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Denkfabrik Das Vertrauen der Deutschen wächst

Die Deutschen blicken so optimistisch wie lange nicht mehr in die Zukunft. Trotzdem sieht sich nur eine Minderheit als Nutznießer des wirtschaftlichen Aufschwungs.

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Renate Köcher ist u.a. Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach Quelle: Frank Schemmann für WirtschaftsWoche

Der dynamische Aufschwung und die sinkenden Arbeitslosenzahlen hellen die Stimmung der Bundesbürger immer mehr auf. Überwog noch während der ersten Jahreshälfte das Misstrauen gegenüber den wirtschaftlichen Erfolgsmeldungen, wächst seit Juli das Vertrauen kontinuierlich, dass der Aufschwung stabil ist und trägt. Mittlerweile gehen 45 Prozent der Bürger von einem anhaltenden Aufwärtstrend aus, weitere 35 Prozent von einer weitgehend stabilen Lage. Der Anteil, der in den nächsten Monaten einen konjunkturellen Rückschlag befürchtet, ist seit Jahresmitte von 38 auf 10 Prozent geschmolzen.

Skepsis bleibt

Besonders die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt schätzen die Bürger heute völlig anders ein als 2009. Damals rechneten zwei Drittel der Bevölkerung mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen – heute nur noch 17 Prozent. Auch die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes wird heute wesentlich positiver bewertet als im vergangenen Jahr. Allerdings können sich die meisten im Moment noch nicht vorstellen, dass die Arbeitslosenzahlen deutlich unter die derzeit knapp drei Millionen absinken werden.

Rund die Hälfte der Bürger erwartet, dass sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt in den nächsten zwölf Monaten nicht mehr gravierend verändern wird. Lediglich 27 Prozent gehen davon aus, dass die Arbeitslosigkeit binnen eines Jahres weiter verringert werden kann. Wenn jetzt von Wirtschaft und Politik in die öffentliche Diskussion das Ziel der Vollbeschäftigung eingebracht wird, trifft dies in der Bevölkerung auf erhebliche Skepsis. Nur 22 Prozent sind überzeugt, dass mit den richtigen Maßnahmen in absehbarer Zeit in Deutschland Vollbeschäftigung möglich ist. 67 Prozent halten dies für unrealistisch.

Zwei drittel sehen nur geringe Auswirkungen des Aufschwungs

Trotz des unerwartet starken Wachstums der Wirtschaft hat die große Mehrheit der Bürger nicht das Gefühl, dass sie davon persönlich profitiert. Als Nutznießer des Aufschwungs gelten primär die Wirtschaft, der Staat und die wohlhabenden Bevölkerungskreise. Nur eine Minderheit ist überzeugt, dass der Aufschwung der Masse der Bevölkerung zugute kommt. Der Aufschwung beeinflusst zwar die Stimmungslage der meisten erheblich – aber nur begrenzt ihre eigene materielle Lage. So wie 2008 und 2009 konstant nur eine Minderheit direkt die Auswirkungen der Krise spürte, sieht sich jetzt nur eine Minderheit als Nutznießer des Aufschwungs. 30 Prozent ziehen die Bilanz, dass sich die positive Konjunktur mehr oder weniger stark auf ihre eigene Lage auswirkt; zwei Drittel aber sehen keine oder nur sehr geringe Auswirkungen.

Die Anstrengungen von Wirtschaft und Politik, die Krise ohne nennenswerte Freisetzung von Arbeitskräften zu bewältigen, wie auch der hohe Anteil an Rentnern und Transferempfängern führen dazu, dass immer weniger Menschen von konjunkturellen Schwankungen persönlich gravierend betroffen sind – im Positiven wie im Negativen. Es ist jedoch zu erwarten, dass sich im Zuge der nächsten Lohnrunden der Anteil derjenigen erhöht, die sich zu den Nutznießern des Aufschwungs zählen.

Der gefühlte Wohlstand nimmt zu...

Bemerkenswert ist zudem, dass trotz des Konjunktureinbruchs 2008 und 2009 der Anteil derjenigen kontinuierlich zurückgegangen ist, die sich als Wohlstandsverlierer sehen. 2006 zogen 37 Prozent aller Bürger die Bilanz, dass sich ihre wirtschaftliche Lage binnen fünf Jahren verschlechtert hat. Bis 2009 ging dieser Anteil auf 30 Prozent zurück, heute sind es 26 Prozent. Im selben Zeitraum hat sich der Anteil, der eine signifikante Verbesserung seiner Lage konstatiert, von 19 auf 26 Prozent erhöht. Auch die wachsende Konsumfreude der Deutschen bei gleichzeitig steigender Sparquote zeigt, dass zumindest bei einem Teil der Bevölkerung die finanziellen Spielräume gewachsen sind.

Sorgen um die Entwicklung der Preise

...und der Konjunkturoptimismus auch

Dies verführt die Bürger jedoch nicht zur Sorglosigkeit. Der Arbeitsmarkt beunruhigt zwar nur noch eine Minderheit. Dafür machen sich die meisten Sorgen über die Entwicklung der Preise – insbesondere für Energie – und der staatlichen Abgaben, über die Entwicklung der Beiträge der Krankenkassen und ihre Leistungszusagen, über die Stabilität des Rentensystems und die Entwicklung der Staatsschulden. 71 Prozent der Bürger befürchten, dass die Krankenkassen ihre Leistungen kürzen und sich dadurch im Verbund mit steigenden Beiträgen die Gesundheitskosten mittelfristig deutlich erhöhen.

Zwei Drittel beunruhigt die Entwicklung der Preise, ebenso viele die Stabilität des Rentensystems. 61 Prozent befürchten wachsende Lasten auf der Steuer- und Abgabenseite. Auf absehbare Zeit sehen die Bürger für sich persönlich weniger Risiken bei ihrer Einkommenssituation als auf der Ausgabenseite – gerade bei Ausgaben, die sich weitgehend dem Einfluss der Bürger entziehen.

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