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DFB-Museum in Dortmund Die dunkle Seite des Museums-Märchens

In Dortmund wird das neue Museum des DFB eröffnet. Der Sinn des „zentralen Erinnerungsorts des deutschen Fußballs“ ist umstritten - trotzdem kostet er das Land NRW und die Ruhrgebietsstadt viel Geld.

Deut5sches Fussballmuseum in Dortmund ist ab dem 25.Oktober geöffnet. Quelle: Carsten Kobow/DFM

Der Schuh aus dem Märchen steht unter Sicherheitsglas. Kein Damenschuh von Aschenputtel ist es, sondern das Stollenschuhwerk von Fußballstürmer Mario Götze. 2014 schoss er Deutschland damit zum Weltmeister. Ab Sonntag kann die Reliquie nun unter allem möglichen High-Tech-Klimbims im neuen Dortmunder Fußballmuseum bestaunt werden.

Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau pilgerte bereits vor der Eröffnung des Museums zu Götzes Schuh. Bei der Vorabbesichtigung des Fußballmuseums lehnte er so lässig über dem Glaskasten mit der Reliquie, als stünde er an der Theke einer Bar. „Noch nie war ich dem Schuh so nahe. Ich bin froh, dass wir ihn in Dortmund haben“, sagte Sierau.

Die zentralen Figuren des WM-Sommers 2006
Die hochbrisanten Vorwürfe zu einem angeblichen Kauf von Stimmen bei der Vergabe der WM 2006 beschäftigen den Deutschen Fußball-Bund. Der Verband weist die vom „Spiegel“ erhobenen Anschuldigungen mit Macht zurück und droht mit juristischen Gegenmaßnahmen. Sowohl beim DFB als auch bei der FIFA werden sich dennoch interne Ermittler der Aufklärung der Sache annehmen. Im Fokus dürften dabei auch die Macher des Sommermärchens stehen - und ein ehemaliger Adidas-Chef. Quelle: AP
Der Präsident des Organisationskomitees der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, Franz Beckenbauer Quelle: dpa
Wolfgang Niersbach Quelle: AP
Fedor Radmann mit Blatter und Beckenbauer Quelle: dpa
Theo Zwanziger Quelle: dpa
Horst R. Schmidt Quelle: dpa
Robert Louis-Dreyfus Quelle: dpa

Keine Sportart weckt in Deutschland so starke Emotionen wie Fußball. Die Heim-Weltmeisterschaft und der WM-Titel der Deutschen von 2014 versetzten das Land in einen kollektiven Freudentaumel. Um diesem Sommermärchen von 2006 ein Denkmal zu setzen und einen „zentralen Erinnerungsort des deutschen Fußballs“ zu schaffen, haben der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Stadt Dortmund unter Bezuschussung des Steuerzahlers das Deutsche Fußballmuseum errichtet. Mehr als 36 Millionen Euro verschlang der Bau in der Dortmunder Innenstadt.

Dieses Wochenende, wenige Tage nach den Vorwürfen, dass der DFB das Sommermärchen durch schwarze Kassen gekauft haben könnte, wird es eröffnet. Das Land NRW förderte das Projekt mit 18,5 Millionen Euro. Die Stadt Dortmund steuerte nach Angaben von 2010 – konkrete aktuelle Zahlen gibt es nicht – nochmal 3,232 Millionen Euro bei, um den Schuh des Stürmers nach Dortmund zu holen.

Umstrittenes Prestigeobjekt

Nun muss sich die Ruhrstadt allerdings Fragen nach der Sinnhaftigkeit des Prestige-Baus gefallen lassen. Denn Dortmund ist ohnehin chronisch klamm. In keiner anderen Stadt Nordrhein-Westfalens sind die Schulden in den vergangenen zehn Jahren so rasant angestiegen wie in Dortmund. Mehr als zwei Milliarden Euro beträgt das Minus.

Auch wenn Dortmunds Ausgaben für Sozialleistungen weiter steigen, ist die Teilnahme am öffentlichen Leben für sozial Schwache in der Stadt härter geworden: Eintrittsvergünstigungen für Hartz-IV-Empfänger wurden teils gestrichen, der Eintrittspreis für den beliebten Westfalenpark wurde angehoben. „Ein Schlag ins Gesicht, besonders für Familien“, sagt Utz Kowalski von der Linkspartei.

Für König Fußball hat Dortmund trotzdem stets Steuergeld übrig. Und das betrifft nicht nur das Fußballmuseum. Auch der Ballspielverein Borussia 09 (BVB) durfte bereits auf die Kulanz der Stadtoberen vertrauen. „Natürlich ist der BVB ein wichtiges Aushängeschild für die Stadt, aber man kann doch nicht immer ein Unternehmen derart bevorzugen“, sagt die CDU-Politikerin Annette Littmann. Für Unmut sorgt die Dominanz des BVB auch bei anderen Sportverbänden: „Zuerst kommt der BVB und dann kommt lange nichts. Für uns fällt eben kaum etwas ab“, heißt es etwa vom örtlichen Eishockeyverein.

Doch warum muss eine Stadt den Fußball überhaupt so unterstützen? Wer profitiert von dem Wechselspiel aus Begeisterung, Emotionalität und Werbeeinnahmen? Und warum muss der Steuerzahler die Begeisterung für den Ballsport eigentlich subventionieren?

Fragen dieser Art beantwortet schon ein Blick auf den Oberbürgermeister Dortmunds. Ullrich Sierau, der gelehnt über dem Schuh von Mario Götze den Journalisten nun Bonmots in den Block diktiert, ist die Nähe zum Fußball quasi auf den Leib geschneidert. Sein Sakko ziert ein Anstecker des DFB, um sein Handgelenk ist ein gelbes Band mit dem Logo des BVB gewickelt. „Dortmund hat das Glück einen Bürgermeister zu haben, der Fußball liebt“, wird er der Wirtschaftswoche später sagen.

Das Verhältnis von Dortmund und dem DFB

Doch das Märchen kennt auch einen Bösen, in diesem Fall ist es DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. An der Seite von Sierau schreitet er stoisch, die Hände hinter dem Rücken, durch das Museum. Die Aufdeckungen des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ über schwarze Kassen, mit denen die Fußball-WM 2006 gekauft sein könnte, hätten für ihn unpassender nicht kommen können.

Gleich bei seinem Eingangsstatement bezeichnet Niersbach den „Spiegel“ als Märchenblatt und weist alle Vorwürfe zurück. Danach moderiert ein Funktionär alle Fragen nach dem Skandal rasch ab. Die Kameraobjektive bleiben freilich am angespannten Gesicht von Niersbach hängen. Das Fußballmuseum, es wirkte an diesem Tag wie eine Folterkammer für den Schöpfer des einstigen Sommermärchens.

Die umsatzstärksten Fußballclubs

Noch während der Museumsführung entschuldigt sich Niersbach. Die Termine, er müsse jetzt leider gehen. Die Journalisten gucken verdutzt. Sierau klopft Niersbach bei dessen Abgang tröstend auf die Schulter. Während der DFB-Präsident mit eingezogenem Kopf durch das Dickicht der Kameras entflieht, sonnt Sierau sich in deren Scheinwerfern.

Doch das Bild trügt. Denn das Verhältnis zwischen Dortmund und dem DFB ist eigentlich genau umgekehrt. Das zeigt zumindest der Gesellschaftervertrag, den die Parteien zum Bau des Fußballmuseums 2009 aufgesetzt haben. Während der DFB sein Kostenrisiko bei möglichen Verlusten des Museums auf 250.000 Euro pro Jahr deckelt, haftet die Stadt Dortmund unbeschränkt.

Schwierige Sponsorensuche

Doch auch die Suche nach Sponsoren für das Museum, zu der Dortmund sich vertraglich verpflichtete, könnte sich für die Ruhrstadt noch als Bumerang erweisen. Sponsorengelder in der Höhe von 350.000 Euro muss Dortmund jährlich einwerben, heißt es im Vertrag von 2009. Dieses Jahr ist es noch die Hälfte des Betrags. Wie viel Geld sie schon eingesammelt hat, darüber schweigt die Stadt seit Monaten eisern. Dass mögliche Financiers eher eng gesät sind, spürte zumindest das Dortmunder Konzerthaus: Deren bisheriger Sponsor, die stadteigenen Dortmunder Stadtwerke, leiteten das Gros ihrer Förderung kurzerhand vom Konzerthaus zum Kicker-Museum um. Das Konzerthaus muss deshalb ab 2016 auf 75.000 Euro an Sponsoring-Geldern pro Jahr verzichten.

Zum Sponsoring äußert die Stadt sich auf Nachfrage der Wirtschaftswoche nur schmallippig: Das Sponsoring entspreche den „vertraglichen Erfordernissen“ heißt es schriftlich. Ganz glücklich scheint jedoch auch der Oberbürgermeister mit dem Status quo nicht zu sein. Noch im Fußballmuseum verkündete Sierau, dass der Gesellschaftervertrag und speziell diese zwei Punkte mit dem DFB noch nachverhandelt würden.

Doch das „Museums-Märchen“, wie Sierau das Fußballmuseum in seinen einleitenden Worten nannte, hat auch eine andere, eine dunklere Seite. Keine zweihundert Meter liegt sie vom Museum entfernt. Es reicht schon, am Bahnhof nicht den Ausgang Richtung Innenstadt zu wählen, vor dessen Tür der neue Prestigebau Dortmunds liegt, sondern den anderen, den Richtung Nordstadt. Weil der Busbahnhof dem Museumsbau weichen musste, liegt er nun hier in der Nordstadt, dem ewigen Problemviertel Dortmunds. Mehr als eine Million Euro hat die Verlagerung des Bahnhofs der Stadt gekostet.

Bastian Pütter, Chefredakteur des Dortmunder Obdachlosenmagazins und Sozialvereins Bodo, steht am Bordstein des Busbahnhofs und sagt: „Alles Dreckige, was man nicht so gerne sieht, wird eben in die Nordstadt verlagert.“ Mit seinem Verein bietet er Stadttouren zu den sozialen Problemvierteln Dortmunds an, um das Bewusstsein der Dortmunder zu schärfen. Alle paar Meter grüßt Pütter einen der Bulgaren oder Rumänen am Straßenrand per Vornamen.

Nach einem kurzen Spaziergang in der Nordstadt zeigt Pütter in eine Straße: „Hier ist der Arbeiterstrich.“ Pütter zeigt in die nächste Straße: „Hier ist der Straßenstich, auch wenn der wegen dem Verbot jetzt verdeckter ist.“ Pütter zeigt auf den Park, wo drei bärtige Männer schon am frühen Vormittag Flaschenbier trinken: „Und dort hinten sitzen meist die Drogenabhängigen. Hier finden Sie auf 800 Metern alle Übel der westlichen Welt.“

Bevorzugt Dortmund den BVB?

Obwohl das soziale Elend der Nordstadt nur einen Steinschlag vom Fußballmuseum entfernt ist, könnte der Kontrast zwischen den Armutsmigranten im Norden und den Videoinstallationen aus den größten Momenten deutscher Fußballgeschichte größer nicht sein. Oberbürgermeister Sierau sieht dennoch kein Problem. „Wir haben auch Konzepte für die Nordstadt. Zudem sind durch das Fußballmuseum rund 100 Arbeitsplätze geschaffen worden, davon profitieren auch die Menschen aus der Nordstadt.“

Ob sich Dortmunds sozial Schwächere den Eskapismus in die Welt des runden Leders im Betonquader überhaupt leisten können, ist allerdings fraglich. 17 Euro kostet das Erwachsenenticket ohne Ermäßigung. Ursprünglich kalkuliert war es mit einem Preis von knapp mehr als sieben Euro.

Als ein Reporter vom Fernsehen Sierau im Fußballmuseum nach der sozialen Verträglichkeit der Preise fragt, reagiert dieser schroff und verweist auf Ermäßigungen und Gruppentickets. Doch so günstig sind auch diese nicht: Schulklassen zahlen immerhin 10 Euro pro Schüler. Als der Fernsehreporter Sierau dann noch fragt, ob er aufgrund seiner BVB-Dauerkarte in Fragen des Fußballs befangen sein könnte, verliert dieser endgültig die Contenance: „Ich bin überhaupt nicht befangen, aber vielleicht schließen Sie von sich auf andere“, sagt Sierau nennt den Reporter einen „Trittbrettfahrer journalistischer Art.“

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Die engen Banden zwischen Ullrich Sierau und dem BVB sind dabei kein Geheimnis. So sitzt der erklärte Fußballfan Sierau auch im Wirtschaftsrat des BVB. „Und ich bin auch Mitglied im Beirat des BVB“, erklärt Sierau unumwunden im Gespräch mit der Wirtschaftswoche. Ungenauigkeiten bei der Trennung der Ämter hat Sierau sich keine zuschulden kommen lassen. 2014 forderten etwa die Grünen wegen der Überlassung von stadteigenen Stadionhallen an den BVB die Prüfung eines möglichen Interessenskonflikts Sieraus von der Kommunalaufsicht. Die Aufsicht antwortete, dass Sierau „vor den entscheidenden Verhandlungen“ die Verantwortung übertragen habe.

Dennoch ist die Kulanz, die Dortmund gegenüber dem börsennotierten Unternehmen BVB zeigt, in vielen Fällen belegt: Seien es steuerliche Erleichterungen aus der Zeit, als der BVB finanziell angeschlagen war, oder günstige Verträge mit der Stadt, wie 2013 die Überlassung von stadteigenen Sporthallen unter dem Stadion an den BVB unter dem gutachterlich festgelegtem Wert. Die Stadt bestreitet einen Verkauf unter Wert und spricht von der Einpreisung einer möglichen Rechtsstreitigkeit mit dem BVB, die dadurch abgewendet wurde.

Doch auch unter Sportvereinen herrscht Unmut. Der Eishockeyverein Eisadler, der immerhin ein 250-Mann starkes Nachwuchskader trainiert, stöhnt unter der Übermacht des BVB: „Wir können uns kaum Ausrüstung leisten, während das Unternehmen BVB ständig von der Stadt hofiert wird.“

Die Stadt sieht hingegen keine Bevorzugung des BVB. Bei dem Projekt Fußballmuseum verweist Sierau auf den Nutzen für die Stadt: Die Gastronomie, der Einzelhandel, die Hotelerie, sie alle würden von dem Museum profitieren. Genau Zahlen könne er nicht nennen, sagt Sierau, man könne ja beim Gaststättenverband nachfragen. Doch auch der konnte - trotz mehrmaliger Anfragen - keine Zahlen oder Schätzungen bereitstellen.

Selbst Bastian Pütter, sicher kein Freund des Fußballmuseums, räumt auch positive Effekte der Dortmunder Ausgaben für Fußball ein. „Der ideele Nutzen des Fußballs für die Region ist nicht zu unterschätzen. Nach dem Niedergang der Schwerindustrie ist Fußball der letzte Zusammenhalt der Identität dieser Stadt.“

Besonders günstig, das zeigt der Fall Dortmund, sind diese Ideale nicht zu haben. Besonders für den Steuerzahler nicht.

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