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Deutsche Einheit Der ruppige Ossi-Versteher zieht Bilanz

Johannes Ludewig war immer ein Kohl-Mann. Genau genommen war er Kohls Mann für das wirtschaftliche Zusammenwachsen des glücklich vereinten Landes. Nun hat er ein Buch über die Wiedervereinigung geschrieben.

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Die Gewinner und Verlierer des Aufbau Ost
Eine alte Frau verlaesst mit ihrem Hund ein Haus in Duisburg-Bruckhausen, Quelle: dapd
"Marietta-Bar-Areal" im Nordabschnitt des Breiten Weges in Magdeburg wird am Neubau für ein Geschäftshaus gearbeitet. Quelle: ZB
Die quer durch das Ruhrgebiet verlaufende Autobahn A40 ist in Essen kaum befahren. Quelle: dpa
Die Bundesstraße 95 zwischen Chemnitz und Leipzig Quelle: dpa/dpaweb
Ein Bauarbeiter schwingt den Hammer auf der Baustelle für die neue Schwimmhalle des SV Halle Quelle: dpa
Eine Frau geht am 18.02.2012 in Oberhausen an einer Kaufhof Filiale vorbei, die bald geschlossen wird und mit dem Räumungsverkauf wirbt Quelle: dpa
Das Bürogebäude in Mülheim an der Ruhr, in dem die Firma Globudent Quelle: dpa/dpaweb

Aber die wahren Helden der deutschen Wiedervereinigung sind für Ludewig, den Spitzenbeamten, nicht die Staatsmänner der Bundesrepublik und der DDR oder gar der Vereinigten Staaten oder der untergegangenen Sowjetunion. „Die eigentlichen Helden waren die Betriebsräte in der Industrie. Dort wehte plötzlich der Wind der Weltwirtschaft." Etliche der einst 12.000 Industriebetriebe der DDR gingen damals pleite, weil sie Kunden und Kredit verloren hatten, und die Wettbewerbsfähigkeit dazu. "In den ersten vier Jahren haben wir 50 Prozent der Arbeitsplätze in der Industrie verloren", erinnert Ludewig. "Die Zumutungen waren gigantisch für die Betroffenen vor Ort." Gerade in dieser Situation hätten die Betriebsräte dafür gesorgt, dass der Wandel verkraftet wurde, dass nicht alle Beschäftigten den Mut verloren und die Arbeit schleifen ließen. Nur durch ihren Einsatz sei es überhaupt möglich gewesen, industrielle Kerne und Standorte in Ostdeutschland zu erhalten und zu modernisieren. Mit einem eigenen Kapitel in seinem Buch "Unternehmen Wiedervereinigung" setzt Ludewig diesen Betriebsräten ein kleines Denkmal.

Die bewundernden und mitfühlenden Worte kontrastieren nur aufs erste Hinhören mit der Schilderung, die der heutige Innenminister Thomas de Maizière bei der Buchvorstellung über den Autor liefert. Er war damals Berater seines Cousins, des ersten und letzten frei gewählten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maiziére. "Sie sind ein forscher Mensch, ein ungeduldiger Mensch, manchmal auch ein ruppiger Mensch", beschreibt de Maiziére Ludewig in einer Mischung aus Buchlektüre und persönlicher Erfahrung. "Hier wird gelacht - ich nehme das mal als Bestätigung." In der Tat: Ludewig galt nicht gerade als einfacher Chef: Hohe Schlagzahl, hoher Anspruch. Selbst Helmut Kohl, der ja "eher ein Nachtmensch war" (Ludewig) zwang er zu Arbeitssitzungen morgens um 7 Uhr im Kanzleramt.

"Der ruppige, drängende Tonfall war nötig", fährt de Maiziére fort. Bei späteren Verwendungen Ludewigs habe er vielleicht eher geschadet, "aber damals war es sehr wichtig und sehr richtig". Dabei habe Ludewig zu denen gehört, die die DDR nicht überrollen wollten. "Einfühlsamkeit und Empathie, die hat er auch. Ich habe Sie oft erlebt, wie Sie im Westen den Osten erklärt haben, und im Osten den Westen."

Die Buchvorstellung ist ein Klassentreffen der Bonner Republik

So stand Ludewig gegen die Mehrheit der damaligen Bundesregierung, die in den Verhandlungen zur Wirtschafts- und Währungsunion die Rückgabe aller zwischen 1945 und 1949 enteigneten Grundstücke an ihre ursprünglichen Eigentümer verlangte. Ludewig hielt das für einen Fehler, der die Stimmung im Osten gegen die Wiedervereinigung drehen könnte. Am Ende fand man einen komplizierten, aber verfassungsgerichtsfesten Kompromiss. Auch in der Werftenkrise, die das Ende des Schiffbaus an der Ostsee bedeuten könnte, hielt Ludewig zu den neuen Ländern. Nachdem beim eigentlich ausgeguckten Investor Bremer Vulkan die Hilfsgelder in hoher dreistelliger Millionenhöhe auf wundersam-kriminelle Weise verschwunden waren, plädierte Ludewig intern vehement dafür, dass die ostdeutschen Betriebe eine zweite Chance verdient hätten - auch wenn sie damit unliebsame Konkurrenz für die westdeutschen Werften wurden.

Diese Unterschiede herrschen zwischen Ost und West
Aktuelle WirtschaftsdynamikDie ersten sechs Monate 2013 liefen für West und Ost gleichermaßen schlecht: Die Wirtschaftsleistung schrumpfte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die neuen Bundesländer erreichten ein Minus von einem Prozent; der Westen kam etwas glimpflicher davon (minus 0,3 Prozent). Berlin hingegen ist eine echte Überraschung gelungen: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Stadtstaats wuchs um 0,5 Prozent und steht damit an der Spitze des Ländervergleichs. 2012 hat das BIP in Ostdeutschland um 2,2 Prozent, in Westdeutschland um 1,9 Prozent zugelegt. Quelle: dpa
JobsIm August waren in Westdeutschland etwa 2,1 Millionen Menschen arbeitslos, im Osten knapp 840.000. Die Arbeitslosenquote lag bei 6,1 Prozent beziehungsweise 9,9 Prozent. 2005, dem bislang schlimmsten Jahr auf dem Arbeitsmarkt nach der Wiedervereinigung, sah es in beiden Teilen des Landes ganz anders aus: 20,6 Prozent betrug die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland, im Westen lag sie bei 11 Prozent. Quelle: BA Quelle: dpa
DemografieDer Osten schrumpft, der Westen wächst. In den neuen Ländern ist die Einwohnerzahl seit 1991 von etwa 18 Millionen auf 16,3 Millionen gesunken, im Westen hingegen von fast 62 Millionen auf 65,6 Millionen gestiegen. Quelle: Destatis. Quelle: dpa
EhescheidungenWestdeutsche lassen sich häufiger scheiden. Pro 10.000 Einwohner wurden im Westen 2011 fast 25 Ehen geschieden, das sind etwa 30 Prozent mehr als 1992. Im Osten stieg im gleichen Zeitraum die Quote zwar um stolze 135 Prozent – absolut allerdings nur auf etwa 15 Scheidungen. Quelle: Destatis. Quelle: dpa
RentenWestdeutsche haben im Alter immer noch mehr. Die sogenannte Standardrente, die ein Rentner erhält, nachdem er bei einem Durchschnittslohn 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt hat, beträgt 2013 im Westen etwa 1137 Euro, im Osten 1040 Euro. 1992 war der Unterschied deutlicher: Westdeutsche erhielten 895 Euro, Ostdeutsche nur 455 Euro. Quelle: BMAS. Quelle: dpa
FrauenerwerbstätigkeitFrauen in Ost und West haben sich bei der Erwerbstätigkeit angenähert. Waren 1991 in den neuen Bundesländern noch fast 90 Prozent der Frauen zwischen 35 und 40 Jahren berufstätig, sind es mittlerweile nur noch rund 83 Prozent. Die Quote berufstätiger Frauen in den alten Bundesländern erhöhte sich von 70 auf 75 Prozent. Quelle: Universität Duisburg Essen. Quelle: dapd
Verfügbares EinkommenWährend in Ostdeutschland das Haushaltseinkommen pro Kopf von 1991 bis 2011 um etwa 46 Prozent stieg, wuchs es in Westdeutschland um satte 68 Prozent. Ein Ostdeutscher hat heute im, Schnitt etwa 17.000 Euro zur Verfügung, ein Westdeutscher fast 20.000. Quelle: Bundeswirtschaftsministerium. Quelle: dpa

Ja, gibt Ludewig in seiner Dankesrede zu, manchmal sei er vielleicht etwas knurrig gewesen. "Die Apparate, in denen wir arbeiten, sind wahnsinnig schwerfällig. Nur mit Schulterklopfen klappt es nicht." Und es musste schnell gehen, um die historische Gunst der Stunde zu nutzen. Ein dreiviertel Jahr nach der Einheit habe es bereits die Revolte gegen Gorbatschow in Russland gegeben. Stolz könne man auf das Erreichte sein. In einem Vierteljahrhundert sei Deutschland gut zusammen gewachsen. Die Zahl der Fehler bei der Einheit sei deutlich geringer als die Zahl der Erfolge.

Natürlich ist so eine Buchvorstellung nach 25 Jahren auch eine Art Klassentreffen der Bonner Republik. Günther Krause ist da, der einstige Chefunterhändler der DDR-Seite für den Einigungsvertrag und spätere Bundesverkehrsminister; etliche Weggefährten aus Bundeswirtschaftsministerium, Ludewigs eigentlichem Heimathaus, und dem Kanzleramt; Thilo Sarrazin, erst im Bundesfinanzministerium und dann im Vorstand der Treuhandanstalt für die Privatisierung der Ost-Unternehmen zuständig. Ken-Peter Paulin, Präsident des Ehemaligenclubs der Treuhand-Mitarbeiter, erscheint mit THA-Anstecknadel am Revers. Aber auch heutige Mitstreiter sind dabei: einige Mitglieder des Normenkontrollrates, jene Bürokratiejäger, denen Ludewig seit 2006 nun schon vorsitzt. Höchstrangiger Gast ist Altbundespräsident Horst Köhler, zu Einheitszeiten einer der Unterhändler des Finanzministeriums.

Deutschland



Das größte Kompliment macht freilich Ludewigs Verleger Wolf-Rüdiger Osburg, der am Donnerstag bereits das nächste Buch in Berlin vorstellt – eine Biographie des „Eisernen Kanzlers". „Otto von Bismarck und Johannes Ludewig trennt eines", so Osburg – Raunen im Saal. „Ludewig hat viele Freunde und Weggefährten hier im Raum – Bismarck muss es am Donnerstag alleine schaffen."

Johannes Ludewig: Unternehmen Wiedervereinigung. Von Planern, Machern und Visionären: Osburg Verlag, 22,00 Euro

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