichen Alters gemeinsam lernen. Selbst über „Teilinternate“, in denen Schüler einer Region für drei bis vier Tage in der Woche untergebracht sind, müsse man nachdenken, damit die Kinder nicht überlange Schulwege in Kauf nehmen müssten.

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