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Deutliche Warnung von PIK-Experten Warum jetzt Wissenschaftler vom „Klima-Notstand“ sprechen

Touristen stehen vor Eisbergen in der Gletscherlagune Jökulsarlon im Süden Islands. Wie bedroht ist unser Klima wirklich? Quelle: dpa

Vor der UN-Weltkonferenz im Dezember warnen mehr als 11.000 Forscher vehement davor, dass kein Klimaziel der nächsten Jahre eingehalten wird – international und national. Mit weitreichenden Folgen.

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Einig sind sich die Wissenschaftler längst, dass die Erderwärmung in unserer Zeit höher ausfällt als „es in den letzten vier Millionen Jahren jemals der Fall war“, wie es Johan Rockström, Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), ausdrückt. Auch gebe es keine Zweifler mehr unter ihnen, dass der Klimawandel menschengemacht ist. „Das erkennen inzwischen sogar die Dinosaurier – angesichts der gewaltigen wissenschaftlichen Belege“, wie der schwedische Umweltforscher jene Kollegen nennt, die den Umbruch lange Zeit nicht für bewiesen hielten.

Die Forscher von Deutschlands renommiertestem Klima-Institut, dem PIK, gehen nun sogar noch einen Schritt weiter und verlassen den Boden, auf dem sich Wissenschaftler normalerweise bewegen. Zusammen mit 11.000 anderen wird Rockström dieser Tage vom Analytiker zum Aktivisten: „Die Klima-Wissenschaft rechtfertigt, dass man vom planetären Notstand spricht“, sagt er nun, knapp einen Monat vor dem Uno-Weltklimagipfel. Der wurde wegen sozialer Unruhen von Santiago in Chile nach Madrid verlegt, soll aber Anfang Dezember stattfinden. Regierungsvertreter aus fast allen Ländern der Erde sollen bewerten, was vom Pariser Klimaschutzabkommen 2015 erreicht wurde und welche weiteren Vereinbarungen nötig sind.

Mehr als 11.000 Wissenschaftler aus 153 Ländern, darunter 871 Forscher deutscher Unis und Institute, warnen nun gemeinsam vor einem weltweiten „Klima-Notfall“. Wenn sich das menschliche Verhalten nicht grundlegend und dauerhaft ändere, sei „unsägliches menschliches Leid“ nicht mehr zu verhindern, heißt es in der Erklärung.

Die Forscher aus aller Welt unterstützen einen Aufruf, in dem ein Umsteuern vor allem in sechs Bereichen gefordert wird: ein Umstieg auf erneuerbare Energien, drastisch weniger Ausstoß an Methan und Ruß, ein besserer Schutz von Ökosystemen wie Wäldern und Mooren, ein Umstieg von tierischen auf mehr pflanzliche Nahrung, eine nachhaltige Veränderung der Weltwirtschaft und wirksame Schritte, dass die Weltbevölkerung nicht weiter wächst.

„Was getan wird, reicht immer noch nicht“

Rockström sagt dazu in Berlin: „Wir haben derzeit die höchste Aufmerksamkeit und das größte Eintreten fürs Klima, aber was tatsächlich getan wird, reicht immer noch nicht.“ Keines der vereinbarten nationalen wie internationalen Klimaziele werde erreicht. Deutschland schafft es aus Sicht der PIK-Forscher auch mit dem gerade eingebrachten Klimaschutzplan der Bundesregierung nicht, seine in der EU verbindlich zugesagten Ziele für weniger Emissionen zu erreichen. Weltweit stiegen die klimaschädlichen Emissionen weiter statt die Umkehr beim Ausstoß zu schaffen. Brasilien, China, Russland, Indien, die Türkei, und, ach ja, die Vereinigten Staaten von Amerika, rissen ebenso ihre Verpflichtungen nach dem Klimaabkommen von Paris aus dem Jahr 2015.

Der von US-Präsident Donald Trump schon angekündigte und nun gestartete Prozess, aus dem Pariser Klimaabkommen wieder auszusteigen, läuft nur unter anderen negativen Entwicklungen mit. „Die Welt ist keineswegs auf dem Pfad, die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen“, sagt Rockström zu einem der internationalen Ziele. In Paris wurde das Maß vereinbart, höchstens zwei Grad Celsius plus im Vergleich zum Start des Industriezeitalters zuzulassen. Wenn das noch irgendwie gelinge, könnten dennoch die Korallenriffe weltweit kaum überleben, so Rockström. Wahrscheinlich sei ein Anstieg des Meeresspiegels um mindestens zwei Meter.

Und womöglich sei bereits ein Punkt erreicht, an dem ein Abschmelzen der Polkappen nicht mehr aufgehalten werden könne. „Noch ist es möglich, dass wir im nächsten Jahr eine Umkehr schaffen und die Emissionen erstmals weltweit geringer ausfallen.“ Gelinge das aber nicht, sei Klimapolitik irgendwann machtlos: „Gehen wir die Umkehr erst fünf Jahre später an, werden wir schon Bulldozer-Methoden brauchen.“ Also drastische Einschnitte in unserem Lebensstil, die kaum realistisch wirken, will Rockström vermitteln.

Die Potsdamer Wissenschaftler loben die weltweite Fridays-For-Future-Bewegung für mehr Klimaschutz. Doch noch nicht überall gebe es hoffnungsvolle Zeichen des Umdenken und Umsteuerns. So seien etwa die Börsenkurse von Konzernen für fossile Brennstoffe nur realistisch, wenn angenommen werde, dass die Klimaschutzmaßnahmen weltweit nicht umgesetzt würden – wie es die Regierungen eigentlich versprochen hätten. „Die Börsen weltweit zeigen, dass viele eine Wette aufs Scheitern von Paris eingehen“, sagt Rockström.

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