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Deutschland Trägt die Wirtschaft Mitschuld am Linksruck?

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Ausgerechnet in dieser Lage fallen auch die Verbände als Sprachrohr der Wirtschaft aus. Für Air-Berlin-Chef Hunold sind sie „oftmals lahme Enten, weil sie die unterschiedlichsten Interessen unter einen Hut bringen müssen“.

Schmerzlich fehlt der Wirtschaft eine Persönlichkeit, die gegenüber Medien und in den Hinterzimmern der Politik Wirkung erzielt. Hans-Olaf Henkel etwa erreichte nicht immer die Politik, zog aber als BDI-Präsident in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre ohne Hemmungen in die medialen Schlachten. Er war umstritten und schneidend, gewiss, er war der fleischgewordene Angriff, aber er war rhetorisch brillant. Und er war eine Marke. Witzig, pointiert und schlagfertig dominierte Henkel damals Talkrunden und Podiumsdiskussionen. Nach-Nachfolger Jürgen Thumann hat zwar etwas mehr Erfolg im direkten Gespräch mit der Politik, kann aber öffentlich mit seiner westfälisch-abwägenden Art selten punkten und verzichtet oft von vornherein auf Schlagabtausche vor laufender Kamera. Oder Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt? Der erfolgreiche und bodenständige Maschinenbauer fühlt sich auf einer Fußball-Tribüne immer noch wohler als bei einer Pressekonferenz mit Berliner Journalisten. Und auch DIHK-Präsident Ludwig-Georg Braun trifft bei öffentlichen Auftritten mit seiner eher asketisch-lutherischen Art nicht unbedingt jedermanns Nerv. Mag sein, dass die Anforderungen an die Vertreter der Wirtschaft zu hoch sind, aber die Gesetze der Mediengesellschaft sind von eigener Brutalität – und keiner wird gezwungen, Verbandspräsident zu werden.

Erst langsam setzt in der Wirtschaft ein Umdenken ein, und Manager und Verbände erkennen, dass sie selbst viel stärker für die soziale Marktwirtschaft werben müssen, wollen sie deren Interpretation nicht der Linkspartei überlassen.

Die Maschinenbauer etwa wollen das Engagement der Unternehmen vor Ort künftig besser vermarkten, als gesellschaftspolitisches Feigenblättchen gewissermaßen. So drängt etwa Manfred Wittenstein, im Hauptberuf Hersteller von hochpräzisen Planetengetrieben für die Formel 1 und im Nebenjob Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), auf mehr Aktivität der Unternehmen, damit sich „die Gesellschaft nicht von der Wirtschaft abwendet und das Land auseinanderbricht“. Die Unternehmen sollten sich noch stärker bei Ausbildung, in den Schulen und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf einbringen, um bei den Bürgern Vertrauen, „soziales Kapital“, wieder zurückzugewinnen. Und das sei ein „mühseliger, aber lohnender Kampf“.

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    Auch die Private-Equity-Gesellschaften, die sich von Franz Müntefering als „Heuschrecken“ beschimpfen lassen mussten, wollen ihr Image aufhübschen und haben daher eine Transparenz-Offensive gestartet. Die Energiekonzerne, die seit einer Welle von Preiserhöhungen mit einem Abzocker-Ruf kämpfen, suchen für ihren Branchenverband einen neuen Spitzenmann – ein Kommunikationstalent mit exzellenten Drähten in die Politik möge es sein, bitte schön. Und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der als Buhmann der Kapitalismuskritiker galt, wirbt seit dem vergangenen Jahr höchstpersönlich für die Globalisierung. Und dafür traute er sich gar zu einem Vortrag in die Parteizentrale der Sozialdemokraten.

    Die Arbeitgeber in der BDA wiederum setzen erst einmal auf ihre Kampagne gegen den Mindestlohn. Vielleicht wird auch die Zeit die Dinge richten. Mit dem Aufschwung wird bald wieder Schluss sein. Für die Wirtschaft liegt darin aber eine klitzekleine Chance: „Mit unseren Argumenten haben wir vor allem dann Konjunktur, wenn es mit der Konjunktur abwärts geht“, sagt Dieter Hundt.

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