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Demografischer Wandel "Wir haben ein Luxusproblem"

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Das Problem des Generationenvertrages Quelle: Daniel Stolle für WirtschaftsWoche

Herr Gründinger, Sie erwähnen in Ihrem Buch das Generationenbarometer, und das spiegelt eine sehr positive Haltung vor allem der jungen Menschen gegenüber dem Generationenvertrag wider.

Gründinger: Die Jungen haben zu etwa 90 Prozent gesagt, dass sie zu dem Konzept stehen, dass die Jüngeren für die Alten aufkommen. Die Alten waren nicht so begeistert. Das glaubt man auf den ersten Blick natürlich nicht, handelt es sich bei dieser Gruppe doch um die Nutznießer dieses Systems.

Zeh: Die haben ein schlechtes Gewissen.

Gründinger: Richtig. Es ist ihnen ein wenig unwohl, dass die kleiner werdende Gruppe der Jüngeren für die wachsende Gruppe der Älteren zahlen muss. Es gibt innerhalb der Familien ein sehr ausgeprägtes Solidargefühl. Da helfen sich die Generationen untereinander immer noch sehr gut. Die vertragen sich auch super. Die Kulturkämpfe sind vorüber, viele sagen, sie würden ihre eigenen Kinder gerne so erziehen, wie sie selber erzogen wurden. Das ist doch schon mal was.

Wo liegt dann das Problem?

Gründinger: Auf der anderen Seite spitzen sich die gesellschaftlichen Verteilungskämpfe zu, denn jeder Euro kann nur einmal verteilt werden. Und wenn es um Menschen außerhalb der Familie geht, dann ist man knauserig geworden. Eine Studie mit 14 000 Befragten stellt fest, dass die Sympathie eines Menschen von seinem 60. Lebensjahr an für Dinge wie Kindergeld oder öffentliche Kinderbetreuung oder Unterstützung von Studenten radikal abnimmt. Das ist gefährlich. Heute schon ist jeder dritte Wähler älter als 60 Jahre. Und die Verteilungskämpfe werden zunehmen. Wenn es weniger Schüler gibt, benötigen die Schulen auch weniger Geld. Aber was machen wir mit dem Geld, das übrig bleibt? Ziehen wir es ab aus dem Schulsystem, weil Schüler eh nicht wählen dürfen, oder geben wir es ins Rentensystem, am besten noch in Form von außerplanmäßigen Rentenerhöhungen im Vorwahlkampf?

Zeh: Es wäre tatsächlich fatal, dass eine im Schnitt alternde Gesellschaft am Ende die Kinderbetreuung abschafft oder das Kindergeld, weil sie nicht mehr einsieht, dass man sich reproduzieren möchte. Aber ich traue dieser Statistik nicht. Die Kinderbetreuung hat doch Deutschland in den vergangenen Jahren weit vor dem demografischen Wandel nicht in den Griff bekommen. Das ist doch nicht neu. Andere europäische Länder machen uns das seit 20 Jahren vor, wie man äußerst sympathische und effiziente Systeme aufzieht.

Herr Späth, Sie schreiben in Ihrem Buch: „Gut leben, statt viel haben.“ Was meinen Sie damit?

Späth: Wir haben nicht genügend Menschen, die die Alten pflegen. Es werden immer weniger, auch weil es immer mehr Singles und Kinderlose gibt. Im bäuerlichen Haushalt haben wir eine Quote von 94 Prozent bei der Selbsthilfepflege. Wenn Sie das umrechnen, kostet so ein Platz etwa 800 Euro im Monat. Die polnische oder ukrainische Pflegerin von außerhalb, die kostet schon 1000. Die deutschen Pflegeheime kosten 3500 bis 5500 Euro. Wie können wir das strukturieren? Wir müssen denen helfen, die selber pflegen. Die müssen auch mal Urlaub machen können. Da muss der Staat helfen. Es müsste ein verpflichtendes soziales Jahr eingeführt werden. Ob das zu Beginn der beruflichen Laufbahn ist oder hinten angehängt wird, kann man diskutieren. Der schwierigste Punkt ist, dass die Menschen, die heute immer älter werden, diese geschenkte Zeit als Freizeit wahrnehmen. Aber das System explodiert, wenn das so bleibt. Es gibt viele Menschen, die haben kaum Geld, aber Zeit. Die könnten mal einen Kranken zum Spaziergang führen. Für Hilfestellungen bekäme man Gutschriften, die man später selber für Hilfe einlösen kann.

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