Der Wandel in Zahlen Erst Vollbeschäftigung, dann Vollkatastrophe

Die gute Nachricht zuerst: Schon im Jahr 2015 kann es in Deutschland Vollbeschäftigung geben. Doch danach geht es nur noch bergab. 2030 könnte es zehn Millionen mehr Jobs als Arbeitnehmer geben.

Wer arbeitet am härtesten in Europa?
Hier fasst sogar die Kanzlerin mit an. Dieses Bild vermittelt Angela Merkel zumindest bei der Versammlung der Schornsteiger-Innung in Mecklenburg-Vorpommern. Dass Merkel in den vergangenen Jahren zu Hause oder im Kanzleramt den Besen geschwungen hat, darf bezweifelt werden. Aber sie steht einer arbeitsamten Nation vor. Das jedenfalls glauben die Bürger in Europa, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov unter insgesamt 7.573 Personen in sieben europäischen Ländern zeigt. Quelle: dpa
Für viele Deutsche ein Schreckensort, den man nicht gern aufsucht: die Arbeitsagentur. Doch vielleicht trägt auch die seit den Hartz-Reformen von 2003 geltende Politik des Förderns und Forderns, für welche die Arbeitsagentur Sinnbild geworden ist, dazu bei, dass die Deutschen immer bemüht und beschäftigt wirken. In allen einbezogenen Ländern sahen die Befragten die Deutschen als fleißigste der 27 EU-Nationen an, in Deutschland selbst sehen das 46 Prozent der 1.033 Befragten so. Quelle: dpa
Die Deutschen sind für ihr Handwerk weltbekannt, das als ordentlich, vertrauenswürdig und pünktlich gilt. Das ist sicher ein ideales Zerrbild, hier im Kreis Biberach mit der niedrigsten Arbeitslosenquote in Baden-Württemberg symbolisch in Stein gefasst. Doch offenbar prägt die robuste Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt, die mit Sicherheit auch auf das Konto des produzierenden und baulichen Gewerbes mit seinen relativ stabilen 10,3 Millionen Arbeitsplätzen geht, das deutsche Image im europäischen Ausland. Quelle: dpa
Ebenfalls europäische Musterschüler sind – aus der Sicht der Deutschen – die Schweden. Zwölf Prozent der Befragten nennen die Wahlheimat von Fußball-Arbeitstier Zlatan Ibrahimovic die „am härtesten arbeitende Nation“. Vielleicht liegt der Anschein aber auch in dem Glamour und der Ordnung begründet... Quelle: dpa
...die man einer konstitutionellen Monarchie instinktiv zuordnet. Die Hochzeit von Prinzessin Madeleine und Christopher O'Neill am 8.Juni hat sicher auch eine Menge Arbeit bereitet, in die sich schwedische Angestellte stürzen durften. Quelle: dpa
Kritiker monieren, der Eindruck täusche. Angesichts von mehr und mehr Stellen im Niedriglohnsektor – 2012 nach offiziellen Zahlen 7,5 Millionen Menschen oder knapp 23 Prozent der Erwerbstätigen und damit – herrsche auf dem deutschen Arbeitsmarkt alles andere als eine gute Situation. Laut Statistischem Bundesamt waren 2010 rund 52 Prozent der ausschließlich in einem Minijob Beschäftigten damit unzufrieden, wollten eine volle Stelle. Nicht für alle arbeitswilligen Bürger gibt es die passende Arbeit, doch das trübt offenbar das Bild der Deutschen im Ausland nicht, von Hartz-IV-Schmarotzern spricht dort keiner. Quelle: dpa
Das Bild ist sogar so positiv, dass etliche Personen aus anderen Ländern nach Deutschland zum arbeiten kommen. Etwa diese rumänischen und polnischen Erntehelfer, die Spreewaldgurken sortieren. Die Deutschen bewerten ihre Nachbarn hingegen zurückhaltend. Während Polen in der YouGov-Umfrage noch ziemlich gut abschneidet und gemeinsam mit Großbritannien und den Niederlanden zumindest von zehn Prozent der deutschen Bürger als arbeitsamste Nation angesehen wird, landet Rumänien abgeschlagen auf Platz 13 von 27 bewerteten Ländern. Quelle: dpa

Im Juni betrug die Arbeitslosenquote in Deutschland 6,5 Prozent. Das sind 2,8 Millionen Menschen ohne Job. Aus der heutigen Perspektive scheint das trotz des starken Rückgangs der letzten Jahre noch zu viel. Und doch werden sich die Bundesbürger vielleicht in ein paar Jahren danach zurücksehnen. Denn Deutschlands Zukunft wird durch ein Überangebot an Arbeit geprägt sein – davon gehen die Autoren einer aktuellen Studie aus.

Die Unternehmensberatung BCG untersuchte die Entwicklung von 25 verschiedenen Arbeitsmärkten. Das Ergebnis: In vielen Ländern wird es bis 2020 noch mehr Arbeitnehmer als Jobs geben. Zehn Jahre später sieht das allerdings ganz anders aus. Für Deutschland fallen die Prognosen besonders düster aus.

In der Bundesrepublik werden schon in sechs Jahren zwei Millionen Arbeitnehmer fehlen. Bis zum Jahr 2030 kann sich die Zahl sogar auf zehn Millionen erhöhen. Im internationalen Vergleich steht Deutschland damit schlecht dar: Sogar in Japan, bislang immer das Paradebeispiel für die dramatischen Folgen des demographischen Wandels, wird die Lücke nicht so groß ausfallen.

Noch schlimmer als die Bunderepublik trifft es nur Brasilien. Dem WM-Gastgeber werden in sechs Jahren vorrausichtlich neun Millionen Arbeitskräfte fehlen. Dieser Wert kann sich allerdings bis zum Jahr 2030 auf bis zu 41 Millionen erhöhen. Diese Zahl entspricht 33 Prozent der Arbeitskräfte und ist damit die größte Arbeitskräftelücke der 25 untersuchten Volkswirtschaften.

Auch zwei andere BRIC-Staaten trifft der Wandel hart. Hat China im Jahr 2020 noch einen Überschuss zwischen 55 Millionen und 75 Millionen Arbeitskräften, kann das zehn Jahre später schon ganz anders aussehen. Die Autoren der Studie sagen der Volksrepublik einen Mangel von bis zu 25 Millionen Arbeitnehmern voraus. Russland wird schon im Jahr 2020 mehr Jobs als Arbeitnehmer haben.

Anders sieht es in den USA aus. Dort wird es in zehn Jahren voraussichtlich einen Überschuss von 17 Millionen bis 22 Millionen Erwerbstätigen geben – und auch 2030 verfügen die USA noch über ein Plus von mindestens sieben Millionen Arbeitnehmern. Der größten Herausforderung sieht sich Südafrika mit einem Überhang von 36 Prozent im Jahr 2020 gegenüber, der bis 2030 sogar auf 39 Prozent steigen kann.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Einen Weg aus dieser Misere zu finden, ist schwierig. Selbst wenn ab sofort wieder sehr viel mehr Kinder geboren werden, könnte Deutschland die Situation bis 2030 kaum entschärfen. Um die Lücke zu schließen, müsste laut Studie Folgendes geschehen: Die Erwerbstätigenquote der 65-Jährigen und Älteren müsste sich von aktuell etwas über vier Prozent auf zehn Prozent erhöhen. Die Erwerbstätigenquote von Frauen müsste sich von derzeit 71 auf 80 Prozent erhöhen.

Außerdem müssten mehr Frauen Vollzeit arbeiten. Und weil das immer noch nicht reicht, müsste sich auch noch die jährliche Nettozuwanderung auf 460.000 erhöhen. Und weil auch das immer noch nicht reicht, müssten auch noch enorme Investitionen in Bildung und Qualifizierung folgen, damit sich die Arbeitsproduktivität von aktuell 0,9 Prozent auf 1,2 Prozent erhöht.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%