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Deutschland Ich will mein Land zurück

Unsere Nation teilt sich mittlerweile in Gutmenschen und Wutbürger. Wer auf der anderen Seite steht, gilt gleich als Verächter dieses Landes. Es reicht. Besinnen wir uns auf das, was Deutschland wirklich eint.

Wutbürger, Shitstorms und Islamhass? Davon hat unsere Autorin genug. Quelle: dpa

Es ist zu einem Automatismus geworden. Irgendwo in Europa passiert etwas Schreckliches, ein Terroranschlag, ein Amoklauf, Menschen sterben – und wir suchen nach den Gründen. Und nach einer angemessenen Reaktion.

Besonnenheit und Starrsinn, lautete die nach dem Terroranschlag von London. Wir lassen uns von Terroristen nicht verunsichern, wir wollen nicht, dass die Angst, die wir nun empfinden, unsere Rationalität überwältigt und unsere Lebensweise verändert. Wir trinken weiter Tee, schickten die Briten aus London als Botschaft in die Welt. Was hierzulande auch für Empörung sorgte.

„Ich misstraue dieser Coolness“, schrieb so zum Beispiel WiWo-Kolumnistin Cora Stephan. Und forderte: „Ich bin es leid. Ich will mein Europa, ich will mein Deutschland zurück – nicht das Klischee von Deutschland, das jene gern zeichnen, die das Land im Grunde verachten […]. Ein Land, in dem Frauen sich Respekt erobert haben, in dem sie sich nicht verstecken und verhüllen müssen, in dem die Nacht ihnen gehört, und nicht jungen Männern aus frauenverachtenden Kulturen. Ein Land der Meinungsfreiheit, in dem Religion Privatsache ist und niemand auf die Idee kommt, für seinen Glauben mit Gewalt kämpfen zu müssen. Ein Land, in dem der Islam keinen nennenswerten Einfluss hat.“

Wenn ich solche Zeilen lese, frage auch ich mich: Was ist aus unserem Land geworden? Seit wann teilt sich diese Nation in besorgte Bürger auf der einen und Gutmenschen auf der anderen Seite?

Wir führen in Deutschland mittlerweile keine Diskussion mehr über den Terror und den Islam, wir führen einen Streit über das Bild Deutschlands. Wer in diesem Streit andere als Landes-Verächter diskreditiert, will es sich leicht machen. So verbittet man sich jede Diskussion darüber, was dieses Land, in dem wir leben, eigentlich auszeichnet – oder auszeichnen sollte. Es ist ein Versuch, die eigene Meinung als Definition festzusetzen. Dabei ist die Diskussion so wichtig, wie seit Jahrzehnten nicht mehr und mindestens so aktuell wie zur Zeit der Wiedervereinigung.

Was zählt zu dieser Bundesrepublik, die wir unsere Nation nennen? Die Demokratie, Meinungsfreiheit, Frauenrechte, ja, das alles unbedingt. Soweit scheinen sich die Geister einig. Das christliche Kulturbild, ist das ein definierender Bestandteil der Nation? Es ist auf jeden Fall den meisten der hier lebenden Menschen wichtig. Und deshalb schon sollten wir von allen anderen Respekt und Achtung für diese Kultur einfordern. Aber Muslime?

Ich vermisse in dieser Diskussion den Hinweis auf das Grundgesetz. Es bildet das Fundament unseres politischen Systems, unserer Wirtschaft, unserer Freiheiten und ihrer Grenzen. Aus ihm leiten sich unsere Bürgerrechte ab, die Meinungsfreiheit, die Gleichberechtigung, und das Diskriminierungsverbot. Das eint uns um ein vielfaches mehr als die Fragen, wo und wie viele rot-schwarz-goldene Flaggen wir aufhängen, wann wir Lichterketten bilden und unsere Facebook-Profile ändern. Oder ob der Islam zu Deutschland zählt.

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