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Denkfabrik

Die Diktatur der Alten droht

Die demografische Zeitbombe tickt: Um das Jahr 2015 herum verlieren die Jungen rechnerisch die politische Mehrheit in Deutschland. Steuert die Politik nicht um, droht eine Zerreißprobe für die Demokratie.

Die einstigen Babyboomer werden ihre Macht einsetzen und den Nachkommen immer mehr Lasten aufbürden. Quelle: imago/blickwinkel

Deutschlands demografische Zeitbombe tickt. Die Babyboomer, die 1964 geboren wurden, sind jetzt 50 Jahre alt und wollen in 15, wenn nicht 13 Jahren ihre Rente beziehen. Doch durch die Kombination besonders vieler Alter mit besonders wenigen Jungen entsteht ein fast unlösbarer, aber jetzt schon genauestens vorhersehbarer Generationenkonflikt. Im Jahr 2000 mussten 100 Personen im Erwerbsalter (15–64 Jahre) 24 Personen im Rentenalter (ab 65 Jahre) finanzieren – 2011 waren es schon 31 Personen. In 15 Jahren werden knapp 47 und in 20 Jahren schon 55 Personen zu finanzieren sein, mehr als doppelt so viele wie zum Beginn dieses Jahrhunderts.

In der Geburtenstatistik der OECD steht Deutschland weit unten: Mit 8,4 Geburten pro 1000 Einwohner hat es sich 2012 vom letzten Platz, den es lange innehatte, vor Japan auf den zweitletzten Platz vorgerobbt. Und auch dies gelang nur wegen der Einwanderer, deren Kinder mittlerweile ein Drittel der Neugeborenen in Deutschland ausmachen. Ohne sie lägen wir weit abgeschlagen auf dem letzten Platz der Geburtenstatistik.

Vielen Deutschen droht die Altersarmut
Die Ergebnisse einer neuen Studie besorgniserregend. Es droht eine riesige Versorgungslücke und vielen Bürgern eine akute Altersarmut. Den künftigen Rentnern ist dies zwar durchaus bewusst, allerdings tun sie kaum etwas dagegen. Im Gegenteil: Mehr als ein Viertel der Befragten gab an, die Altersvorsorge komplett zu ignorieren. Das zeigt die Studie „Altersvorsorgereport: Deutschland 2014“ der Sparda-Bank in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Jens Kleine vom Research Center for Financial Services der Steinbeis-Hochschule. Sie gibt einen umfassenden Überblick zum deutschen Altersvorsorgemarkt vorgelegt. Quelle: IMAGO
Das private Vorsorgeverhalten lässt in Deutschland zu wünschen übrig. Die Mehrheit der Bürger will den gegenwärtigen Lebensstandard nicht für die Altersvorsorge einschränken. Dadurch entsteht laut den Berechnungen der Experten eine Versorgungslücke von mehr als 27.000 Euro. Neben einer möglichen Altersarmut des Einzelnen droht in der Gesellschaft ein Generationenkonflikt beim Streit um die Höhe der staatlichen Rente. Quelle: IMAGO
Verantwortlich für die Versorgungslücke sind neben dem Lebensstandard zu geringe finanzielle Möglichkeiten. Rund 75 Prozent der Deutschen fehlt schlichtweg das Geld, um privat vorzusorgen. Besonders betroffen sind dabei die Arbeiter. In dieser Berufsgruppe verfügen nur 19 Prozent über ausreichende finanzielle Spielräume für die private Altersvorsorge. Quelle: IMAGO
Diese Vorsorgeproblematik hat zur Folge, dass die ohnehin schon in der Gesellschaft bestehende Schere zwischen Arm und Reich im Alter noch größer wird. Menschen mit ausreichender Kapitalausstattung sind nämlich in der Lage zusätzlich 325 Euro in die private Altersvorsorge zu stecken. „ Das soziale Ungleichgewicht wird sich im Alter weiter verschärfen. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung wird im Alter gut leben können, wohingegen ein wesentlich größerer Teil mit Einschränkungen oder gar Altersarmut zu kämpfen haben wird“, so Heinz Wings, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Hamburg. Quelle: IMAGO
Trotz dieser möglichen Scherenbildung herrscht insgesamt nur geringes Interesse für Altersvorsorge-Themen. Viele haken das Thema komplett ab – und das obwohl 82 Prozent der Befragten bewusst ist, dass eine rechtzeitige private Altersvorsorge notwendig ist, wenn der bestehende Lebensstandard im Alter fortgesetzt werden soll. Quelle: IMAGO
Neben dem Desinteresse spiegelte sich bei den Befragten auch Unkenntnis wider. Die Studie ergab, dass rund 73 Prozent der Bürger zwar von zu niedrigen Rentenansprüchen ausgeht, allerdings kennen auch weniger als die Hälfte deren tatsächliche Höhe. 50 Prozent der Deutschen hat zudem Angst im Alter vom Existenzminimum leben zu müssen. Vor allem junge Menschen treibt diese Angst um – was Wings zufolge ein gutes Ergebnis ist: „Dass die jungen Menschen die Bedeutung der Altersvorsorge erkannt haben, ist ein äußerst positives Zeichen. Sie haben jedenfalls vom Alter her noch Möglichkeiten, um ausreichend vorzusorgen.“ Quelle: IMAGO
Die Versorgungslücke von 27.000 Euro ergibt sich durch die Berechnung des durchschnittlichen Sparverhaltens. So wollen die Befragten bei Renteneintritt circa 96.000 Euro angespart haben. Doch hierfür legen die Bürger in einem Zeitraum von 21 Jahren im Monat lediglich 179 Euro im Monat zur Seite. Die Experten der Studie haben außerdem mit einem recht hohen Zinssatz von vier Prozent gerechnet. Alles zusammengerechnet – die Sparquote und der durchschnittliche Zinssatz – ergeben statt der anvisierten 96.000 nur 69.000 Euro. Quelle: IMAGO

Noch ahnen die Babyboomer nicht, was ihnen blüht, weil sie von einer glücklichen und historisch einmaligen Konstellation profitieren. Noch nie hat es in der Geschichte Deutschlands eine Gruppe von 50-Jährigen gegeben, die relativ gesehen so wenige alte und junge Menschen miternähren musste wie heute. Vorläufig wird es sie auch nie wieder geben. Die Finanzierung der Eltern können sich die Babyboomer mit ihren vielen Geschwistern teilen, und die Finanzierung der Kinder entfällt mangels Masse. Deshalb bleibt viel Geld für einen beispiellosen Konsumstandard übrig. Aber das schöne Leben wird in etwa 15 Jahren jäh in Verzweiflung umschlagen, wenn alle Babyboomer gleichzeitig in die Rente gehen und von Kindern ernährt werden wollen, die es nicht gibt. Der Sturz vom Konsumhimmel in die Altersarmut wird jäh, tief und schmerzlich sein.

Die politischen Gefahren dieser Entwicklung sind immens. Die Babyboomer werden ihre politische Macht einsetzen, um der absehbaren Altersarmut zu entkommen, indem sie ihren wenigen Nachkommen immer mehr Lasten aufbürden. Wie Silke Übelmesser und ich bereits 2002 prognostiziert hatten, kippt die rechnerische politische Mehrheit der Jungen bereits um das Jahr 2015. Danach haben jene Wähler, die hinreichend alt sind, um von Renten- und Beitragserhöhungen zu profitieren, mehr Stimmen als diejenigen, die dabei per saldo, über das ganze Leben gerechnet, verlieren. Deutschland wird also zur Gerontokratie.

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