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Denkfabrik

Traumjob Minijob?

In Deutschland gibt es keinen Trend zu "prekärer" Beschäftigung. Die Zahl sozialversicherungspflichtiger Vollzeitjobs nimmt zu, die vielfach kritisierten Minijobs sind bei den Bürgern in Wahrheit beliebt.

Arbeiter Quelle: dapd

In einem Umfeld voller Unsicherheiten und Risiken entwickelt sich der deutsche Arbeitsmarkt bemerkenswert. Während die Arbeitslosenzahl in Südeuropa steil ansteigt und in vielen anderen europäischen Ländern stagniert, baut Deutschland kontinuierlich Arbeitsplätze auf. 28,6 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigte bedeuten den höchsten Stand seit fast 20 Jahren. Die Arbeitslosenquote geht kontinuierlich zurück und liegt mit rund sieben Prozent heute auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung.

Die außerordentlich robuste Verfassung des Arbeitsmarktes spiegelt sich auch in der Einschätzung über die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes wider. Nur noch neun Prozent der Erwerbstätigen befürchten, sie könnten in absehbarer Zeit ihren Arbeitsplatz verlieren. Noch nie waren die Sorgen um den Job in den vergangenen 20 Jahren niedriger als heute.

Entgegen der Behauptung, es würden vor allem „prekäre“ Arbeitsverhältnisse aufgebaut, nimmt vor allem die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten zu. Allein im Jahr 2011 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten um rund 718.000 gestiegen, die der Vollzeitbeschäftigten um 422.000 – während die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten um fast 60.000 zurückgegangen ist.

Es ist auch keineswegs so, dass die meisten geringfügig Beschäftigten in diese Beschäftigungsform gedrängt wurden und an sich lieber eine Teilzeit- oder Vollzeitstelle hätten. 57 Prozent der Minijobber sind mit ihrer Beschäftigungsform zufrieden; ein Teil von ihnen hat parallel eine Teil- oder Vollzeitstelle. Anders als die Zeitarbeit werden Minijobs auch von der überwältigenden Mehrheit der Bürger positiv bewertet und als Beschäftigungsform gesehen, die keineswegs primär den Interessen der Arbeitgeber dient.

Wie gestresst die Deutschen sind
Die Rationalisierungen der vergangenen Jahre und eine gute Auftragslage sorgen aktuell für gute Zahlen bei vielen Unternehmen. Die Zeche zahlen vielfach die Arbeitnehmer - die Produktivität ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Laut einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes fühlen sich viele Mitarbeiter mittlerweile im Job überfordert. Niemand muss sich aber vom Vorgesetzten zu ständigen Höchstleistungen zwingen lassen.  "Jeder Mitarbeiter muss nur Leistungen mittlerer Art und Güte erbringen", sagt Henning Timm, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Rölfs Partner in München. Vermeintliche Minderleister haben gute Karten. Erst wenn Arbeitnehmer über einen langen Zeitraum nicht die ihnen eigentlich mögliche Leistung erbringen, kann der Chef zunächst eine Abmahnung und anschließend eine Kündigung aussprechen. Eine Kündigung hat deshalb in vielen Fällen nur geringe Erfolgschancen. Viele Unternehmen entwickeln daher spezielle Coachingsystem für schwächere Mitarbeiter oder versetzen sie auf weniger anspruchsvolle Jobs. "Bevor eine verhaltens- oder personenbedingte Kündigung ausgesprochen werden kann, muss aber klar sein, dass ein Coaching gescheitert ist, etwa, weil der Mitarbeiter weiterhin stark unterdurchschnittliche Leistungen abliefert", sagt Timm. "In der Praxis haben Arbeitgeber gegen Minderleister, die nicht mit Vorsatz Minderleistungen abliefern, häufig nur wenig in der Hand". Quelle: picture-alliance/ obs
ArbeitshetzeIn Deutschland fühlt sich jeder zweite Beschäftigte bei der Arbeit sehr häufig (21 Prozent) oder oft (31 Prozent) gehetzt. Arbeitnehmerinnen sind davon besonders betroffen. Laut DGB-Studie leiden alle Altersgruppen und Branchen an Stress. Doch manche sind besonders gefährdetet: 60 Prozent der Vorgesetzten fühlen sich im Beruf gehetzt. Die Branche, in der sich die meisten Mitarbeiter gestresst fühlen, ist das Gastgewerbe. 70 Prozent beträgt hier der Anteil der Gehetzten. Quelle: Reuters
Im Gesundheits- und Sozialwesen sind es immerhin noch 65 Prozent. Auffallend ist, dass sich Beschäftigte, die im Kontakt mit Menschen stehen, besonders oft gestresst fühlen. Quelle: dapd
Leistungsverdichtung63 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland geben an, dass sie seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten müssen. In allen Beschäftigungsgruppen und in jedem Wirtschaftszweig berichtete eine deutliche Mehrheit, dass die Arbeitsintensität zugenommen hätte. Den Spitzenplatz der Branchen erreicht das Baugewerbe. Hier geben 73 Prozent der Beschäftigten an, zunehmend mehr leisten zu müssen. Mit 68 Prozent liegt der Gesundheitssektor auf dem zweiten Platz, dicht gefolgt vom Bereich Information und Kommunikation (67 Prozent). Von den Beschäftigten, die voll und ganz der Meinung sind, dass sie seit Jahren immer intensiver arbeiten müssen, fühlen sich insgesamt 73 Prozent gehetzt. Quelle: dpa
Urteil: Überstunden sind nicht automatisch abgegoltenKlauseln wie „erforderliche Überstunden sind mit dem Monatsgehalt abgegolten“ sind in Arbeitsverträgen nicht erlaubt. Das hat das Bundesarbeitsgericht entschieden (Az: 5 AZR 517/09 vom 1. September 2010). Geklagt hatte ein Arbeitnehmer, dessen Überstunden zwar auf einem Zeitkonto dokumentiert wurden, der dafür aber am Ende des Arbeitsverhältnisses von seinem Chef kein Geld bekommen sollte. Das Gericht hielt die Klausel nicht für ausreichend transparent, da der Umfang der Überstunden nicht klar sei. Quelle: dapd
Ständige ErreichbarkeitDas Telefon klingelt nicht nur auf der Arbeit. 27 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen sehr häufig oder oft außerhalb ihrer Arbeitszeit erreichbar sein. Deutlich über dem Durchschnitt der ständigen Erreichbarkeit liegen Vorgesetzte. 40 Prozent von ihnen gaben an, auch in Ihrer Freizeit per Mail oder Handy erreichbar sein zu müssen. Häufig (43 Prozent) geben auch Berufstätige aus dem Sektor Erziehung und Unterricht an, über die normale Arbeitszeit hinaus erreichbar sein zu müssen. Quelle: dpa
Urteil: Keine Abrufbereitschaft im UrlaubDer Chef darf seine Angestellten in der Regel nicht aus dem Urlaub zurückbeordern. Das hat das Bundesarbeitsgericht entschieden (Az: 9 AZR 405/99 vom 20. Juni 2000). Ob es dringende Gründe gibt, warum der Arbeitnehmer keinen Urlaub nehmen kann, müsse sich der Arbeitgeber vor der Gewährung des Urlaubs überlegen. Eine Abrufbereitschaft verstoße gegen den gesetzlich garantierten Erholungszweck. Quelle: dpa

Nicht nur der dynamische Aufbau von Arbeitsplätzen ist bemerkenswert, sondern auch die veränderte Struktur der Beschäftigten. Während immer wieder neu über die Verlängerung der Lebensarbeitszeit gestritten wird, verläuft die faktische Entwicklung spektakulär und gleichzeitig völlig geräuschlos. Im Jahr 2000 waren lediglich 28 Prozent der 60- bis 65-jährigen Männer erwerbstätig, ein Jahrzehnt später 49 Prozent. Der Anteil erwerbstätiger Frauen in dieser Altersgruppe erhöhte sich im selben Zeitraum von 12 auf 33 Prozent, hat sich also innerhalb von einem Jahrzehnt fast verdreifacht.

Frauen stellen unter den Beschäftigten einen immer höheren Anteil, da die Erwerbsquote von Frauen stetig wächst, anders als bei Männern. Anfang der Neunzigerjahre waren 78 Prozent der 15- bis 65-jährigen Männer erwerbstätig, dagegen nur 57 Prozent der gleichaltrigen Frauen. Heute liegt die Erwerbsquote von Männern knapp unter dem Niveau von 1991, die der Frauen dagegen rund zehn Prozent höher.

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