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DGB Gewerkschaften wildern im Revier der Kollegen

Der Konflikt um Spartengewerkschaften und Tarifpluralität bekommt eine neue Facette: Jetzt liegen auch die DGB-Gewerkschaften untereinander im Clinch um Mitglieder.

Christian Dieckhöfer Quelle: Gerrit Meier für WirtschaftsWoche

Christian Dieckhöfer wähnte sich auf der sicheren Seite. Der Chef des Bremer Logistikunternehmens Stute hatte einen Haustarifvertrag mit der Gewerkschaft Verdi abgeschlossen; damit fühlte er sich „gut und sicher“. Doch im vergangenen Jahr stand plötzlich die IG Metall auf der Matte. Die Metaller forderten einen eigenen Tarifabschluss, da Stute für den Flugzeugbauer Airbus, ein Unternehmen im Zuständigkeitsbereich der IG Metall, den Material- und Teiletransport organisiert. „Wir haben uns erst mal entspannt zurückgelehnt – wir konnten ja einen gültigen Tarifvertrag mit Verdi vorweisen“, erinnert sich Dieckhöfer.

Mit der Ruhe war es aber schnell vorbei: Die IG Metall warb massiv Mitglieder an, stellte üppige Lohnforderungen und initiierte mehrere Warnstreiks. „Am Ende blieb uns nichts anderes übrig, als einen zweiten Tarifvertrag abzuschließen“, berichtet der Stute-Chef. Verdi zwang das Unternehmen daraufhin, den eigenen Vertrag auf das Niveau der Metaller anzuheben. Seit einigen Monaten herrscht bei Stute nun eine „unangenehme Sandwich-Situation“ (Dieckhöfer), wie man sie selbst bei der tarifpolitisch chaotischen Deutschen Bahn (noch) nicht findet – dass für die Mitarbeiter gleichzeitig zwei Tarifverträge gelten. Auch innerbetrieblich geht ein Riss durch die Belegschaft: In fünf Stute-Betriebsräten hat Verdi das Sagen, in dreien die IG Metall.

Anzahl der Mitglieder in den DGB-Gewerkschaften in Deutschland

Und Stute ist kein Einzelfall. Wenn es um Macht und Mitglieder geht, ist es neuerdings häufig vorbei mit der brüderlichen Solidarität im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Seit das Bundesarbeitsgericht 2010 den Grundsatz „ein Betrieb, eine Gewerkschaft“ kippte, suchen nicht nur renitente Spartenorganisationen wie die Lokführergewerkschaft GDL neue Betätigungsfelder.

Branchen verwischen zunehmend

Auch viele DGB-Gewerkschaften verspüren nun die Verlockung, Mitgliederzahl und Beitragseinnahmen zu mehren, indem sie im Revier der Kollegen wildern. Derlei Jagdszenen gab es zwar auch schon früher ab und an. Aktuell aber „nimmt die Zahl der Fälle zu“, heißt es in der Berliner Verdi-Zentrale.

Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Industrie und Dienstleistungen immer stärker zusammenwachsen und sich Branchenzuschnitte verwischen. Auch das zunehmende Outsourcing einzelner Tätigkeiten und Geschäftsfelder macht die Abgrenzung schwieriger, welche Gewerkschaft wo den Finger heben darf. Besonders umkämpft ist der Logistikbereich. Vor der Attacke auf Stute hatte die IG Metall versucht, beim Bremer Unternehmen Egerland Car Terminal Fuß zu fassen. Bereits Ende 2011 bootete sie die Verdi-Konkurrenz beim Logistiker Schnellecke in Zwickau aus.

Ihre feindlichen Übernahmen leitet die IG Metall aus ihrer Satzung ab; darin erklärt sie sich auch für Dienstleistungs-, Hilfs- und Nebenbetriebe der Metallindustrie für zuständig. Die Gewerkschaft befürchtet, dass durch Outsourcing ihre Mitgliederbasis erodiert, und will laut IG-Metall-Boss Detlef Wetzel ihren Mehrheitsanspruch „entlang der gesamten Wertschöpfungskette vertreten“. Wetzel: „Wir werden nicht zusehen, wenn Arbeitgeber vor starken Industriegewerkschaften in für sie günstigere Tarifbereiche flüchten.“ Einen Schwerpunkt der Aktivitäten wolle man „in den nächsten Monaten auf den Bereich der industriellen Dienstleistungen legen“.

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