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Deutsche Ingenieurskunst Wir brauchen keine Kopie vom Silicon Valley – aber eine Antwort darauf

Welche Rolle spielt Deutschland, wenn es um die Möglichkeiten der KI geht? Werden wir unsere eigene Erfolgsgeschichte schreiben? Quelle: dpa

Die deutsche Ingenieurskunst ist ein Qualitätssiegel. Um künftig mit China und den USA mitzuhalten, muss die Stärke ins Digitale übersetzt werden. Dann kann mithilfe von KI eine Next Generation Industry entstehen. Ein Gastbeitrag.

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Der Autor dieses Gastbeitrags ist Hannes Ametsreiter, 54, Vorstandsvorsitzender von Vodafone Deutschland. Er gehört dem Executive Committee der Vodafone Group an.

Vor ein paar Tagen habe ich von einem Projekt gelesen, bei dem Forscher des Max-Planck-Instituts Algorithmen der künstlichen Intelligenz (KI) nutzen, um Krankheitsverläufe von COVID-19 vorherzusagen. Sie basieren auf medizinischen Daten, die von vielen Tausenden Patienten erfasst wurden. Die Algorithmen erkennen Muster, die typischerweise zu schwerwiegenden oder leichteren Verläufen der Krankheit führen, und empfehlen Ärzten, wirksame Therapien einzuleiten.

Es ist ein Beispiel von vielen. Täglich hören wir vom Gamechanger KI. Auch ich bin überzeugt: Künstliche Intelligenz wird unser Leben verbessern. Im Gesundheitswesen. Im Straßenverkehr. In den Industriehallen. Und vielen anderen Orten. Doch welche Rolle spielt Deutschland, wenn es um die Möglichkeiten der KI geht? Werden wir unsere eigene Erfolgsgeschichte schreiben? Oder bleibt KI hierzulande auf Dauer ein Märchen, dessen Kapitel federführend in Fernost und Übersee zu Papier gebracht werden?

Deutsche Ingenieurskunst mit Daten verknüpfen

Beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos gestand Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich, dass Nachholbedarf besteht. Ich gebe ihr recht: Deutschland hinkt bei der künstlichen Intelligenz hinterher. Asien und die USA scheinen enteilt. Haben wir die Wette auf KI also längst verloren? Nein! Aber: Wir müssen jetzt die richtigen Entscheidungen treffen und umdenken: Wir brauchen weniger Angst vor Daten, mehr Mut für Investitionen und größere Begeisterung schon bei den Kleinsten. Gelingt uns dieses Umdenken, dann stehen uns die Türen offen.

Doch sollten wir nicht bloß die Ideen aus Fernost und Übersee kopieren, wir brauchen unseren eigenen Weg. Wir müssen die Stärken, die uns auszeichnen, ins Digitale übersetzen. Die deutsche Ingenieurskunst ist ein weltweites Qualitätssiegel. Wir müssen es mit dem Wissen vereinen, das uns Daten liefern, wenn wir sie intelligent verknüpfen. Mit Quantencomputing werden hier noch viel weitreichendere Berechnungen möglich, als wir sie uns heute vorstellen können. Gelingt uns diese Transformation, dann kann KI in Deutschland zur Dampfmaschine des 21. Jahrhunderts werden. Dann können wir hierzulande eine Next Generation Industry aufbauen, sie weltweit erfolgreich machen.

Das Qualitätssiegel made in Germany können wir mit KI in unseren Industriehallen massentauglich machen. Dafür müssen wir Sensoren und Daten mit 5G in Echtzeit zusammenbringen. Macht eine Maschine ungewöhnliche Geräusche, erkennen das Sensoren. Algorithmen des maschinellen Lernens können diese Info mit Daten aus der Vergangenheit verknüpfen und vorhersagen, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Defekt auftreten wird. Kurz: Predictive Maintenance. Schaffen wir es, diese Vorhersage von Ausfällen so präzise zu gestalten, dass unsere Produktionshallen nicht mehr stillstehen, ist das ein echter Wettbewerbsvorteil.

Keine Angst vorm Datenteilen

Algorithmen des maschinellen Lernens sollten nicht nur von, sondern vor allem für Menschen entwickelt werden. Sie sollten helfen, Hunger zu mindern, die Gesundheit zu verbessern und unseren Planeten zu schützen. Es mangelt nicht an Ideen. Aber: All diese Ideen brauchen viele Daten und vor allem viel Rechenpower. Zum Vergleich: Der CO2-Abdruck eines typischen KI-Algorithmus ist etwa 50 Mal so groß wie der eines Autos. Wenn wir in Deutschland Wege finden, diesen Abdruck grüner zu machen, dann wäre das ein weiteres unschlagbares Argument für KI made in Germany.

Um die Daten so effizient und energiesparend wie möglich zu nutzen, müssen wir zunächst unsere Angst vorm Datenteilen beiseite räumen. Wir brauchen Datenpools, aus denen wir die Dampfmaschine des 21. Jahrhunderts bespeisen. Zusammen statt jeder für sich in vielen kleinen Silos. Unternehmen und wir alle dürfen Daten nicht mehr länger wegsperren. Nur wenn wir Daten aus den verschiedenen Disziplinen und Branchen verknüpfen, können wir sie effizient und zum Wohle der Gemeinschaft nutzen.

Die besten Daten bringen nichts, wenn kreative Köpfe fehlen, die Ideen entwickeln. Wir haben viele kreative Köpfe in Deutschland. Unser Problem: Wir schaffen es nicht, sie hierzuhalten. Wir brauchen Venture Capital, den Mut, in digitale Ideen made in Germany zu investieren. Wir sollten den vielen erstklassigen Forschern und Jungunternehmen Perspektiven bieten, ihre Ideen hierzulande groß zu machen, um sie später auf der ganzen Welt zum Einsatz zu bringen. Deutschland braucht keine Kopie vom Silicon Valley. Aber Deutschland braucht eine Antwort darauf.

Erfolgreich ist, wer früh beginnt. Erfolgreicher ist, wer Spaß dabei hat. Nicht in jedem Kind steckt ein Daniel Düsentrieb. Und das ist gut so. Aber jedes Kind sollte die Möglichkeit bekommen, herauszufinden, ob ein Daniel Düsentrieb in ihm steckt. Coding und IT gehören als Fremdsprache in die Stundenpläne unserer Kinder.



Wir stehen in Deutschland am Scheideweg. Wir müssen jetzt die richtige Abbiegung nehmen. Legen wir unsere Angst vor Daten beiseite, entwickeln wir den Mut für Investitionen in unsere klugen Köpfe, und entfachen wir digitale Begeisterung bei unseren Kindern! Packen wir die Gelegenheit beim Schopfe und übersetzen unseren deutschen Perfektionismus in ein neues Qualitätssiegel für nachhaltige künstliche Intelligenz.

Mehr zum Thema: Seit einem Jahr gilt Corona als Katalysator für die Digitalisierung. Viele Mittelständler sprechen stolz von Homeoffice und Videokonferenzen. Nicht so sehr von künstlicher Intelligenz oder vernetzten Fabriken.

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