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Deutschland Dinner Merkel in Moll

Angela Merkel zu Gast beim Handelsblatt: Ganz entsprach sprach die Kanzlerin über ihr Verhältnis zu Helmut Kohl und Barack Obama, über die Abhängigkeit der Staaten von Banken und die Aussicht auf ein Energieministerium.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel unterhält sich mit Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. Quelle: Dominik Butzmann

Berlin Natürlich kennen wir Angela Merkel. Die Sture, die immer nur so viel Boden preis gibt, wie sie braucht, um ihre Macht zu erhalten. Die Kanzlerin, deren nach unten gleitende Mundwinkel Markenzeichen für ein strenges Deutschland geworden sind. Die Unfassbare, die jahrelang auf der Stelle verharrt, um dann den politischen Gegner mit seinen eigenen Themen zu überholen, beim Atomausstieg etwa.

Diese Kanzlerin redete am Donnerstagabend im Schlüterhof des vormaligen Zeughauses an Berlins Prachtmeile Unter den Linden über Barmherzigkeit als notwendige Tugend in der Politik und was sie die verstorbene Margaret Thatcher gerne noch gefragte hätte. Angela Merkel beschrieb ihr Verhältnis zur Helmut Kohl und stellte erstmals klar, warum sie dagegen war, dass der damalige US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama vor dem Brandenburger Tor reden konnte, sie ließ erkennen, warum es für die Staaten des Westens so wichtig ist, sich aus der Abhängigkeit der Banken zu befreien und sie deutete an, dass es nach der Bundestagswahl in einer Regierung unter ihrer Führung ein Energieministerium geben könnte.

Sie tat all dies als Gast des Handelsblatts und von Verleger Dieter von Holtzbrinck. Sie stellte sich den Fragen von Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart und den Lesern der Zeitung beim traditionellen „Deutschland Dinner“. Dabei zeigte sich den mehr als 600 Gästen eine Kanzlerin, die Macht und Menschlichkeit miteinander verband, die sich nicht scheute, auch Einblicke in ihre persönliche Seelenlage zu geben. Sie war eine Legendenaufräumerin und variierte Themen und Stimmungen mit Schlagfertigkeit und Selbstironie in einer Weise, die die Handelsblatt-Leser, darunter viele mittelständische Unternehmer, immer wieder zu spontanem Szenenapplaus veranlasste.

Schon Merkels Antwort auf die Eingangsfrage Steingart, wie es ihr denn derzeit gehe, zeigte die Souveränität einer Frau, die um ihre Stellung als mächtigste Regierungschefin Europas weiß: „Ich habe den Eindruck, dass ich den Überblick habe – also geht es mir gut.“ Sie habe gut geschlafen, sechs bis sieben Stunden. Sie höre nur ungern die Geschichten über ihren Stress und schlaflose Nächte, ließ die CDU-Vorsitzende durchblicken, und richtete ihre Worte direkt an die Gäste: Denn sie wisse, dass auch viele Unternehmer rund um die Uhr für ihre Firmen im Einsatz seien. „Der Unterschied ist, ich sehe Sie nie, wenn Sie spät arbeiten – aber Sie sehen mich immer.“

Bei ihrer Arbeit dreht sich fast alles um Europa. Merkel erklärte warum: Es sei für sie eine ganz entscheidende Frage, wo Europa in zehn oder zwanzig Jahren stehen werde. Werde es ein Kontinent sein, der weiter innovativ sei und bei Wirtschaft und Technologie vorne mitspiele – oder aber fallen wir hinter die großen globalen Wettbewerber zurück? Europa seinen Platz in der Welt zu schaffen, sei ein wichtiger Antrieb ihrer Politik. Dafür nutze sie nicht Macht, aber ihre Gestaltungsmöglichkeiten. Zugleich profitierten davon auch die Deutschen. Denn es sei ihr Auftrag, das „Bestmögliche“ für die Deutschen zu erreichen, ohne den anderen „Nationen“ Schaden zuzufügen.

Dabei räumte Merkel ein, dass sie nicht wisse, wo der Kontinent in der Bewältigung der Währungs- und Staatsschuldenkrise stehe. Es sei nicht ihr Stil, den Menschen vorzumachen, dass man das Ende der Krise erreicht habe. Sie wisse nicht, „was noch auf uns zu kommt“. Sie wisse nur, dass es um verschiedene Arten von Problemen gehe, die ihre Regierung durchmesse. Die Erwartungen an die Politik seien oft zu hoch, denn als Kanzlerin könne sie oftmals nicht zwischen richtig und falsch abwägen, sondern nur zwischen verschieden hohen Risiken.

Die EU kauft Zeit

Die Krise habe auch das Zusammenspiel der Staaten Europas verändert. Steingart Einwurf von einer Verschärfung der Spannungen innerhalb der EU wollte Merkel nicht gelten lassen. Nein, es habe sich nur die Qualität der Politik in Europa verändert: Europapolitik sei nicht mehr wie früher „Außenpolitik“, sondern „Innenpolitik“ geworden. Durch den damit verbundenen und offener ausgetragenen Streit „wachsen wir auch näher zusammen“. Und weil die Europäer zusammengehörten, „können wir uns auch so streiten“.

Die Kritiker dieser Prozesse – sie meinte die neue Gruppierung „Alternative für Deutschland“ ohne diese beim Namen zu nennen – hätten einen falschen Blick auf die Zusammenhänge. Immer wieder würde ein Phantom aufgebaut, um es zu jagen. So sei es auch mit der No-Bail-Out-Klausel, auf die immer wieder abgehoben werde. In der europäischen Rettungspolitik habe es kein Bail-Out von Staaten gegeben. Das, was die EU tue, sei nicht eine Staaten-Rettung, sondern der Kauf von Zeit, damit sich angeschlagene Staaten durch Reformen wieder fit machen könnten.

Dieses Fitmachen gehe aber nicht über neue Schulden, erläuterte die Bundeskanzlerin ihr Credo. Da das Schuldenmachen am Beginn der nun seit Jahren schon andauernde Krise stehe, können sie nicht verstehen, warum keine Einsicht dafür da sei, dass „man auf Schulden kein Wachstum aufbauen“ könne. Auch die Politik brauche neue Freiräume – von den Banken. Die Regierungen würden nur wieder unabhängig, wenn sie keine neuen Schulden mehr machten. Die Politik müsse unabhängiger von der Finanzindustrie werden. Dies helfe auch der Realwirtschaft. Denn derzeit würden Banken lieber zunächst Staatsanleihen kaufen und dann erst Unternehmen Kredite geben.

Beim anderen großen Thema ihrer Regierungszeit – der Energiewende – zeigte sie sich kämpferisch. Das Problem sei zu bewältigen. Wenn ein Industrieland wie Deutschland dies nicht schaffe, stimme irgendetwas nicht. Dann erläuterte sie, warum sie eine so radikale Wende zu ihrer eigenen Position vollzogen habe: Dass ein technisch so hochentwickeltes Land so unzureichend nach der Katastrophe reagiert habe, wäre für sie Anlass zum Nachdenken gewesen. Nach der eingeleiteten Energiewende ginge es jetzt um eine bessere Abstimmung unterschiedlicher Interessen, insbesondere bei den bisherigen Nutznießern der Subventionen für erneuerbare Energien. Diese Aufgabe sei sehr komplex, gerade auch zwischen zwei widerstreitenden Ministerien. Deshalb, so sagte sie mit Blick auf eine weitere Amtszeit, wolle sie nicht ausschließen, die Einrichtung eines Energieministeriums zu prüfen.


Barmherzigkeit in der Politik

Im außenpolitischen Teil des Gesprächs ging sie auf ihr Verhältnis zu US-Präsident Barack Obama ein. Das sei entspannt und partnerschaftlich. Den Einwand Steingarts, dass man da ja oftmals anderes höre, weil sie Obama während seines Wahlkampfs einen Auftritt vor dem Brandenburger Tor verweigert habe, wies die Kanzlerin zurück. Für sie sei das Brandenburger Tor nun mal ein besonderes Symbol der wiederlangten deutschen Einheit, vor dem nicht zu viele ausländische Spitzenamts-Kandidaten sprechen sollten. Sie habe es Obama später nochmals erklärt und „ich glaube, er hat es verstanden“, sagte Merkel.

Immer wieder kam die Kanzlerin auf die menschliche Dimension der Politik zu sprechen. Sie habe sich vor kurzem ein Buch von Walter Kardinal Kasper über „Barmherzigkeit“ gekauft. Dass es in der Politik damit nicht so weit her sei, wie Steingart meinte und auf Merkels ehemalige Widersacher Roland Koch und Friedrich Merz abhob, wollte Merkel nicht gelten lassen. Barmherzigkeit und Vergebung spielten auch in der Politik eine Rolle – „mehr als Sie denken, Herr Steingart“. Wenn es nur Auge um Auge und Zahn um Zahn ginge, dann würde es gerade auch in einer Volkspartei sehr schwierig werden.


Auf die verstorbene britische Premierministerin Margaret Thatcher angesprochen, zeigte sich die CDU-Vorsitzende traurig, dass sie die jene Politikerin nicht mehr habe persönlich treffen können, die viele für Merkels Vorgängerin als Zuchtmeisterin Europas sehen. Aber nicht über Europa hätte sie mit ihr sprechen wollen. Nein, die Kanzlerin hätte sich „gerne darüber unterhalten, wie sie mit Selbstzweifeln umgegangen ist“.

Schließlich gab sie auch noch etwas über ihr Verhältnis zu Alt-Kanzler Helmut Kohl preis. Er hat sie entdeckt, aber irgendwann hat sie ihrem Entdecker emanzipiert. Ob sie etwas von ihm gelernt habe, wollte Steingart wissen. „Zwei Dinge“, antwortet die Kanzlerin. Kohl habe immer Terminkalender und Portmonee dabei gehabt und sei damit sozusagen „satisfaktionsfähig“ gewesen. Und zweitens: Er habe in großen Linien gedacht. Die Sätze klingen so, als habe Merkel mit Kohl ihren Frieden gemacht. Sie denke die Dinge vom Ende her, werde ihr mit dem Verweis darauf, dass sie ja Physikerin sei, unterstellt. Merkel lächelt und räumt auf mit dieser Legende: „Physiker sind Wissenschaftler, Wissenschaftler sind Forscher“, sagt sie und das Wesen der Forschung sei nun einmal, dass niemand wisse, was am Ende dabei herauskomme. Den Schluss, dass es vielleicht das Wesen erfolgreicher Politiker sein könnte, Dinge mitsamt ihrem wahrscheinlichen Endergebnis zu bedenken, überlässt sie ihren Zuhörern.

Zum Abschluss des lauen Frühsommerabends im Berliner Schlüterhof lüfte Angela Merkel auch noch ein kleines Geheimnis: Warum sie immer ihre Hände mit sich berührenden Daumen und Zeigefinger fast wie ein Herz vor ihrem Bauch verschränke, wollte Handelsblatt-Herausgeber Steingart wissen. Das sei irgendwann mal zu Beginn ihrer politischen Karriere so gekommen, als sie bei öffentlichen Auftritten und vor Kameras nicht gewusst habe, wohin mit ihren Händen. Warum das aber so ein Thema in der Öffentlichkeit sei, verstehe sie nicht, sagte sie schmunzelnd.

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