Die Deutschen irren sich Falscher Blick auf die Welt

Eine weltweite Umfrage zeigt: Deutsche, Briten und Franzosen schätzen die gesellschaftliche und politische Lage in ihrem Land völlig falsch ein. In welchen Punkten wir uns besonders irren – und warum das so ist.

Zeitungsständer stehen vor einem Kiosk. Die Medien prägen unsere Sicht auf die Welt. Quelle: dpa

Jede siebte junge Frau zwischen 15 und 19 Jahren bekommt ein Kind, jeder fünfte Bundesbürger ist Muslim und die Mordrate ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Welche Aussage ist falsch? Die Antwort: Alle drei Aussagen.

Die Bundesbürger haben einen völlig falschen Blick auf die Welt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Marktforschungsunternehmens Ipsos.

Demnach überschätzen die Deutschen sowohl die Zahl der Einwanderer in Deutschland als auch die Zahl der Teenagergeburten. Hingegen unterschätzen sie die Zahl der Bürger, die bei Wahlen ihre Stimme abgeben.

Immerhin: Damit sind die Deutschen in bester Gesellschaft. Die Marktforscher erstellten die Studien nämlich in 14 Ländern. Das Ergebnis ist überall gleich: Der Blick auf die gesellschaftliche und politische Lage ist verzerrt.

Neun Fragen, neun Fehleinschätzungen

Warum? Eine zentrale Rolle spielen dabei die Massenmedien. Tages- und Wochenzeitungen, das Fernsehen und die Nachrichtenseiten im Internet tragen Ereignisse in die Welt. Fast alles, was wir über die Welt wissen, erfahren wir in den Medien - das wusste schon der berühmte Soziologe Niklas Luhmann. Doch hier beginnt das Problem: „Wir haben zu den allerwenigsten Themen, die gesellschaftlich relevant sind, persönliche Erfahrungen“, sagt Klaus Meier, Medienwissenschaftler an der Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Warum die Verzerrung wichtig ist

Das Weltbild, das sich ein jeder durch seinen Medienkonsum bastelt, ist stark verzerrt – aus gutem Grund: „Die Medien dienen der Gesellschaft als Frühwarnsystem“, sagt Meier. Sie spiegeln keineswegs die Realität wieder, so wie sie ist. „In freien Gesellschaften liegt der Fokus des Journalismus auf Problembereichen.“ Mit anderen Worten: Er solle gefährliche Entwicklungen in der Gesellschaft aufzeigen, auf die sich Politik, Wirtschaft und die Bürger einstellen müssen.

Das sei überlebenswichtig, wie ein Blick auf die DDR zeige, so Meier. „Dort wurde alles schöngeredet, es gab kein Warnsystem.“ Solche Gesellschaften neigten dazu, zu Bruch zu gehen.

Doch was ist mit Boulevardmedien, die sich mit Vorliebe auf Geschichten voller Gewalt, Skandale und Problemen stürzen? Sind sie für eine Gesellschaft hilfreich?

„Die Medien neigen dazu, Veränderungen als Gefahr zu sehen.“

„Die Warnfunktion dürfen wir nicht beklagen“, sagt Meier. Aber: „Der extreme Negativismus ist etwas, das wir durchaus beklagen müssen.“

Deutlich macht das auch die aktuelle Ipsos-Studie. Demnach glauben die Deutschen, der Anteil von Migranten läge hierzulande bei 23 Prozent. De facto ist nur jeder Zehnte in unserer Gesellschaft ein Migrant.

Schuld an der Verzerrung ist laut Meier „die übertriebene Berichterstattung“. Zudem sei es fraglich, ob Migration überhaupt ein Problem ist, wie oft suggeriert wird. „Bei solchen Themen bedarf es keines Frühwarnsystems“, sagt Meier, der hierbei von einer „Fehlfunktion“ der Medien spricht, die aufgrund von Negativismus und Skandalisierung zustande komme. Medien neigten häufig dazu, vor allem die Gefahren von Veränderungen zu sehen, nicht aber die Chance.

Die sieben größten Ängste der Deutschen

Das hat Folgen. Medienwissenschaftler sprechen von der Kultivierungsthese. Sie besagt, dass Personen, die viele Krimis schauen, die Zahl der Morde und Gewalttaten in der Gesellschaft überschätzen, weil ihre Vorstellungen durch die Medien beeinflusst wurden.

Das Problem könnte behoben werden. „Es bräuchte dafür Medienerziehung in den Schulen“, sagt Meier. Schon jungen Menschen müsse klargemacht werden, dass Journalismus nicht die Aufgabe habe, die Realität eins-zu-eins wiederzuspiegeln. „Der Journalismus versucht das zum Teil, er hat aber auch andere Aufgaben – eben die wunden Punkte der Gesellschaft, die Trends und Veränderungen zu betonen und offenzulegen, worauf wir uns einstellen müssen.“ Nachrichtenjournalisten fragten deshalb auch nicht „Was ist normal?“, sondern „Was ist neu und was ist anders?“

Deutschland hat eine hohe Medienqualität

Doch die Ipsos-Studie hält auch Trost bereit. Die Deutschen, so sehr sie sich auch irren, lagen mit ihren Tipps zumindest im internationalen Vergleich sehr gut. Nur die Schweden kamen den tatsächlichen Werten mit ihren Tipps näher als die befragten Deutschen. Völlig falsch schätzten die Italiener, US-Amerikaner und Südkoreaner die Lage ein.

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So gehen die Koreaner etwa davon aus, dass Neugeborene in ihrem Land durchschnittlich 89 Jahren alt werden würden. Tatsächlich liegt die Lebenserwartung bei 80 Jahren. Die Italiener wiederum glauben, dass jeder zweite Mitbürger arbeitslos ist. Die tatsächliche Arbeitslosenquote liegt bei 12,3 Prozent. So schlimm wie viele Menschen denken, ist das Leben also doch nicht.

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