Deutsche Wiedervereinigung Fünf Grafiken zeigen, was den Osten vom Westen noch trennt

Quelle: imago images

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung klaffen die ökonomischen Verhältnisse zwischen Ost- und Westdeutschland noch immer auseinander. Auch das Selbstverständnis der Menschen im Osten unterscheidet sich von dem im Westen.

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Drei Jahrzehnte ist es her, dass sich die Nachkriegsordnung in Europa politisch, geografisch und ökonomisch neu sortierte. Die Wiedervereinigung Deutschlands ließ 1990 „zusammenwachsen, was zusammengehört“ (Willy Brandt) – und offenbarte zugleich die destruktive Kraft des Sozialismus, der den Osten Deutschlands vier Jahrzehnte im Würgegriff hielt und ökonomisch weit hinter den Westen zurückfallen ließ.

Das Streben nach Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West wurde zum politischen Imperativ – und zugleich zur Begründung für milliardenschwere Finanztransfers in die neuen Bundesländer. Doch die Vision von „blühenden Landschaften“, die der Kanzler der Einheit Helmut Kohl einst hegte, blieb jenseits der großen Städte im Osten eben dies: eine Vision, ein bis dato unerfülltes Desideratum.

Jetzt aber sei es an der Zeit, einen „anderen Blick“ auf Ostdeutschland zu werfen, meint der Ostbeauftragte der Bundesregierung Carsten Schneider. In seinem in der vergangenen Woche veröffentlichten Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit sieht Schneider Ostdeutschland „im Aufwind“. Und tatsächlich: Der E-Autohersteller Tesla (Brandenburg) und der amerikanische Chiphersteller Intel (Sachsen-Anhalt) haben sich für ihre Großinvestitionen den Osten Deutschlands ausgesucht. Das wiedervereinigte Deutschland, sagt Schneider, sei heute kein „Westdeutschland plus“ mehr, sondern „ein vollständig neues Land“. 



Deutschland, einig Vaterland also? Die Bürger im Osten scheinen davon nicht so recht überzeugt zu sein. Das Gefühl einer im Wohlstand verbundenen und vom Geist der Zusammengehörigkeit durchströmten Nation hat sich bei vielen Ostdeutschen noch nicht eingestellt – oder es ist im Laufe der Jahre wieder verschwunden. Darauf deutet eine aktuelle Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag von ZDF-Politbarometer hin. 

Demzufolge sind 57 Prozent der Befragten in Ostdeutschland der Ansicht, zwischen dem Westen und dem Osten überwögen auch 32 Jahre nach der Wiedervereinigung die Unterschiede gegenüber den Gemeinsamkeiten. Im Westen hingegen sieht es eine ebenso große Mehrheit genau andersherum. 57 Prozent der Befragten sind hier der Meinung, es gebe mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes zwischen den beiden Teilen Deutschlands. Schon der unterschiedliche Blick, mit dem die Bürger im Osten und im Westen auf die Nation schauen, kündet von einer gesellschaftlichen Drift. 



Unterschiede in der Wirtschaftsstruktur 

Auch beim Blick auf die Wirtschaftsstruktur zeigen sich erhebliche Differenzen. Während das Verarbeitende Gewerbe, das häufig mit gutbezahlten Jobs lockt, im Westen knapp 21 Prozent zur Bruttowertschöpfung der Gesamtwirtschaft beisteuert, sind es im Osten nur 16 Prozent. Dagegen hat das Baugewerbe im Osten mit 8,6 Prozent einen deutlich größeren Wertschöpfungsanteil als im Westen (5,8 Prozent). Landwirtschaft und Fischerei kommen im Osten (1,4 Prozent) sogar auf einen doppelt so hohen Anteil an der Wertschöpfung wie im Westen (0,7 Prozent). Dagegen fällt der Anteil des Dienstleistungssektors in Ost und West mit rund 69 Prozent ähnlich hoch aus. 



Das unterschiedliche Gewicht, das die zinssensible Bauwirtschaft und die exportabhängige Industrie in Ost und West haben, hat Konsequenzen für die Konjunktur. Während der industrielastige Westen stark auf das Auf und Ab der Weltwirtschaft reagiert, ist der Osten mit seinem gewichtigen Bausektor anfällig für Schwankungen der Zinsen. 

Die Unterschiede in der Wirtschaftsstruktur dürften auch ein Grund für die nach wie vor ausgeprägten Lohnunterschiede zwischen Ost und West sein. Während die monatlichen Bruttolöhne im Westen im Jahr 2020 im Schnitt bei 3320 Euro lagen, kam ein ostdeutscher Arbeitnehmer im Schnitt nur auf 2850 Euro. Damit klafften auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung die Löhne zwischen Ost und West um 470 Euro auseinander. Das ist kaum weniger als 1996, als der Lohnrückstand des Ostens auf Eurobasis gerechnet bei 530 Euro lag.   



Der Wohlstand im Osten ist gewachsen 

Auch wenn die Lohneinkommen im Osten noch immer nicht mit denen im Westen gleichgezogen haben, genießen die Ostdeutschen heute einen deutlich höheren Wohlstand als zur Zeit der Wiedervereinigung. So lag das nominale Bruttoinlandsprodukt je Einwohner im Osten im Jahr 2020 bei 29.553 Euro. 1991 waren es umgerechnet nur 7395 Euro. Die Bürger im Westen erwirtschaften aktuell ein Pro-Kopf-Einkommen von 51.940 Euro. Wegen des niedrigen Niveaus, von dem die Ostdeutschen damals starten, übertrifft jedoch die Zuwachsrate der Pro-Kopf-Einkommen dort mit knapp 300 Prozent diejenige im Westen (128 Prozent) bei weitem.  



Große Fortschritte hat Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung auf dem Arbeitsmarkt erzielt. Lag die Arbeitslosenquote zwischen Rügen und Sachsen in der Zeit von 1997 bis 2005 zwischen 17 und 19 Prozent und übertraf damit das Niveau im Westen zeitweise um mehr als zehn Prozentpunkte, so haben sich die Unterschiede in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten deutlich verringert. Im Schnitt der Monate von Januar bis August dieses Jahres lag die Arbeitslosenquote im Osten bei 6,7 Prozent, gerade einmal 1,8 Prozentpunkte über dem Durchschnitt in Westdeutschland. 

Zum Rückgang der Arbeitslosigkeit im Osten dürfte beigetragen haben, dass viele ehemals arbeitslose Personen in den vergangenen Jahren in Rente gegangen sind. Zudem hat die Abwanderung jüngerer Menschen aus Ostdeutschland den Arbeitsmarkt entlastet. Auch dürfte die im Vergleich zu Westdeutschland geringere Zuwanderung aus dem Ausland den Abbau der Arbeitslosigkeit im Osten erleichtert haben. 



Anderes Selbstverständnis im Osten

Wie sehr die eigene Historie und die nach wie vor bestehenden ökonomischen Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland das Selbstverständnis der Bürger in beiden Teilen des Landes prägen, zeigt eine Umfrage von infratest dimap aus dem Jahr 2020. Auf die Frage, ob sie sich 30 Jahre nach der Wiedervereinigung eher als Deutsche oder als Ost- beziehungsweise Westdeutsche fühlen, gaben 78 Prozent der Westdeutschen, aber nur 55 Prozent der Ostdeutschen an, sie fühlten sich als Deutsche. 

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Dagegen betrachteten sich 41 Prozent der Bürger in den neuen Bundesländern in erster Linie als Ostdeutsche. In den alten Bundesländern definierten sich hingegen nur 16 Prozent vor allem als Westdeutsche. Dass sich das landsmannschaftliche Selbstverständnis in den vergangenen zwei Jahren substanziell verändert hat, ist wenig wahrscheinlich. Der Osten, so scheint es, führt auch 32 Jahre nach der Wiedervereinigung ein ökonomisches und gesellschaftliches Eigenleben.

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