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Destatis-Chef erklärt Was Statistik über die Folgen der Pandemie so schwierig macht

Gerade in der Coronakrise sind viele Menschen auf der Suche nach verlässlichen Zahlen, um sich zu orientieren Quelle: imago images

Noch ist unklar, wie hart der Corona-Ausbruch die Wirtschaft trifft und schon getroffen hat, auch wegen Schwächen der Statistik. Das will das Statistische Bundesamt ändern, wie der Destatis-Chef im Interview erklärt.

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Georg Thiel ist Präsident des Statistischen Bundesamtes (Destatis) und außerdem Bundeswahlleiter.

In Zeiten der Corona-Pandemie suchen die Menschen verzweifelt nach gesicherten Zahlen. Das ist ja genau Ihr Metier. Wie können Sie helfen?
Georg Thiel: Verlässliche statistische Daten, die von allen als Grundlage anerkannt werden, sind ein hohes Gut – gerade in Krisenzeiten. Weil sie Orientierung in der unübersichtlichen Lage geben. Und weil sie wichtig für faktenbasierte Entscheidungen und politische Maßnahmen sind. Das gilt für das Robert-Koch-Institut, das amtliche Infiziertenzahlen liefert. Und das gilt für uns, etwa wenn es darum geht, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie aufzuzeigen. Gerade die realwirtschaftlichen Konjunkturindikatoren und das Bruttoinlandsprodukt werden in den nächsten Wochen und Monaten stark national und international im Fokus stehen.

Prognosen sind zweifelsohne wichtig, aber in Krisenzeiten oftmals wenig treffsicher. Unsere Zahlen werden dann zeigen, was wirklich passiert ist, wie schwer die Krise uns wirtschaftlich getroffen hat. Aber auch strukturelle Daten aus den Bevölkerungs-, Gesundheits- und Sozialstatistiken sind in der aktuellen Situation von großer Bedeutung. Um alle relevanten Daten gebündelt und übersichtlich zugänglich zu machen, haben wir an diesem Montag eine Internet-Sonderseite zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie live geschaltet, auf der man die wichtigsten Indikatoren finden und deren Entwicklung verfolgen kann.

Georg Thiel ist Präsident des Statistischen Bundesamtes (Destatis) und außerdem Bundeswahlleiter Quelle: PR

Was genau planen Sie auf der Sonderseite?
Auf unserer Corona-Sonderseite zeigen wir die wichtigsten Konjunkturindikatoren im Überblick, aber auch besonders im Fokus stehende Ergebnisse wie den Außenhandel mit Ländern oder Waren, die besonders von der Pandemie betroffenen sind. Daneben werden wir dort wichtige infrastrukturelle Informationen zugänglich machen, zum Beispiel über das Gesundheits- und Pflegesystem in Deutschland und im internationalen Vergleich. Unternehmen finden zudem wichtige Informationen für Ihre Statistikmeldungen. Wir wissen, dass die Lage für viele Unternehmen im Moment sehr schwierig ist. Aber um die Lage der Wirtschaft abzubilden, sind diese Meldungen wichtig. Nur so können beispielsweise wirtschafts- und finanzpolitische Unterstützungsmaßnahmen zielgerichtet ausgestaltet werden. Meine Bitte an alle Unternehmen: Ihre Datenlieferung ist jetzt wichtiger denn je. Bitte erfüllen Sie diese auch in schwieriger Zeit.

Bürger, Unternehmen, Politiker, jeder kann bei Ihnen Datenanfragen stellen. Hat sich durch Corona geändert, welche Themen die Menschen interessieren?
Natürlich drehen sich viele Anfragen um das Thema Corona. Wie ist unser Gesundheitssystem ausgestattet? Wie steht es um die besonders gefährdeten Älteren? Wie viele Pflegebedürftige gibt es und wie viel Pflegepersonal? Aber auch wirtschaftliche Fragen stehen im Vordergrund: Etwa nach der Zahl der Selbstständigen, von denen viele besonders von den wirtschaftlichen Folgen betroffen sind, oder wie die Menschen in den systemrelevanten Berufsgruppen verdienen. Von besonderem Interesse sind auch die wirtschaftlichen Verbindungen und Verflechtungen Deutschlands mit der übrigen Welt. Häufig gefragt wird zudem nach Preisen für bestimmte Produkte.

Ein Problem vieler Statistiken ist, dass sie erst mit großer zeitlicher Verzögerung veröffentlicht werden. Wollen Sie das ändern? Und können Sie das überhaupt?
Statistiken bilden immer die Vergangenheit ab. Zudem gibt es bei der Statistik immer einen Konflikt zwischen Genauigkeit und Aktualität. Sehr aktuelle Daten sind nichts wert, wenn sie ungenau sind und im schlimmsten Fall in die falsche Richtung weisen. Dann werden falsche Entscheidungen getroffen. Sehr genaue Daten sind aber auch nichts wert, wenn sie erst zu einem Zeitpunkt vorliegen, zu dem Entscheidungen schon längst getroffen werden mussten. In diesen Zeiten muss hier eine neue Justierung erfolgen. Generell gilt: Je aktueller wir sein wollen, desto mehr rückt die statistische Methodik in den Vordergrund. Und da wird es schwierig. Zum Beispiel funktionieren viele Schätzverfahren nicht, da sie auf ökonomischen Zusammenhängen der Vergangenheit basieren. In einer nie dagewesenen Krise sind aber genau diese Zusammenhänge nicht mehr gültig. Und dann sind reale statistische Daten besonders wichtig, auch wenn sie nicht so schnell verfügbar sind, wie wir alle uns das vielleicht wünschen.

Wir arbeiten deshalb schon seit einiger Zeit mit sogenannten experimentellen Daten, die noch nicht vollumfänglich den Reifegrad amtlicher Statistiken haben. Das Ziel hierbei ist, die Aktualität der Statistiken zu steigern. Diese Wege werden angesichts der Krise wichtiger. Das wird die amtliche Statistik in Deutschland verändern. So haben wir zuletzt eine hochaktuelle Auswertung von Kassendaten des Einzelhandels veröffentlicht, die zeigen, wie sich die Nachfrage nach Gütern wie Toilettenpapier, Seife oder Mehl in den Wochen seit Ausbruch der Krise entwickelt hat. Die Statistik muss so nah wie möglich an den aktuellen Rand des Geschehens gelangen. Dies ist die Aufgabe der amtlichen Statistik in diesen Wochen.

Alle Wirtschaftsinstitute prognostizieren bereits eine Rezession. Können Ihre Daten diese „weichen“ Befunde bestätigen?
Aktuell ist es noch zu früh, um das in unseren Zahlen zu sehen. Bisher konnten wir vereinzelt Tendenzen feststellen, beispielsweise im Einzelhandel. In dieser Woche werden wir weitere wichtige Indikatoren für den Februar 2020 veröffentlichen: den Auftragseingang, die Industrieproduktion und den Außenhandel. Das wird mehr Aufschluss geben. Aus diesem Grund gehen wir auch jetzt mit der Sonderseite online. Richtig sehen wird man das Ausmaß der wirtschaftlichen Krise dann in den Ergebnissen für März 2020 und wenn wir am 15. Mai die ersten Ergebnisse für das Bruttoinlandsprodukt im 1. Quartal 2020 veröffentlichen.

Wie kann man sich die Arbeit bei Destatis in Wiesbaden derzeit vorstellen? Steht Ihre Zentrale leer?
Wir tun aktuell alles, um die Statistikerstellung fortzuführen und gleichzeitig unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen. So weit möglich, arbeiten die Kolleginnen und Kollegen von zuhause aus. Hier vor Ort haben wir umfangreiche Sicherheits- und Hygienemaßnahmen umgesetzt. Aber auch wir haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die aufgrund von Betreuungspflichten im Moment nicht voll arbeiten können. Wir setzen klare Prioritäten und konzentrieren uns darauf, die wichtigen Konjunkturstatistiken termingerecht bereitzustellen.

Gibt es Projekte beziehungsweise Statistiken, die Sie wegen Corona verschieben mussten?
Bisher konnten wir alles termingerecht liefern. Aber es wird auch zu Einschränkungen kommen. Es wird wohl nicht überall ohne Qualitätseinbußen gehen. Die besonders wichtigen Konjunkturstatistiken wie das BIP oder die Inflationsrate rechtzeitig und qualitativ hochwertig zu liefern, haben wir uns alle zum Ziel gesetzt.

Mehr zum Thema
Jede Woche eine neue spannende Statistik finden Sie in unserer Rubrik „Blick hinter die Zahlen“, mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes. Dort lesen Sie etwa, was der Lkw-Verkehr über die Konjunktur aussagt oder wie es kommt, dass trotz der Nullzinsen immer mehr Menschen nur von Kapital leben.

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