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Der Soziologe Gerhard Schulze im Interview "Risiko ertüchtigt uns"

Der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze über die Vorzüge der Habgier, die Freude am Risiko, die Möglichkeiten der offenen Moderne – und die Langeweile im Paradies.

Gerhard Schulze, Bamberger Soziologe Quelle: Robert Brembeck für WirtschaftsWoche

WirtschftsWoche: Herr Schulze, man kann nicht über die Finanzmarktkrise reden, ohne sogleich dem Wort Habgier zu begegnen. Tritt die Habgier so inflationär in Erscheinung, weil sich die Krise mit ihr leichter erklären lässt – ohne sie verstehen zu müssen?

Gerhard Schulze: Auf den ersten Blick vielleicht. Aber die wiederkehrende Diskussion über die Habgier fördert auch das kollektive Lernen und erleichtert uns den Umgang mit ihr. Wir sollten jetzt nicht in den Chor der politischen Gegenwartskleriker einstimmen, die das ganz natürliche Haben-Wollen der Menschen wieder als Todsünde verdammen.

Begehrlichkeit aktiviert Wirtschaftsprozesse und führt zu den Überschüssen, die Verteilung erst möglich machen. Wären wir alle Asketen, befände sich das Konsumklima auf dem Tiefstand, die Banker würden sich schämen, Kredite zu geben, und die Unternehmer gingen zur Caritas – allerdings hätten sie nichts, was sie den Armen geben könnten.

Moralisch haben wir also nichts aus der Finanzkrise zu lernen?

Es geht nicht um moralisches, sondern um technisches Lernen. Und ich denke, dass gerade die Finanzmarktkrise zeigt, dass sich die wirtschafts-, finanz- und geldpolitischen Fehler der Großen Depression nicht wiederholen. Darüber sollten wir uns freuen.

Das tun wir – und loben: Politiker, Unternehmer, Tarifpartner und Konsumenten verhalten sich in der Krise kooperativ, pragmatisch und vernünftig. Keine Spur von Panik. Wie kommt's?

Vielleicht liegt das daran, dass die Akzeptanz von Kapitalismus und Marktwirtschaft mittlerweile deutlich größer ist, als wir gelegentlich meinen. Es gibt bereits Erinnerungen an andere Krisen. Wir erleben im 21. Jahrhundert schon die dritte Delle – und alle wissen: Das muss jetzt durchgestanden werden...

…damit die Habgier den nächsten Innovationszyklus einläuten kann? Aber warum nimmt die Habgier in Wohlstandsgesellschaften nicht tendenziell ab – und weicht dem Verlangen nach einem schönen Leben?

Das tut sie doch. Aber bitte: Lassen Sie mich statt der Habgier einen Begriff verwenden, der nicht so moralisch aufgeladen ist und mit dem sich der Lernprozess moderner Gesellschaften besser beschreiben lässt: den Begriff des Eigennutzes.

Seit Adam Smith, dem Urvater der klassischen Volkswirtschaftslehre, wissen wir: Der Eigennutz treibt unsere Wirtschaft an – zum Nutzen aller. Meine Ergänzung wäre, dass sich der Eigennutz dabei sehr unterschiedlich konkretisiert. Am Anfang einer industriellen Entwicklung wie zum Beispiel im heutigen China geht es um die Befriedigung von Grundbedürfnissen – und der Eigennutz richtet sich unverblümt aufs Materielle.

Bei uns hingegen, in der gereiften Moderne, interessiert sich der Eigennutz viel stärker für immaterielle Güter – etwa für öffentliche Sicherheit, für die Schönheit einer Stadtlandschaft, für die Ruhe als Freiheit vom Lärm oder für die Lebenszeit, die er in sich selbst investieren kann.

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