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Deutsch-französische Kooperation Saarland buhlt um neues Zentrum für künstliche Intelligenz

Deutschland strebt eine enge Kooperation mit Frankreich im Bereich der künstlichen Intelligenz an. Großer Profiteur könnte das Saarland werden.

Künstliche Intelligenz (KI): Saarland buhlt um neues Zentrum Quelle: dpa

BerlinGlaubt man dem zwischen Union und SPD ausgehandelten Koalitionsvertrag, dann wird in dieser Legislaturperiode das Zukunftsthema künstliche Intelligenz (KI) eine herausragende Rolle spielen. Das legen die wenigen Sätze nahe, mit denen die Ziele umrissen werden.

„Deutschland und Frankreich müssen insbesondere auch Innovationsmotor sein und werden dies in Vorhaben wie der Erforschung künstlicher Intelligenz unter Beweis stellen“, heißt es in dem Vertrag auf Seite neun. Wenige Seiten weiter werden die Koalitionäre in spe dann noch konkreter: „Wir werden gemeinsam mit unseren französischen Partnern ein öffentlich verantwortetes Zentrum für künstliche Intelligenz errichten.“

Verbunden werden solle dies mit einem Masterplan „Künstliche Intelligenz“ auf nationaler Ebene. Was sich Union und SPD hier vorgenommen haben, ist nicht eine bloße Ankündigung. Denn Formulierungen mit dem Wörtchen „werden“ gelten in der Sprache der künftigen GroKo-Partner als „grundsätzlich prioritär“.

Die Wichtigkeit des Themas zeigt sich auch im gemeinsamen Engagement von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Anlässlich des 55. Jahrestags der Unterzeichnung des Vertrags über die deutsch-französische Zusammenarbeit vom 22. Januar 1963 („Élysée-Vertrag“) legten beide quasi den Grundstein für eine Kooperation. In einer von beiden verfassten Erklärung von Ende Januar ist von einer gemeinsamen Erarbeitung „wirksamer Strategien und neuer technologischer Ansätze“ die Rede, unter anderem im Bereich der künstlichen Intelligenz.

Details sind bisher zwar noch nicht bekannt, allerdings gibt es auf deutscher Seite inzwischen konkrete Überlegungen, wie und wo die Zusammenarbeit stattfinden könnte – im Saarland.

„Das binationale Forschungszentrum wäre für das Saarland genauso wie für Deutschland insgesamt ein Imagefaktor“, sagte die stellvertretende Ministerpräsidentin des Saarlandes, Anke Rehlinger, dem Handelsblatt. Zwar müssten hierfür „wahrscheinlich noch viele harte Bretter durchbohrt werden, aber es gibt auch Anlass zu Optimismus“, fügte die designierte Vorsitzende der Saar-SPD hinzu. „Immerhin fahren Forschungschefs der weltgrößten IT-Unternehmen nicht nur nach Kalifornien, sondern auch ins Saarland, wenn es zum Beispiel um die neuesten Paradigmen der Computergraphik, der intelligenten Benutzerschnittstellen oder der Sprachtechnologie geht.“

Rehlinger spielt damit auf die Arbeit des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken an. Im Jahr 1988 als gemeinnützige Public-Private Partnership (PPP) gegründet, werden dort unter anderem Prototypen und patentfähige Lösungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie entwickelt.

Derzeit arbeiten am DFKI 519 hochqualifizierte Wissenschaftler, Verwaltungsangestellte und 384 studentische Mitarbeiter aus mehr als 60 Nationen an über 295 Forschungsprojekten. Ein Effekt dieser Arbeit ist denn auch, dass es seit Bestehen der Einrichtung zu 85 Ausgründungen („Spin-off“ ) mit mehr als 2500 Arbeitsplätzen gekommen ist.

Für Rehlinger ist das Forschungszentrum ein „saarländischer Tupfer“ in der nationalen Forschungslandschaft, der auch international wahrgenommen und geschätzt werde. „Davon können wir als Standort profitieren, wenn es zu einem deutsch-französischen Roll-out kommt.“

Auch der Generalsekretär der Saar-CDU, Markus Uhl, attestiert deshalb dem Saarland einen „klaren Standortvorteil“. Es „wäre also eine logische Konsequenz, mit den bereits vorhandenen Ressourcen die Zusammenarbeit im Bereich der Forschung und Wirtschaft weiter auszubauen“, sagte der Bundestagsabgeordnete mit Blick auf eine mögliche Kooperation mit Frankreich dem Handelsblatt.

Das sieht auch die FDP. Er könne den Vorschlag eines deutsch-französischen KI-Zentrums in Saarbrücken „im Grundsatz nur unterstützen“, sagte der Vorsitzende der Saar-Liberalen und Bundestagsabgeordnete, Oliver Luksic, dem Handelsblatt. Seit vielen Jahrzehnten werde in Saarbrücken „international anerkannte, hervorragende Arbeit“ auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz geleistet. „Zudem würde sich Saarbrücken auch geographisch als Sitz eines deutsch-französischen Forschungszentrums anbieten.“

Allerdings, fügte Luksic hinzu, bleibe abzuwarten, „worin der konkrete Mehrwert und Beitrag einer Kooperation sein wird, da nur ein neuer Name substantiell wenig bringt“. Zudem bezweifelt der FDP-Politiker, dass ein KI-Zentrum bei der GroKo Priorität haben werde. „Die Große Koalition hat die Chance verpasst, ein eigenständiges Digitalisierungsministerium einzurichten, was ein deutlicher Beleg dafür ist, dass dieses Thema leider keine Priorität genießt“, sagte er.

Geht es indes nach den künftigen Koalitionären, dann soll Deutschland im Wettlauf um die Zukunftstechnologie ganz vorne mit dabei sein. „Insbesondere wollen wir Deutschland zu einem weltweit führenden Standort bei der Erforschung von künstlicher Intelligenz machen“, heißt es im Koalitionsvertrag. Der Digitalpolitiker Uhl spricht von einer Schlüsseltechnologie, weshalb die Forschung in diesem Bereich „intensiv“ gefördert werden solle.


China investiert massiv in künstliche Intelligenz

Auch für die Wirtschaft hat die KI eine herausragende Bedeutung. Eine McKinsey-Studie, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, kam zu dem Ergebnis, dass das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands bis 2030 durch den Einsatz von intelligenten Robotern um bis zu vier Prozent höher liegen könne als ohne ihren Einsatz. Das entspricht 160 Milliarden Euro.

Verschläft die Wirtschaft dagegen den Wandel, könnte Deutschland das für 2030 prognostizierte Bruttoinlandsprodukt verfehlen, warnen die McKinsey-Forscher. Auch weltweit sehen die Experten ein enormes Potential. Der globale Markt für KI-basierte Dienstleistungen, Software und Hardware wächst laut McKinsey jährlich um bis zu 25 Prozent und wird bis 2025 voraussichtlich 130 Milliarden Dollar groß sein.

Sich in diesem Bereich hohe Ziele zu setzen, ist für Länder wie USA und China längst eine Selbstverständlichkeit. Sie haben erkannt, dass künstliche Intelligenz als Technologie für viele Branchen immer wichtiger wird. Chinas Staatsrat hat etwa im vergangenen Jahr mitgeteilt, dass das Land bei KI bis 2025 führend sein will. Der Wert der heimischen Branche werde bis 2020 wohl auf umgerechnet etwa 19 Milliarden Euro steigen und bis 2025 auf rund 51 Milliarden Euro.

Bisher gelten die USA in dem Bereich als führend. Allerdings drückt die Volksrepublik aufs Tempo. Anfang des Jahres meldete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua, die Hauptstadt Peking plane für umgerechnet 1,76 Milliarden Euro einen großen KI-Gewerbepark.

Dort sollen sich bis zu 400 Firmen ansiedeln. Angelockt werden sollen insbesondere Jungunternehmen, die sich mit der Aufbereitung riesiger Datenmengen (Big Data), der biometrischen Personenerfassung, maschinellen Lernprozessen (Deep Learning) sowie der Auslagerung von Speicher- und Software-Diensten ins Internet (Cloud Computing) befassen. Xinhua berief sich seinerzeit auf einen Behördenbericht des Bezirks Mentougou im Westen Pekings. Zuletzt hatte die Metropole bereits Entwürfe für eine Testzone zur Entwicklung des autonomen Fahrens vorgestellt.

Solche massiven Investitionen der Volksrepublik entfalten auch eine Sogkraft für ausländische Unternehmen. So kündigte Google kürzlich an, in Peking ein KI-Forschungsteam aufzubauen, obwohl die US-Suchmaschine in China blockiert wird.

Die wahrscheinlichen GroKo-Partner in Deutschland sehen neben der Mikroelektronik, der modernen Kommunikationstechnik, der Robotik, den Datenwissenschaften, der IT-Sicherheit und Quantentechnologien die künstliche Intelligenz als „technologische Basis und Triebfeder der Digitalisierung“. Deshalb versprechen sie in ihrem Koalitionsvertrag nicht nur die Forschung zu diesen Schlüsseltechnologien, sondern auch soziale und geisteswissenschaftliche Begleitforschung intensiv zu fördern.

„Wir wollen, dass KI-Systeme in Deutschland produziert, angewendet und in marktfähige Produkte übersetzt werden“, erläuterte der CDU-Abgeordnete Uhl die Pläne. „Deutschland muss hier mit den USA und China Schritt halten.“

Uhl setzt darauf, dass in dem geplanten deutsch-französisches Zentrum für künstliche Intelligenz die KI-Forschung „konzentriert weiterentwickelt“ werden könne. „Dabei liegt das Augenmerk besonders auf sechs Bereichen“, erläuterte er. Etwa die Entwicklung des smarten, vernetzten Zuhauses, in dem immer mehr Geräte mit Internet-Anschluss zum Einsatz kommen. Oder der Medizinbereich: Maschinen können inzwischen in Scans aus dem Computertomographen oder Röntgenbildern Anzeichen einer Krankheit oft besser und schneller entdecken als Menschen.

Weitere Anwendungsmöglichkeiten sieht Uhl in der Steuerung der Energieversorgung, der Mobilität, etwa beim autonomen Autofahren, sowie in der Industrie 4.0. Der Begriff steht für die sogenannte vierte industrielle Revolution. Die Digitalisierung bringt Veränderungen in der Warenproduktion. Maschinen werden per Software gesteuert, können miteinander vernetzt und auch über das Internet gewartet werden.

Und einen sechsten Punkt nennt der CDU-Politiker, den er als besonders wichtig ansieht: „Wichtig ist bei allen Anwendungen, dass ethische Grenzen stets beachtet werden“, sagte er. Entscheidend sei dabei, dass die Beherrschbarkeit der KI-Systeme durch den Menschen stets gewahrt bleibe. „Die den Systemen zugrundeliegenden Algorithmen müssen prüf- und kontrollierbar bleiben“, so Uhl.

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