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Deutschland nach der Wahl Wie uns eine erfolgreiche Transformation gelingen kann

Saori Dubourg ist Mitglied des Vorstands von BASF. Quelle: imago images

Mehr Wohlstand erreichen wir nur dann, wenn wir zukunftsfähiges Wachstum schaffen. Um den Industriestandort Deutschland zu stärken, braucht es neue finanzielle Strategien – für Politik, Wirtschaft und die Gesellschaft. Ein Gastbeitrag von BASF-Vorständin Saori Dubourg

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Saori Dubourg ist Mitglied des Vorstands von BASF und Mitglied des Deutschen Rates für Nachhaltige Entwicklung, der die Bundesregierung berät.

Wenn wir unser Land zukunftsfähig machen möchten, müssen wir über den Weg der Umsetzung und der Finanzierung sehr klar sein. Eine reine Vermögensumverteilung, in welcher Form auch immer, führt nicht zu einer stärkeren Wirtschaft – denn ein Kuchen wird nicht größer, indem wir ihn anders schneiden. Mehr Wohlstand gelingt uns nur dann, wenn wir in Deutschland zukunftsfähiges Wachstum schaffen. Dabei geht es nicht nur darum, den Industriestandort Deutschland zu erhalten – sondern, ihn zu stärken.

Die Kosten der Transformation, die vor uns liegt, sind gewaltig. Allein für die Umsetzung der Pariser Klimaziele brauchen wir in der EU bis 2050 sektorübergreifende Bruttoinvestitionen von etwa 28 Billionen Euro – für Deutschland ist das ein Investitionsbedarf von bis zu sechs Billionen Euro im gleichen Zeitraum. Ein Teil des Investitionsbedarfs kann aus bestehenden Budgets in nachhaltige Technologien für Klimalösungen umgeleitet werden. Trotzdem bleiben durchschnittlich etwa 180 Milliarden Euro pro Jahr bis 2050, um das erklärte Ziel Klimaneutralität der Europäischen Union zu erreichen. Diese gewaltigen Summen können die EU-Mitglieder nicht ohne Weiteres stemmen, zumal die Kosten der Pandemie nach wie vor viele Staatshaushalte belasten. Es braucht also auch einen finanziellen „Musterwechsel“.

Wir haben jetzt die einmalige Chance, den Musterwechsel aktiv zu gestalten. Dieser Wechsel besteht darin, dass wir uns, aus der Dekade der Globalisierung kommend, nun auf den Weg in eine Gesellschaft machen, in deren Kern es um intelligente Ressourcennutzung auf allen Ebenen gehen wird. Dies müssen wir vor dem Hintergrund internationaler Märkte so effektiv und kostengünstig wie möglich angehen. Nachhaltigkeit bedeutet nämlich nicht nur mehr Wert für Umwelt, sondern eine neue Balance aus Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft – insofern geht es um eine Wachstumsfunktion für Europa, den größten Binnenmarkt der Welt.

In der Wirtschaft entstehen derzeit 50 bis 100 neue, schnell wachsende Innovationsmärkte: Wir denken Transport, Energie, Biotech, Kreislaufmärkte, Ernährung und Landwirtschaft digital und nachhaltig.

In einigen dieser Technologiefelder besetzt Deutschland bereits führende Positionen und knüpft damit an seine lange Tradition als Exportweltmeister an. Es bleiben uns aber nur noch drei bis fünf Jahre, um diese Wachstumsmärkte mit innovativen Ideen zu stärken. Wir stehen hier im globalen Wettlauf mit den USA und China.

Im Zuge der nachhaltigen Transformation dürfen die Wunschlisten allerdings nicht länger werden als die realen Umsetzungsmöglichkeiten. Die Herausforderungen je Industrie- und Wirtschaftssektor sowie die notwendigen Zeithorizonte für Forschung und Investitionen sind teils sehr unterschiedlich. Daher braucht es industriespezifische wie auch übergreifende Roadmaps, die klar definiert und verständlich für alle Stakeholder sind – und dadurch zügig mit öffentlichen Infrastrukturinvestitionen verzahnt werden können.

Wenn wir schnell und erfolgreich sein wollen, müssen wir die Transformation mit innovativer Finanzierung und Mobilisierung von bisher ungenutztem oder nicht zielorientiert eingesetztem Kapital finanzieren. Dazu braucht es eine neue Kooperationsfähigkeit zwischen Staat, Unternehmen und Gesellschaft.

Grundlage dafür ist die Kombination aus öffentlichem Kapital (Staatsvermögen aus Vorsorge- und Rentenfonds) und privaten Investitionen, erweitert um nachhaltige Investitionsfonds wie Green Bonds oder Sustainability Linked Fonds.

Bund, Länder und viele Kommunen verfügen über Vermögen, die bisher nur teilweise für die Nachhaltigkeitsfinanzierung eingesetzt wurden. Für die Bundesvermögen in den verschiedenen Vorsorge- und Rentenfonds existiert bislang keine ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie, um die Klimaziele der Bundesregierung zu unterstützen. Hier ist enormes Aktivierungskapital.

Auch in den Berichten der Unternehmen werden makroökonomische Werte und Risiken bisher nicht genügend abgebildet. Neben dem Finanzkapital müssen hier künftig auch Human- und Naturkapital stärker berücksichtigt werden. So könnten Finanzinvestoren echte Transparenz über den Zukunftserwartungswert eines Unternehmens erhalten.

Erstmals werden dadurch gesamtwirtschaftliche Werte und Risiken monetär eingepreist. Trillionen an Kapital am Aktienmarkt könnten so genutzt werden, um umweltfreundliche Technologien zu fördern und Sozialsysteme zu stabilisieren. So entsteht ein neuer und notwendiger Mehr-Wert für unser System und für Gesellschaft, Umwelt und Unternehmen, der den Transformationsweg unterstützt.

Dabei können wir die Bürger zu Co-Investoren der Zukunft machen. Mit einem Nachhaltigkeitsfonds, der an Wachstumsfeldern der Zukunft partizipiert, bestünde die Möglichkeit zur privat-bürgerlichen Finanzierungsbeteiligung. Wir würden das Risiko der Transformation als Shareholder gemeinsam tragen, Verantwortung übernehmen, aber auch von der Rendite aus den neuen Wachstumsmärkten profitieren. Wenn wir es wollen, können wir Transformation. Veränderung braucht unsere Beteiligung.

Mehr zum Thema: Clemens Fuest zieht Bilanz nach 16 Jahren Merkel, beschreibt die wirtschaftspolitischen Baustellen, bewertet die Kanzlerkandidaten – und erklärt, wie sein Sofortprogramm für Deutschland aussähe. Hören Sie hier den „Chefgespräch“-Podcast mit dem Starökonom!

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