WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Der Volkswirt Liberalismus als Kraft gegen die Weltwirtschaftskrise 1932

Alexander Rüstow im „Volkswirt“ vom 11. November 1932 über das einzige gute Mittel zur Bekämpfung einer großen Krise: liberale Wirtschaftspolitik.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Aufgeregte Aktionäre stehen Quelle: dpa/dpaweb

Über die Einsicht, dass die gegenwärtige deutsche Krise zu einem erheblichen Teil durch Interventionismus und Subventionismus der öffentlichen Hand verursacht ist, herrscht unter den Urteilsfähigen Einigkeit. Aus solcher Einigkeit könnte man versucht sein, die tröstliche Hoffnung abzuleiten, dass man durch Schaden klug geworden und also vor einer Wiederholung gesichert sei. Ich glaube aber, diese Überzeugung hat im Ernst niemand; wir haben vielmehr das höchst beunruhigende Gefühl, dass sich entsprechende Vorgänge mit entsprechend verhängnisvollen Folgen jederzeit wiederholen könnten und wiederholen werden, wenn nicht entscheidende und durchgreifende Änderungen eintreten. Und ich bin in der Tat der Meinung, dass nicht die Wirtschaft unser Schicksal ist, sondern der Staat – und dass der Staat auch das Schicksal der Wirtschaft ist.

Wenn wir uns die Ausgangssituation all jener Interventionen und Subventionen klarmachen, dann ist es gewöhnlich so, dass durch irgendeine meist von außen kommende Strukturveränderung die Konkurrenzbedingungen für irgendeinen Teil der nationalen Wirtschaft verschlechtert sind und dass nun zur Kompensation dieser Verschlechterung, zum Schutze des betreffenden Wirtschaftszweiges, eingegriffen wird.

An sich kann man sich gegenüber einer solchen Lage verschieden verhalten. Das eine mögliche Verhalten ist, dass man den Dingen ihren Lauf lässt, nach der Maxime: laissez faire, laissez passer. Was geschieht dann? Über eine Reihe von Reibungen und Verschiebungen stellt sich irgendwann und -wie ein neues Gleichgewicht her. Es besteht Einigkeit darüber, auch mit den wirtschaftswissenschaftlich gebildeten Vertretern interventionistischer Anschauungen, dass, wenn erst einmal dieser Zustand des neuen Gleichgewichts erreicht ist, er die optimale, für die Gesamtheit günstigste Lösung darstellt. Aber wann tritt dieser Zustand ein, und wie groß sind die Schäden und Verluste, die sich in der Zwischenzeit auf die Betroffenen häufen?

"Ohne nach öffentlicher Hilfe zu jammern"

Wenn es uns heute unerträglich erscheint, solchen Dingen mit verschränkten Armen zuzusehen, wenn wir uns für Volksgenossen mitverantwortlich fühlen, die ohne ihre Schuld in eine wirtschaftliche Notlage kommen, der sie nicht gewachsen sind, so braucht nicht erst besonders betont zu werden, dass diese Einstellung an sich einen sozialen Fortschritt darstellt.

Ich will auch nicht von der Übertreibung dieser Einstellung reden, von jener Wehleidigkeit, mit der heute fast jeder Interessent erwartet, dass auf jedes Wehwehchen, und sei es noch so klein, sofort von öffentlicher Hand ein möglichst großes Pflaster geklebt wird, ein Pflaster, das letzten Endes aus unserer Haut geschnitten werden muss. Gegenüber einer solchen Wehleidigkeit bedeutete der vielgescholtene Manchester-Liberalismus eine sehr viel männlichere und mutigere Haltung, eine Haltung, in welcher der Unternehmer zu kämpfen wusste, ohne nach öffentlicher Hilfe zu jammern.

Auch hat man die Widerstandsfähigkeit, die Leidensfähigkeit der Wirtschaft offensichtlich weit unterschätzt. Eine Wirtschaft, die die katastrophalen Folgen dieser Interventionen derart ausgehalten hat wie die unsere – sie hätte das, wovor man sie durch den Bärendienst dieser Intervention schützen wollte, ganz bestimmt erst recht aushalten können.

Aber die Probe auf dieses Exempel ist nicht gemacht worden. Man hat vielmehr eingegriffen, und zwar in einer Weise, die rein psychologisch verständlich ist, nämlich reaktiv, entgegen der von außen kommenden Störung. Wenn zum Beispiel die Folge einer weltwirtschaftlichen Strukturveränderung ein Sinken irgendwelcher Preise ist, so ergreift man Maßnahmen, um die Preise hochzumanipulieren. Wenn Löhne oder sonstige Einkommen sinken oder nicht so steigen, wie man es für wünschenswert hält, legt man eben auf allgemeine Kosten oder unmittelbar aus öffentlichen Kassen zu. Wenn irgendwo Kapitalverluste drohen oder eintreten, so springt man mit Staatsgarantien ein oder füllt aus öffentlichen Mitteln auf.

Da nun aber die Strukturveränderungen, denen man auf diese Weise entgegenwirken will, gewöhnlich nicht stehen bleiben, sondern sich fortsetzen, da es sich nicht selten um große säkulare Verlagerungen handelt, die sich mehr und mehr verstärken, so muss man immer von Neuem und immer schärfer in der gleichen Gegenrichtung eingreifen, um die beabsichtigte Wirkung immer wieder zu erzielen. Außerdem gewöhnen sich die Interessenten rasch an diese Nachhilfe. Der Appetit kommt beim Essen, und so ergibt sich jene Schraube, die wir kennen, jene Schraube mit dem schlimmen Ende, an dem wir jetzt angelangt sind.

Inhalt
  • Liberalismus als Kraft gegen die Weltwirtschaftskrise 1932
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%