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Denkfabrik Aufbau Ost: Erfolg trotz kollektiver Selbsttäuschung

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Diese Entwicklung erregt zu Recht Besorgnis. Und dies umso mehr, als unter denjenigen, die abwandern, überdurchschnittlich viele junge, gut qualifizierte Arbeitskräfte sind, die für sich im Westen (oder anderswo) nach besseren beruflichen Perspektiven suchen. Allerdings darf man nicht übersehen, dass hinter dem jährlichen Wanderungssaldo von etwa – 50.000 sehr viel größere Menschenbewegungen in beide Richtungen stehen, von Ost nach West und von West nach Ost. Tatsächlich verließen im Durchschnitt der Jahre 2005 bis 2007 etwa 137.000 Menschen den Osten in Richtung Westen, aber 84.000 wanderten von dort zu. Und auch bei den meisten Zuwanderern sollte man annehmen, dass sie in erster Linie aus beruflichen Gründen mobil sind. Sie sehen – zumindest vorübergehend – im Osten die besseren Perspektiven als im Westen. Es wird geschätzt, dass etwa 3,4 Prozent der Bevölkerung in den ostdeutschen Flächenländern bis 1989 in Westdeutschland ansässig waren, das sind über 400 000 Menschen. Es ist also keineswegs so, dass der Osten als wirtschaftlicher Zielraum gar niemandem von außen etwas zu bieten hat. (...) Allerdings wandert praktisch niemand vom Westen in die ländlichen Regionen des Ostens. Weit entlegene Landstriche im Osten entleeren sich. Große Teile von Vorpommern und der Uckermark, von Prignitz, Altmark und Jerichower Land, von Südharz und Mansfelder Land bis zum Thüringer Wald, vom Fläming bis zur Dübener Heide, von Niederschlesien bis zum Erzgebirge sind auf dem Weg zu einer extrem dünnen Besiedlung, wie es sie in Deutschland seit der Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert nicht gegeben hat.

Was die Bevölkerungsbilanz betrifft, lässt sich also fast zwei Dekaden nach der Wiedervereinigung am ehesten von einer Art „Teilstabilisierung“ sprechen. Die ostdeutschen Ballungsräume sind zwar keineswegs Magneten der Zuwanderung, aber doch wenigstens einigermaßen stabil; die entlegenen ländlichen Regionen sind es überhaupt nicht. (...)

Kehren wir zurück zu unserer Ausgangsfrage: Was ist die Einheit wert? Wir haben gesehen: Die Spätfolgen des Sozialismus wogen schwer. Das technische Marktwissen war zerstört und nicht einfach durch den Systemwechsel wieder aufzubauen, bis heute. Die Globalisierung hat die Einstiegschancen vielleicht verbessert, aber die Brutstätten des Wissens eher konserviert als verlagert. Stellt man all dies in Rechnung, ist ein Ost-West-Rückstand der Arbeitsproduktivität von – je nach Messung – 20 bis 30 Prozent des Westniveaus nach zwei Dekaden Deutscher Einheit kein schlechtes Ergebnis.

Der Aufbau Ost ist deshalb im Kern eine große historische Leistung. Natürlich ist es legitim, von einer besseren und schöneren Welt zu träumen – mit einem Osten Deutschlands, dessen Wirtschaft den Gipfel der Innovationskraft und Prosperität erstürmt hat und Menschen aus nah und fern wie ein Magnet anzieht. Aber es bleibt eben ein Traum. Denn nach 40 Jahren Abschottung vom Weltmarkt war es extrem schwierig, auf den fahrenden Schnellzug der Globalisierung überhaupt aufzuspringen. Dabei einen Spitzenplatz zu ergattern, das war unmöglich. Was erreicht wurde, ist eine Position im Mittelfeld – ein Stück hinter dem wohlhabenden Westen, aber ein gewaltiges Stück vor den Schicksalsgefährten in Mitteleuropa aus sozialistischer Zeit. Eine gute verlängerte Werkbank des Westens. Noch nicht viel mehr, aber auch nicht weniger.

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