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Deutsche Einheit "Die Einheit war ein Glücksfall für Deutschland"

Der frühere Politiker und Manager Lothar Späth sieht Ostregionen auf der Überholspur – dem Mittelstand sei Dank. Über Erfolge und Fehler im Prozess der Wiedervereinigung.

Lothar Späth, 72 Quelle: Bert Bostelmann

Herr Späth, ist die Einheit gelungen?

Politisch ist alles richtig gemacht worden. Die Revolution ist unblutig vor sich gegangen. Man musste unglaublich schnell Grundsatzentscheidungen treffen und die politischen Möglichkeiten dieser Situation nutzen – da hat Helmut Kohl wirklich eine Meisterleistung vollbracht.

Und wirtschaftlich?

Die Treuhand hat die Unternehmen privatisiert, aber eine klare Strategie hatten wir nicht. Es war ein bisschen früh, als Helmut Kohl die blühenden Landschaften ausrief. Aber heute gibt es sie. Am Anfang hatten die Leute 37 Prozent der Westlöhne, heute sind es etwa 83 Prozent – in den letzten Jahren ist der Osten sichtbar schneller gewachsen als der Westen.

Wem gebührt dafür das größte Lob?

Am meisten dazu beigetragen haben die Leute, die unternehmerisch gedacht und sich engagiert haben. Das war oft eine Mischung zwischen Idealismus – da mach ich mit – und auch spekulativen Hoffnungen, die dann zum Teil nicht aufgegangen sind, zum Beispiel im Immobilienbereich. In meinem Fall Jenoptik wussten wir manchmal wirklich nicht, was wir am nächsten Tag machen sollen, um mit den Problemen fertig zu werden.

Heute mutet es grotesk an: Im Bundestag stritten SPD und Union, wie man den dreistelligen Milliardengewinn aus den Treuhandprivatisierungen verwenden könnte.

Fast alle schätzten den Wert der ostdeutschen Kombinate zu hoch ein. Jenoptik hatte einen Auftragsbestand von 600 Millionen Mark, die haben wir dann später mal abgerechnet: Wir haben daraus etwa 1,7 Millionen Mark Umsatz gemacht. Alle haben auf den Ostmarkt gehofft, weil die meisten Produkte am Weltmarkt nicht unterzubringen waren. Die Realität war aber anders: In dem Augenblick, wo die Grenzen offen waren, haben die russischen Firmen ihr Öl im Westen verkauft und die Maschinen auf der Hannover Messe ausgesucht.

Welche Fehler wirken bis heute nach?

Man hätte früher merken müssen, dass der Bausektor längst über den Bedürfnissen produzierte. Der schwerste Fehler war, dass man viel zu wenig Geld vor allem in der Wirtschaft für Forschung ausgegeben hat. Dabei war die Gefahr bald sichtbar, dass die damalige Tschechoslowakei, Polen oder Ungarn mit billigen Produktionskosten unsere Wettbewerber würden. Wir hätten mit Forschungsinstituten im Osten sofort auf neue Produkte und bessere Qualität setzen müssen.

Der technische Rückstand war die entscheidende Schwäche?

Wir konnten mit unseren Halbleiterfabriken erst an den Markt kommen, als wir eine westdeutsche Firma gekauft und vorausgeschickt hatten. Ich hatte damals vorgeschlagen: Die neuen Bundesländer können in der Forschung machen, was sie wollen. Alle Beschränkungen, die im Westen da sind, lassen wir einfach weg. Wir hätten eine Menge neugierige Studenten bekommen. Sind ja sehr viele Leute damals nach Amerika gegangen, etwa im Bereich Bio- und Gentechnik. Nun kommen die wieder zurück, weil wir Restriktionen jetzt auch lockern.

Cleverles Trabbi Quelle: Bert Bostelmann

Wieso hat das in Jena – der High-Tech-Region im Osten –besser geklappt als anderswo?

Unser Vorteil war der große, belastungsfreie Grundstücksbestand in der Innenstadt. In den Gebäuden, die wir aus Denkmalschutzgründen erhalten mussten, haben wir die Universität untergebracht. Eigentlich hatte man gesagt, Zeiss im schwäbischen Oberkochen übernimmt das noch vorhandene Kerngeschäft, und der Späth soll mit der Jenoptik den Rest geräuschlos erledigen. Die Leute waren total deprimiert, ich musste 17 000 Leute entlassen. Natürlich haben sie Fahnen rumgetragen, „Wer zu Späth kommt, den bestraft das Leben!“.

Wieso funktioniert es mit der Mikroelektronik in Dresden nicht so gut?

Dresden hat die Produktion dorthin nur wegen der hohen Subventionen gekriegt. Heute wissen wir, dass die großen Fabriken, in denen die Flat Panels und die Halbleiter gebaut werden, künftig alle in Asien stehen werden. Unser Vorteil in Jena dagegen war: Wir hatten unglaublich qualifizierte Menschen, die sich damals selbstständig gemacht haben. Das Sanieren und Umstrukturieren war falsch, weil man im Grunde immer nur fokussiert war auf das, was die Firma schon gemacht hat.

Ostdeutschlands Aufschwung kommt aus dem Mittelstand?

Am erfolgreichsten sind jene, die klein angefangen haben – mit Spezialwissen. Die sind jetzt herangewachsen zu mittelständischen Unternehmen mit 100, 200, oft noch 250 Mitarbeitern.

War die Strategie, die industriellen Kerne zu retten, ein Fehler?

Bei den großen Chemieunternehmen wie im Raum Bitterfeld konnte man industrielle Kerne schaffen, um die sich Zulieferer entwickeln konnten. Man wollte große Investoren anlocken. Das war hilfreich. Unser entscheidendes Problem war, dass wir keine Betriebssitze hatten.

Wird es noch Großinvestitionen geben?

Nein, der Zug ist abgefahren.

Ist das eine Hypothek für die Zukunft?

Die vielen Kleinen, gerade in Sachsen und Thüringen, bringen am Ende mehr. Vor allem Arbeitsplätze. Auch im Westen dauert der Aufbau eines mittelständischen Unternehmens 10 bis 20 Jahre. Das trägt jetzt Früchte: In ein paar Jahren wird es etliche Regionen in Ostdeutschland geben, die stärker sein werden als die Industrieregionen im Westen, gerade die mittelständisch geprägten. Vom Einkommen der Bürger her liegt Jena heute schon über einem Teil von vergleichbaren Städten in Westdeutschland. Ich sehe heute kaum noch Unterschiede zwischen Ost und West.

Brauchen wir eine spezielle Förderung des Mittelstands im Osten?

Es hat keinen Sinn, mit der Gieskanne übers Land zu fahren. Allenfalls müssen wir in Bildung und Forschung investieren, aber das gilt in West und Ost gleichermaßen. Der einzige Unterschied: Wir müssen im Osten stärker für das Unternehmertum werben.

Was wird aus den neuen Ländern, wenn die Hilfen aus dem Solidarpakt enden?

Da wird sich nicht viel ändern. Wenn 2019 der Fonds abgewickelt ist, ist auch Gleichheit erreicht. Den Rest muss dann der Länderfinanzausgleich leisten.

Die Bevölkerungsentwicklung scheint sehr unterschiedlich zu verlaufen – zwischen Ost und West, aber auch innerhalb des Ostens. Der Unterschied zwischen Vorpommern und Jena ist größer als zwischen der Eifel und Köln.

Das ist richtig. Wir werden diese Unterschiede hinnehmen müssen. Wir müssen auch eine höhere Ausländerquote hinnehmen und mehr Doppelbelastungen von Familien, sodass mehr Kinder von staatlichen Einrichtungen erzogen -werden. Das bringen die Alterung -unserer Gesellschaft und der absehbare Rückgang um 18 Millionen Menschen mit sich. Natürlich wird es Dörfer geben, die aufhören zu existieren. Im Osten wie im Westen. Bestimmte Landstriche werden sich entvölkern, oder die älteren Menschen werden dort in der großen Überzahl sein, weil die jungen weggehen.

Also werden die Menschen in manchen Regionen vor der Wahl stehen: Wegzug oder Massenarbeitslosigkeit?

Wir müssen uns damit abfinden, dass in manchen Regionen Mecklenburgs keine Arbeitsplätze mehr hinkommen. Es wird eine Zwischenphase geben, dass die Menschen nur noch teilbeschäftigt sind. Manche Dörfer werden eine große Pflegeeinrichtung als Zukunftschance haben – warum denn auch nicht? Auch das bringt Arbeitsplätze.

Wie lange wollen wir eigentlich noch von den „neuen“ Bundesländern sprechen?

Ich lasse das „neu“ ab jetzt einfach weg.

Gehen wir Deutschen eigentlich positiv und optimistisch mit der Einheit um?

Lange Zeit haben sich vor allem die Westdeutschen geärgert, dass die -Ostdeutschen ihre Vergangenheit so -vergoldet haben, sichere Arbeitsplätze zum Beispiel. Aber wenn alle prüfen, wie es abgelaufen ist, dann kann man nach 20 Jahren sagen: Es war ein Glücksfall für Deutschland. Was für Sorgen wir uns gemacht haben, was mit der Wirtschaft passiert, wenn die Einheit mehr als 300 Milliarden kostet! Heute sind diese Summen kurzfristige Entscheidungen im Bankenbereich. Das Schlimmste an den Deutschen ist, dass sie immer so depressiv erscheinen, auch wenn sie in Wirklichkeit erfolgreich sind. Es gilt wie so oft: Deutschland weint sich an die Spitze.  

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