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Denkfabrik

Unflexible Azubis

Das System der dualen Berufsausbildung in Deutschland hat sich bewährt. Ausruhen sollte man sich darauf nicht, denn eine Gefahr wird unterschätzt: Angesichts des Strukturwandels in der Wirtschaft kann die frühe und hohe Spezialisierung der Auszubildenden ihre Jobchancen im Alter beeinträchtigen.

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Tischlerlehrlinge fertigen ihre Abschlussarbeiten am Quelle: dapd

Die duale Berufsausbildung, in der Lehrlinge parallel im Betrieb und in der Berufsschule ausgebildet werden, hat eine tief verwurzelte Tradition im deutschsprachigen Raum. Hierzulande durchläuft mehr als die Hälfte eines jeden Jahrgangs eine Lehr- oder Anlernausbildung.

Das Besondere an unserem System: Die Jugendlichen erwerben berufsspezifische Kompetenzen, die meist passgenau auf die spätere Berufstätigkeit vorbereiten. Die Azubis kennen daher die Realität der Wirtschaft und besitzen in der Regel exakt die Kompetenzen, die die Unternehmen erwarten. Deshalb fällt ihnen der Übergang von der Schul- in die Arbeitswelt vielfach leichter als Absolventen allgemeinerer Bildungsgänge.

Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite: Wenn sich die von der Wirtschaft benötigten Kompetenzen über die Zeit verändern, dann steigt die Gefahr, dass die jeweils auf einen spezifischen Beruf ausgerichteten Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr benötigt werden. Der sich beschleunigende technologische und (berufs-)strukturelle Wandel führt dazu, dass ganze Industrien nach Osteuropa oder Ostasien abwandern.

Dynamische Aspekte der Ausbildung fehlen

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    Trotz bester Ausbildung werden in der deutschen Wirtschaft daher zum Beispiel kaum mehr Schneider nachgefragt. Dafür benötigen die Betriebe umso mehr Mechatroniker. Und wer weiß, welche Kompetenzen in 30 Jahren – wenn die heutigen Azubis noch nicht einmal 50 Jahre alt sind – in der Wirtschaft gefragt sind?

    Allgemeinere Bildungsinhalte, die nicht auf einzelne Berufsgruppen zugeschnitten sind, lassen sich vergleichsweise leichter in anderen Berufszweigen anwenden. Diesen Aspekt der Berufsausbildung in einer dynamischen und globalisierten Wirtschaft machen wir uns hierzulande nicht genügend bewusst.

    Eine neue Studie von Eric A. Hanushek (Stanford University), Lei Zhang (Tsinghua University) und mir zeigt diesen Konflikt zwischen besseren Beschäftigungschancen in jungen Jahren und schlechteren in älteren Jahren auf und belegt seine empirische Relevanz.

    Daten von 15 000 Menschen im Alter von 16 bis 65 Jahren aus 18 Ländern erlauben es uns, die Beschäftigungsstrukturen über den gesamten Berufslebenszyklus abzubilden. Einflussfaktoren wie individuelle sprachliche und mathematische Kompetenzniveaus oder Aspekte der familiären Herkunft sind in der empirischen Analyse herausgerechnet.

    Leichter Einstieg, frühes Ausscheiden

    Arbeitslose vor dem Arbeitsamt Quelle: ZB

    Die Studie liefert deutliche Belege für beide Seiten der Medaille: Im Vergleich zu einer allgemeinen Bildung erleichtert die berufsspezifische Ausbildung den Einstieg in den Arbeitsmarkt – führt aber später zu einem verfrühten Ausscheiden. Dieses Muster findet sich bei Betrachtung aller 18 Länder. Besonders ausgeprägt ist es aber in den drei untersuchten Ländern mit strukturierten Lehrlingsausbildungssystemen – in Deutschland, Dänemark und der Schweiz.

    In Deutschland sinkt die Beschäftigungsquote der Männer mit Berufsausbildung in der Gruppe der über 55-Jährigen auf unter ein Drittel, wohingegen sie bei Personen mit allgemeiner Bildung bei drei Vierteln bleibt. Dasselbe divergierende Altersmuster lässt sich für die Arbeitslosigkeit nachweisen.

    Einen groben Anhaltspunkt, in welchem Verhältnis der (frühe) Nutzen einer höheren Jobaktivität zu den (späteren) Kosten einer geringeren Beschäftigung steht, liefert die Berechnung des Lebenseinkommens. In der Schweiz fällt dieser Kosten-Nutzen-Vergleich für die berufsspezifische Ausbildung besser aus als für die allgemeine Bildung, in Deutschland und Dänemark ist es umgekehrt.

    Es passt zu den deutlich höheren Wachstumsraten der deutschen und dänischen Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten, wenn das höhere Wachstum mit einer schnelleren Veränderung einhergeht und es Personen mit allgemeiner Bildung leichter fällt, sich an veränderte wirtschaftliche Anforderungen anzupassen.

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      "Die Anzahl der Ausbildungsberufe sollte sinken"

      Derartige Berechnungen bilden zwar weder aus Sicht des Staates noch des Individuums das volle Kosten-Nutzen-Bild ab, da sie die Renten- und Sozialversicherungsströme nicht berücksichtigen. Aber sie warnen vor einer Politik, die sich lediglich auf die derzeitigen Beschäftigungsmuster konzentriert und die zukünftige Dynamik einer wachsenden Wirtschaft ignoriert.

      Sicherlich besteht in Deutschland kein Grund, das System der dualen Berufsausbildung über Bord zu werfen. Es hat viele überaus positive Aspekte. Aber wir sollten es zukunftsfähig halten, indem wir die frühe Spezialisierung der Auszubildenden ein Stück weit verringern.

      Für eine solche breitere Ausrichtung müsste unter anderem die Anzahl der spezifischen Ausbildungsberufe – die hierzulande weit höher ist als etwa in Österreich und der Schweiz – sinken und der allgemeinbildende Anteil an den Ausbildungsinhalten deutlich gestärkt werden. Das Interesse der Auszubildenden an einer langfristigen Teilhabe am Erwerbsleben ist hier über das Interesse einzelner Betriebe an kurzfristiger Verwendbarkeit zu stellen.

      Ich bin sicher: Solche Reformen würden die duale Berufsausbildung, die wesentliche Beiträge zur deutschen Humankapitalbildung leistet, fit machen für die Zukunft.

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