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Demografischer Wandel Welche Zukunft hat die Rente? Kassensturz!

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Rentenkasse ist nicht der Sparstrumpf der Nation

Vielleicht hat das auch etwas damit zu tun, dass die gesetzliche Rente ein Etikettenschwindel ist. Versicherung, das klingt nach individuellem Anspruch. Aber eigentlich handelt es sich um eine Wette auf die gesellschaftliche Produktivität von morgen. Die Rentenkasse ist nicht der Sparstrumpf der Nation, für den ihn viele halten, nicht das Säckel, in dem die Milliarden für den Lebensabend brav gehortet werden. Die arbeitende Generation finanziert die, die im Ruhestand ist. In der Hoffnung, dass deren Kinder es einst genauso schaffen werden. Anders gesagt: Die Rente lebt von der Hand in den Mund.

Diese Umlage wäre schon heute ein ziemlich dürres Gestell, würde es nicht an allen Enden durch Steuermilliarden gestützt. Etwas mehr als eine Viertelbillion Euro wird jedes Jahr umgewälzt, ein gutes Drittel davon sind bereits Steuern. Besserung ist nicht Sicht: Derzeit kommen auf einen Rentner noch drei arbeitsfähige Erwachsene, die das System schultern. 2030 werden es nur noch zwei sein. 2050 sogar noch weniger. Trockene Demografie, einerseits. Andererseits: das ultimative Warnsignal. Allein diese Wahrheit müsste jeden dazu bringen, neben der kollektiven Absicherung eine zweite aufzubauen. Aber – wenn die Versorgung über den Arbeitgeber ausfällt oder Riester so unbeliebt bleibt – was für eine?

Die Idee - Thomas Schäfer macht einen Vorschlag

Am Nikolaustag 2015 feilen drei Männer an einer kleinen Revolution. Einer schwarz-grünen Revolution. Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU), Sozialminister Stefan Grüttner und der grüne Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir sitzen beisammen und brüten über den Formulierungen eines Papiers. Sie beraten, verwerfen, zurren Passagen fest. Immerhin, eine griffige Überschrift hat das Trio schon: Deutschland-Rente. Eine Idee von Schäfers Pressesprecher.

Gut zwei Wochen später, kurz vor Weihnachten, lancieren die drei ihren Vorschlag an die Öffentlichkeit: Die Deutschland-Rente mixt Ideen aus dem Ausland mit einem Schuss Verhaltensökonomie. Im Kern basiert sie auf einem neuen Investmentfonds, der vom Staat eingesetzt und rechtlich geschützt, aber statt von Beamten von Profis verwaltet werden soll. Im Gegensatz zu den bestehenden privaten Alternativen sollen die Gelder der Anleger nur zum Selbstkostenpreis verwaltet werden, sie müssen keinen Profit mehr für Versicherungskonzerne abwerfen oder noch Provisionen füttern. Eine Art Anti-Riester, sozusagen.

Mindestens ebenso wichtig – und besonders umstritten: Die Deutschland-Rente dreht die bestehenden Vorsorgeverhältnisse um. Schäfer und seinen hessischen Kollegen schwebt etwas vor, das sie „sanfter Zwang“ nennen: Jeder Angestellte würde künftig automatisch in diese neue Vorsorge einzahlen, wenn er dem nicht explizit widerspricht. Und: Der Fonds wäre auch offen für Beamte und Selbstständige.

„Das war noch nicht der Stein der Weisen“, sagt Schäfer heute, „aber ich sehe, dass wir eine fruchtbare Diskussion begonnen haben.“ Der Initiator ist zufrieden. Schäfer glaubt, wesentliche Probleme adressieren zu können: Die mangelnde Verbreitung privater Vorsorge würde endlich besser werden, weil man künftig etwas tun muss, um nichts zu tun; die Stimmung gegen Riester dürfte in den Hintergrund rücken, weil das Geld nur für die Einzahler arbeitet; der Widerstand der Deutschen gegenüber chancenreicher Aktienanlage könnte kuriert werden, weil dem Erfinder-Trio ein Fonds vorschwebt, der sehr wohl ins Risiko gehen kann, gerade am Anfang der Investments. „Norwegen, Großbritannien, sogar Neuseeland – alles Länder, die mit Fonds gute Erfahrungen machten und ordentliche Renditen erzielen“, wirbt Schäfer.

Im Wochentakt gehen jetzt Vertreter von Banken, Versicherern und privaten Fondsanbietern in seinem Wiesbadener Ministerbüro ein und aus. So manche Aufregung sei unnötig, meint Schäfer: „Unser Vorschlag würde jeden Bürger endlich dazu bringen, sich mit seiner Altersabsicherung zu beschäftigen.“ Seine Botschaft an die Finanzbranche: Seht es als Chance. Nehmt den Wettbewerb an.

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