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Deutschland, deine Wutbürger Wachstum auf Pump schafft sozialen Unfrieden

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Wachstum, von dem nicht alle profitieren

Auf dem G7-Gipfel von Bonn 1978 legte sich auch die westliche Staatengemeinschaft eindeutig auf das politische Ziel der weiteren Wachstumsförderung fest. Das Mittel der Wahl: Schuldenfinanzierte Ausgabenpolitik. Aus dieser Epoche rührt das informelle Bündnis von Staaten und Finanzinstitutionen, das den bis heute fortgesetzten Marsch in das System des wachstumsfördernden Schuldenstaates erst ermöglichte.

Das Ende des Wachstums, das einst die großen Ökonomen von Keynes bis zu den Ordoliberalen noch für unvermeidlich gehalten hatten, sollte aufgehoben werden. Aus den „Grenzen des Wachstums“ würde also, so las man in den späten Siebzigerjahren in den Zeitungen, das „Wachstum der Grenzen“.

Doch für immer kleinere Wachstumseffekte musste mit immer mehr Schulden nachgeheizt werden. Und das Wachstum, das die entwickelten Volkswirtschaften seither erzielten, steigerte nicht oder kaum mehr den allgemeinen Wohlstand. Denn das Wachstum ging auf Kosten der Löhne, die – relativ – gekürzt wurden, um Gewinne zu erwirtschaften und die Zinsen und Dividenden der Kapitaleigner zu zahlen.

Zuvor, im goldenen Zeitalter des Wirtschaftswunders, saßen alle in einem Boot. Im Zeitalter des staatsschuldenfinanzierten Wachstums sind die einen mit neuem Schwung weitergezogen, während die anderen – vermutlich die Mehrheit – seither mehr oder weniger auf der Stelle strampeln. Das ist zumindest das Empfinden weiter Teile der Gesellschaft.

Willkommenskultur hofft auf Win-Win-Situation

Eine Bedingung für die Fortsetzung des Wachstumskurses war und ist die Mobilisierung neuer Arbeitskraft. Dafür gab es im Wesentlichen zwei anzapfbare Quellen: Eine innere, nämlich die in den Wirtschaftswunderjahrzehnten meist noch nicht berufstätigen Frauen, und eine äußere: die Einwanderung.

Was die Menschen vom Kapitalismus halten

Die ökonomische Großwetterlage der entwickelten Welt, gekennzeichnet durch zunehmend verzweifelte Versuche, das Wachstum neu zu beleben, ist nicht nur ein Begleitumstand der Masseneinwanderung, sondern auch eine der Ursachen. Wohlgemerkt: nur eine von vielen. Die Wanderungsbewegungen werden von Push- und Pull-Faktoren beeinflusst. Für erstere sorgen vor allem die Zustände in den Herkunftsländern: Überbevölkerung, fehlende wirtschaftliche Entwicklung, Versagen oder gar völliger Zerfall der Staatlichkeit. Aber auch die Anziehungskräfte der Zuwanderungsländer spielen eine große Rolle.

Die „Willkommenskultur“, an der sich der gesellschaftliche Konflikt hierzulande entzündet, ist eine Mischung aus moralischen und ökonomischen Argumenten für die Öffnung. Darin äußert sich die Hoffnung vieler, meist wohlhabender und gut ausgebildeter Menschen auf eine große Win-Win-Situation: Anderen Gutes tun und dadurch im Endeffekt auch noch reicher werden. Wir helfen jetzt den Flüchtlingen und dann ermöglichen sie durch ihren Wohlstandshunger und Fleiß neue unternehmerische Möglichkeiten, also Wachstum!

Die Geschichte der freien Marktwirtschaft
Metamorphose IIn der Frühphase des Kapitalismus werden aus Landarbeitern Handwerker: Webstuhl im 19. Jahrhundert in England. Quelle: imago / united archives international
Metamorphose IIMit der Industrialisierung werden aus Handwerkern Arbeiter: Produktion bei Krupp in Essen, 1914. Quelle: dpa
Metamorphose IIIIm Wissenskapitalismus werden Arbeiter zu Angestellten und Proletarier zu Konsumenten: Produktion von Solarzellen in Sachsen. Quelle: dpa
Ort der VerteilungsgerechtigkeitDen reibungslosen Tausch und die Abwesenheit von Betrug – das alles musste der Staat am Markt anfangs durchsetzen. Quelle: Gemeinfrei
Ort der KapitalkonzentrationDer Börsenticker rattert, die Märkte schnurren, solange der Staat ein wachsames Auge auf sie wirft Quelle: Library of Congress/ Thomas J. O'Halloran
Ort der WachstumsillusionWenn Staaten Banken kapitalisieren, sind das Banken, die Staaten kapitalisieren, um Banken zu kapitalisieren... Quelle: AP
Karl MarxFür ihn war der Unternehmer ein roher Kapitalist, ein Ausbeuter, der Arbeiter ihrer Freiheit beraubt. Quelle: dpa

Das Problem dabei ist: Das von den politischen und medialen Eliten oft genannte Argument, dass "Deutschland" von der Einwanderung profitiere, weil sie weiteres Wachstum schaffe, kann nur Menschen überzeugen, die selbst zu den Profiteuren dieses Wachstums gehören. Das ist eben nur ein Teil von Deutschland. Wer ohnehin auf der Stelle strampelt oder sich zumindest so fühlt, kann sich schwerlich dafür begeistern, dass nun noch andere neben ihm oder gar an seiner statt strampeln.

Dieses Empfinden des Austauschbarseins, das weite Teile der einheimischen (oder früher schon eingewanderten) Nicht-Eliten angesichts der ökonomischen Entwicklungen der vergangenen Jahre erfasst hat, ist eine Quelle für Frust und daraus entstehenden Zorn. Er richtet sich vermutlich bei der Mehrheit der Wütenden stärker gegen die einwanderungsfreundlichen Eliten als gegen die Einwanderer selbst.

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