Demografischer Wandel Welche Zukunft hat die Rente? Kassensturz!

Sind wir im Alter alle arm? Ist Riester gescheitert? Arbeiten wir bald bis zum Umfallen? Politiker schüren in der Rentenpolitik Ängste, malen zu schwarz und wecken teure Sehnsüchte. Zeit für nüchterne Zahlen und bessere Ideen.

Die gesetzliche Rente wird künftig immer geringer ausfallen Quelle: imago / f. berger

Wer einen Beleg für die politische Chaostheorie gesucht hat, darf sich bei Horst Seehofer für die Beweisführung bedanken. Eigentlich waren es nur ein paar dahingesprochene Flattersätze, die der CSU-Chef in München formuliert hatte. Die Riester-Rente? Gescheitert, weg damit. Gesetzliche Altersvorsorge? Viel zu niedrig. Aber in Berlin, mehr als 500 Kilometer entfernt, lösten sie einen Sturm aus. Einen, der bis heute anhält.

Sigmar Gabriel, der SPD-Vorsitzende, reagierte sofort: Rente, sagt er, sei eine „Geschichte von Würde und Anerkennung“. Was folgte, war verbale Aufrüstung: CDU/CSU und SPD brüten nun eifrig Rentenideen aus; die sozialdemokratische Bundesarbeitsministerin sieht sich gezwungen, ein eigenes Gesamtkonzept vorzulegen. Und der Deutsche Gewerkschaftsbund bereitet für den Sommer eine große Kampagne zum Thema vor.

Dies ist die eindrucksvolle Bilanz eines Flügelschlags aus Bayern: Er kommt, der Wahlkampf um die Rente. Denn hinter ihr Gesagtes können weder Seehofer noch Gabriel zurück. Und nach dieser Ouvertüre spricht momentan nichts dafür, dass der Rentenwahlkampf 2017 anders ausfällt als der des Jahres 2013. Will heißen: mit milliardenteuren Versprechen, zukunftsvergessen und ohne Blick fürs Ganze. Warum nur?

So viel Rente bekommen Sie
DurchschnittsrentenLaut den aktuellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung bezogen Männer Ende 2014 eine Durchschnittsrente von 1013 Euro. Frauen müssen inklusive Hinterbliebenenrente mit durchschnittlich 762 Euro pro Monat auskommen. Quellen: Deutsche Rentenversicherung; dbb, Stand: April 2016 Quelle: dpa
Ost-Berlin mit den höchsten, West-Berlin mit den niedrigsten RentenDie Höhe der Rente schwankt zwischen den Bundesländern. Männer in Ostberlin können sich mit 1147 Euro Euro über die höchste Durchschnittsrente freuen. In Westberlin liegt sie dagegen mit 980 Euro am niedrigsten. Aktuell bekommen männliche Rentner: in Baden-Württemberg durchschnittlich 1107 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 1031 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 980 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1147 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 1078 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 1040 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 1071 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 1084 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 1027 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 1127 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 1115 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 1069 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 1098 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 1061 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 1064 Euro pro Monat Quelle: AP
Frauen mit deutlich weniger RenteFrauen im Ruhestand bekommen gut ein Drittel weniger als Männer. Auch sie bekommen in Ostberlin mit durchschnittlich 1051 Euro die höchsten Bezüge. Am wenigsten bekommen sie mit 696 Euro in Rheinland-Pfalz. Laut Deutscher Rentenversicherungen beziehen Frauen inklusive Hinterbliebenenrente: in Baden-Württemberg durchschnittlich 772 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 736 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 861 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 975 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 771 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 848 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 760 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 950 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 727 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 749 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 699 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 964 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 983 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 744 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 968 Euro pro Monat Quelle: dpa
Beamtenpensionen deutlich höherStaatsdienern geht es im Alter deutlich besser. Sie erhalten in Deutschland aktuell eine Pension von durchschnittlich 2730 Euro brutto. Im Vergleich zum Jahr 2000 ist das ein Zuwachs von knapp 27 Prozent. Zwischen den Bundesländern schwankt die Pensionshöhe allerdings. Während 2015 ein hessischer Staatsdiener im Ruhestand im Durchschnitt 3150 Euro ausgezahlt bekam, waren es in Sachsen-Anhalt lediglich 1940 Euro. Im Vergleich zu Bundesbeamten geht es den Landesdienern dennoch gut. Im Durchschnitt kommen sie aktuell auf eine Pension von 2970 Euro. Im Bund sind es nur 2340 Euro. Quelle: dpa
RentenerhöhungIm Vergleich zu den Pensionen stiegen die normalen Renten zwischen 2000 und 2014 deutlich geringer an. Sie wuchsen lediglich um 15,3 Prozent. Quelle: dpa
Reserven der RentenkasseDabei verfügt die deutsche Rentenversicherung über ein sattes Finanzpolster. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung betrug die sogenannte Nachhaltigkeitsrücklage Ende 2014 genau 35 Milliarden Euro. Das sind rund drei Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Rechnerisch reicht das Finanzpolster aus, um fast zwei Monatsausgaben zu bezahlen. Nachfolgend ein Überblick, mit welcher Rente die Deutschen im aktuell im Durchschnitt rechnen können: Quelle: dpa
Abweichungen vom StandardrentnerWer 45 Jahre in den alten Bundesländern gearbeitet hat und dabei den Durchschnittslohn verdiente, bekommt pro Monat 1314 Euro ausgezahlt. Bei 40 Arbeitsjahren verringert sich die monatliche Auszahlung auf 1168 Euro. Wer nur 35 Jahre im Job war, bekommt 1022 Euro. Quelle: Fotolia

Die Hoffnung - Heide Meyer kennt kein Ende

Was für ein graues, sperriges Wort eigentlich. Es klingt fast wie Bürokratieabbau, Kopfpauschale oder gar Steuererklärung: Generationenvertrag.

Heide Meyer sagt einfach nur: Was für ein Geschenk! Müsste man in einem einzigen Wort beschreiben, was Meyer nahezu jeden Tag, jede Woche, jeden Monat tut, mit Energie, Charme und einem bemerkenswert schnellen Mundwerk, man käme an diesem Buchstabenungetüm nicht vorbei: Diese Dame lebt ihren eigenen Generationenvertrag.

73 Jahre ist Heide Meyer alt. Wobei: „Alt“, sagt sie, „alt heißt ja nicht tot. Ich warte jedenfalls nicht einfach auf die schwarze Kiste.“ Andere in ihrem Alter machen Kreuzfahrten, lösen Kreuzworträtsel oder nehmen im Ohrensessel Platz. Nichts für sie. Wenn es einen Satz gibt, mit dem sie noch nie etwas anfangen konnte, dann mit diesem: Ich habe genug gearbeitet, jetzt wird entspannt.

Meyer, mit rot lackierten Fingernägeln, dezenter Perlenkette, makelloser Frisur und ebensolchem Make-up, füllt stattdessen ohne Schwierigkeiten eine halbe Stunde damit, all ihre Aufgaben und Projekte aufzuzählen. „Sie unterbrechen mich, ja?“

Als Heide Meyer in den Sechzigern ihre Ausbildung beginnt, gibt es noch gar keine Einzelhandelskauffrau, sie lernt noch auf Kaufmann. 1972, da ist sie gerade Ende 20, macht sie sich mit einem Geschäft für Damenunterwäsche in Berlin-Wilmersdorf selbstständig. In ihren fast vier Jahrzehnten als Unternehmerin bildet sie in ihrem Laden mehr als 30 Azubis aus. Ein erfülltes Berufsleben. Aber eben nicht das Ende.

Altersvorsorge: So viel Rente darf der Standardrentner erwarten

Momentan betreut sie einen jungen Griechen und einen Spanier bei deren Ausbildung in Deutschland. Sie hat schon Gründerinnen in Weißrussland beraten. An der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht begleitet sie ein Projekt zur Firmennachfolge. Für eine Stiftung arbeitet sie als Mentorin für Unternehmensgründerinnen. Und dann wäre da noch dieses Patent für Onlineeinkäufe, das sie mit einem Bekannten aus ihrem Ruderclub entwickelt hat. Von ihm kam das Informatikwissen, von ihr das kaufmännische Know-how. „Der heimische Fernseher“, sagt sie, „ sollte nun wirklich nicht der Mittelpunkt des Lebens sein.“

Heide Meyer ist eine Ausnahmeerscheinung. Wer jedoch glaubte, sie sei alleine, hat lange in keine Statistik mehr geschaut. Im Jahr 2000 gingen Frauen und Männer im Schnitt mit 62,3 Jahren in Rente, 2014 lag die Grenze bereits bei 64,1 Jahren. Zur Jahrtausendwende hatten von den damals 60- bis 64-Jährigen nur 20 Prozent einen Job. 15 Jahre später sind es deutlich mehr als doppelt so viele: 53 Prozent. Selbst unter den über 65-Jährigen steigt die Zahl derer, die arbeiten gehen, seit Jahren kontinuierlich. Deutschland erlebt ein stilles Senioren-Wirtschaftswunder.

Ein Jahr bevor Meyer ihr Geschäft im Alter von 67 Jahren verkaufte, begann sie damit, einen Merkzettel anzulegen. Sie notierte darauf alle Ideen für die Zukunft, die absurden ebenso wie die ernsten. Sie wollte weiter ihre Erfahrungen vermitteln, das war das eine. Aber es gehörten auch Reisen dazu, im Krankenhaus Essen austeilen oder sich als Statistin für eine Fernsehserie bewerben. „Diesen Zettel“, sagt sie und lacht, „schaffe ich gar nicht mehr bis zum Lebensende.“

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