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Deutscher Arbeitsmarkt „Die Löhne dürften in vielen Branchen nach oben gehen“

Quelle: imago images

Für den deutschen Arbeitsmarkt post-Corona sagt Arbeitsmarkt-Ökonom Enzo Weber gravierende Veränderungen voraus. Passend zum neuen Zwei-Prozent-Ziel der EZB erwartet er höhere Lohnabschlüsse dank steigender Inflation.

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Enzo Weber ist Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg und Professor für empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Regensburg.

WirtschaftsWoche: Herr Weber, die Coronakrise und die massenhafte Kurzarbeit haben in den vergangenen 15 Monaten das strukturelle Problem des Fachkräftemangels überdeckt. Kommt mit dem Aufschwung nun auch die Personalknappheit zurück?
Enzo Weber: Davon ist auszugehen. Schon seit 2005 wird es in Deutschland tendenziell enger mit den Fachkräften, vor allem im technischen und sozialen Bereich. Die Klagen vieler Unternehmen sind insofern nachvollziehbar. Allerdings sehe ich noch keine flächendeckende Mangelsituation. Bis zur Coronakrise ist das Arbeitskräftepotenzial in Deutschland beständig gestiegen, vor allem durch hohe Zuwanderung und eine steigende Erwerbsbeteiligung im Inland. Da kamen jedes Jahr mehrere hunderttausend Arbeitskräfte hinzu – trotz des demografischen Wandels. Ökonomisch ausgedrückt: Die wachsende Nachfrage nach Fachkräften konnte durch ein steigendes Angebot teilweise ausgeglichen werden. Das dürfte leider künftig immer weniger funktionieren. Der deutsche Arbeitsmarkt wird sich in der laufenden Dekade strukturell verändern. 

Anscheinend fehlen der Wirtschaft nicht nur Hochqualifizierte, sondern auch Helfer. Viele Gastronomen etwa suchen nach dem Ende des Lockdowns händeringend nach Sevicepersonal.
Ja, aber das ist auch ein temporäres Anpassungsproblem und kein rein strukturelles Phänomen. Die Gastronomie hat in der Krise viel Personal abgebaut, und die Leute mussten schauen, wo sie bleiben. Sie haben nun vielfach Jobs in anderen Branchen, mit Verträgen und Kündigungsfristen. Andere haben sich auch zumindest zeitweise aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen. Es dauert daher einige Zeit, bis sich die Personalsituation in der Gastronomie wieder normalisiert.

Enzo Weber ist Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg und Professor an der Universität Regensburg. Quelle: IAB

Richtig ist allerdings auch, dass der Markt auch für Helfertätigkeiten insgesamt enger geworden ist. Der jahrzehntelange Strukturwandel hat die Zahl der Helferjobs immens reduziert. Zu Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders waren sie noch die größte Gruppe am Arbeitsmarkt – heute die mit Abstand kleinste. Das sieht man auch an der Lohnentwicklung: In den 2000er Jahren gab es spürbare Zuwächse vor allem für Akademiker, niedriger Qualifizierte haben real beim Lohn sogar verloren. Mittlerweile ist das anders: Vor der Krise stiegen die Löhne deutlich ausgeglichener über die Qualifikationsstufen und Branchen hinweg.

Bilden die Löhne in Deutschland den Fachkräftemangel hinreichend ab? Selbst liberale Ökonomen wie ifo-Präsident Clemens Fuest fordern mittlerweile mehr Geld für die Arbeitnehmer…
Da muss man genau hinschauen. In den Neunziger- und 2000er-Jahren haben neben der Massenarbeitslosigkeit auch die Globalisierung und der damit verbundene Wettbewerb die deutschen Löhne in Schach gehalten. Hier spielte vor allem der Aufstieg Chinas und der wirtschaftliche Öffnung Osteuropas eine Rolle. Doch die Globalisierung ist nicht mehr der treibende Faktor für die Lohnentwicklung, zumal neue Technologien und der Einsatz von Robotern im Inland das Off-Shoring reduzieren.  In den 2010er-Jahren haben die Löhne in Deutschland zwar nicht fulminant, aber deutlich stärker als vorher zugelegt. Die Arbeitskräfteknappheit zeigte Wirkung – wenn auch nicht so stark, wie man es hätte erwarten können. Das Problem ist die schwache Produktivitätsentwicklung. Produktivität ist der wesentliche Hebel, um Löhne erhöhen zu können. Wer höhere Löhne will, muss darüber nachdenken, wie sich in Zukunft aus dem einzelnen Arbeitsplatz mehr machen lässt. 



Was wird sich nach Corona in den Portemonnaies der Beschäftigten tun?
Wenn sich nach Corona der Aufschwung festigt, werden wir auch höhere Tarifforderungen sehen. Zunächst wird es zwar eine Kerbe bei den Reallöhnen geben. Viele Unternehmen haben noch wirtschaftliche Probleme. Und die Inflation ist in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Das werden die Gewerkschaften bei den Lohnverhandlungen einpreisen, aber das geht nicht alles sofort. Es gibt eine lohnpolitische Übergangsphase, viele Tarifverträge laufen ja noch. Doch dann dürften die Löhne in vielen Branchen kräftiger nach oben gehen.  Insofern wird sich nach Corona der Trend aus den 2010-Jahren fortsetzen – und sogar verstärken. 

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Wird auch der demografische Wandel die Löhne künftig nach oben treiben?
Nicht unbedingt. Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass Arbeits- und Kapitaleinsatz mittelfristig zu einem bestimmten Verhältnis zurückkehren. Man kann den demografischen Wandel nicht weginvestieren. Wenn ein Land demografisch schrumpft, dann schrumpft es am Ende ceteris paribus  auch volkswirtschaftlich. Und damit sinkt die Nachfrage nach Arbeitskräften wieder. Man kann folglich nicht davon ausgehen, dass durch die Demografie zwingend die Löhne steigen. Dafür brauchen wir eine höhere Qualität der Beschäftigung, intensivere Qualifizierung, eine digital transformierte Berufsausbildung - und damit eine höhere Wirtschaftsleistung.

Mehr zum Thema: Der Arbeitsmarkt entspannt sich, der Fachkräftemangel in vielen Branchen nimmt zu. Zugleich dürfte die steigende Inflation die Gewerkschaften aggressiver machen. Nach der Coronakrise spricht vieles für einen Lohnschub in der deutschen Wirtschaft.

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