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Deutschlands Mittelschicht schwindet In Richtung amerikanischer Verhältnisse

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Die Mehrheit der Bevölkerung verliert an Einkommen

Sogar die Einkommen innerhalb der Klassen entwickeln sich in Deutschland und den USA erstaunlich gleichförmig. Von den Achtzigerjahren bis zur Jahrtausendwende stieg das Medianeinkommen auf beiden Seiten des Atlantiks kontinuierlich an, danach drehte sich die Entwicklung um. Zwischen 2000 und 2014 sank das reale Medianeinkommen in den USA um vier Prozent, in Deutschland schrumpfte es nach Jahrzehnten des Wachstums um ein Prozent (bis 2013). Diese Zahlen lassen bereits vermuten, was an anderer Stelle belegt wird: Während die Einkommen immer weiter auseinandergehen, gewinnt eine kleine Gruppe massiv hinzu, die Mehrheit der Bevölkerung aber verliert real an Einkommen. 

Das belegt der Vergleich der Einkommensanteile der verschiedenen Schichten. So verfügte die Mittelschicht in den USA 1980 noch über 60 Prozent aller Einkommen, 2014 waren es nur noch 43 Prozent. Der Einkommensanteil der Mitte sank damit deutlich schneller als der Bevölkerungsanteil. In Deutschland sieht es ähnlich aus: Während der Bevölkerungsanteil der Mitte seit 1983 um fünf Prozentpunkte sank, verringerte sich der Einkommensanteil um neun Punkte.

Zuwanderer landen zunächst in den unteren Einkommensschichten

Besonders betroffen vom Schrumpfen der Mittelschicht sind in Deutschland wie in den USA Zuwanderer. So sank der Anteil der Weißen in der Mittelschicht in den USA zwar im Vergleich zu allen anderen Ethnien am deutlichsten, sie wanderten jedoch vor allem in die obere Einkommensschicht ab. In der unteren Schicht wuchs hingegen der Anteil der Latinos am schnellsten.

Marcel Fratzscher über das Schrumpfen der Mittelschicht

In Deutschland wird die Ethnizität zwar nicht in Umfragen erhoben, Rückschlüsse lässt aber die Auswertung nach Geburtsort zu. So ist der Anteil der Angehörigen der Mittelschicht unter denjenigen am stärksten geschrumpft, die nicht in Deutschland geboren wurden. Ihr Anteil lag 2013 um 15 Prozentpunkte unter dem Wert von 1983, die Mitte schrumpfte hier doppelt so schnell wie in der Gesamtbevölkerung.

Dass sich auch bei diesem Kriterium die Entwicklungen in Deutschland und die USA so stark ähneln, überrascht vor allem deshalb, weil es im Untersuchungszeitraum in den USA eine deutlich stärkere Zuwanderung gegeben hat. Neue Zuwanderer gruppieren sich zunächst stets in den unteren Einkommensschichten ein, können dann aber aufsteigen. In Deutschland hingegen scheint es sich um echte, individuelle Abstiegsprozesse zu handeln.

Unterschiede in der Oberschicht

Trotz aller Parallelen gibt es aber auch Unterschiede – die wohl die wahrgenommene Ungleichheit am stärksten beeinflussen. So ähnlich sich in Deutschland und den USA im Prinzip die Entwicklungen in der Mitte und am unteren Ende sein mögen, so verschieden sind sie in der Oberschicht.

Das zeigt sich vor allem am Vermögen, aus dem viele der Gutverdienenden ja auch ihre regelmäßigen Einkünfte generieren. So summierte sich das durchschnittliche Vermögen der Einkommensstarken in Deutschland 2012 immerhin  auf das 3,2-fache derjenigen in der Einkommensmitte. In den USA verfügten sie hingegen über das 6,6-fache des Vermögens der Mitte.

Dieses Verhältnis setzt sich im direkten Vergleich der Oberschicht fort: Amerikanische Topverdiener verfügen im Durchschnitt über ein mehr als doppelt so großes Vermögen wie die Mitglieder der deutschen Einkommenselite.

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