Die Kanzlerin bei Anne Will Vertrauen die Deutschen Merkel noch?

„Ich habe einen Plan“, sagt die Kanzlerin bei Anne Will und natürlich: „Wir werden das schaffen!“ Ist das mutig, ehrlich, klar? Oder ist das Hybris, Autosuggestion und mentaler Positivismus? 

"Wir können das schaffen und wir schaffen es"
"Glauben Sie denn, dass wirklich 100.000 Menschen ihre Heimat verlassen, weil es ein solches Selfie gibt?"...fragte Merkel am Mittwoch Anne Will, als das obige Foto eingeblendet wurde. Das Bild zeigt Merkel bei einem Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Berlin-Spandau am 10. September 2015. Quelle: dpa
"Sie können die Grenzen nicht schließen. (...) Wenn wir die Grenzen schließen würden - Deutschland hat 3000 Kilometer Landgrenze - dann müssten wir um diese 3000 Kilometer einen Zaun bauen."Das antwortete Angela Merkel auf Anne Wills Frage, ob Deutschland einen Aufnahmestopp brauche. 3,45 Millionen Zuschauer verfolgten am Mittwochabend das Interview. Quelle: dpa
" Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land. Ich sage das wieder und wieder: Wir können das schaffen und wir schaffen es."Diese Worte richtete Angela Merkel an die Gegner ihrer Asylpolitik bei einem Treffen mit ihrem österreichischen Amtskollegen Werner Faymann. Das Bild zeigt beide Politiker während der Pressekonferenz am 15. September im Bundeskanzleramt. Quelle: dpa
"Auch mir hat eine Satiresendung schon einmal richtig aus der Seele gesprochen, als es dort hieß: Gott hat die FDP vielleicht nur erschaffen, um uns zu prüfen."Im Dezember 2012 scherzt Angela Merkel auf dem Bundesparteitag der CDU über die Liberalen, die damals in Umfragen weit zurück lagen. Den Delegierten gefiel das FDP-Bashing - sie klatschten begeistert. Danach stimmt Merkel die Liberalen aber wieder versöhnlich: Keine andere Koalition könne eine bessere Arbeit machen als die schwarz-gelbe, so die Bundeskanzlerin. Quelle: dpa
"Ein nüchterner Blick auf die Fakten zeigt: Diese Bundesregierung ist die erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung."Ein selbstbewusstes Fazit der vergangenen drei Regierungsjahre zog Merkel am 21. November 2012 bei der Generaldebatte im Bundestag. Ihre Begründung: Die Arbeitslosigkeit sei auf einem Rekordtief, Wehrpflicht und Praxisgebühr seien abgeschafft und die Ausgaben für Forschung und Bildung so hoch wie lange nicht mehr. Quelle: dpa
"Keine Euro-Bonds, solange ich lebe."Das versprach Angela Merkel im Juni 2012 in einer Rede vor der FDP-Fraktion. Teilnehmer der Runde berichteten dies mehreren Nachrichtenagenturen. Einige der FDP-Abgeordneten sollen der Bundeskanzlerin zugerufen haben: "Wir wünschen Ihnen ein langes Leben!" Quelle: dpa
"Fukushima hat meine Haltung zur Kernenergie verändert."2010 wollte Angela Merkel noch die Laufwerkszeiten von Atomkraftwerken verlängern. Am 9. Juni 2011 bewegte sie die Nuklearkatastrophe von Fukushima zum Umdenken. Quelle: dpa
"Scheitert der Euro, dann scheitert Europa."Diesen bekannten und oft benutzten Satz sagte Angela Merkel unter anderem in ihrer Regierungserklärung am 19. Mai 2010. Gleichzeitig bezeichnete sie damals die Kredite an Griechenland als "alternativlos." Quelle: AP
"Immerhin haben wir es geschafft, dass das Gesicht der Kanzlerin ostdeutsch ist. Das ist ja schon mal was."Angeblich waren ostdeutsche CDU-Abgeordnete nach den Wahlen 2009 unzufrieden mit Merkels Ministerwahl. Das neue Kabinett sei zu westlastig. Merkel verteidigte daraufhin ihre Wahl in einer Pressekonferenz. Das Bild zeigt das neue Kabinett im Oktober 2009 im Bundeskanzleramt. Quelle: dpa
"Mal bin ich liberal, mal bin ich konservativ, mal bin ich christlich-sozial - und das macht die CDU aus."...sagte die Bundeskanzlerin im März 2009 bei Anne Will. Laut Politikwissenschaftler Gerd Langguth beschreibt Merkel "die drei historischen Wurzeln" der CDU und damit das "Erfolgsgeheimnis der Noch-Volkspartei." Kritiker werfen gerne ein, dass das "C" in CDU nur noch im Namen der Partei zu finden sei. Quelle: dapd
"Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein."Am 5. Oktober 2008 verkündeten Angela Merkel und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück vor laufenden Kameras, die in Schieflage geratene Hypo Real Estate retten zu wollen. Die klaren Worte sollten Sparer beruhigen und eine Anlegerflucht verhindern. Quelle: AP
"Die multikulturelle Gesellschaft ist grandios gescheitert."Dieser überraschende Satz stammt aus dem November 2003 und fiel auf einem CSU-Parteitag. Die FAZ nannte den Satz damals " eine Einsicht, die die CDU-Vorsitzende der Öffentlichkeit bislang vorenthalten hatte." Quelle: AP

Ganz unabhängig, wie man den Auftritt von Angela Merkel gestern Abend bei Anne Will bewertet: Er vergrößert die Kluft zwischen veröffentlichter Meinung und öffentlicher Meinung. Die Lesart vieler professioneller Beobachter geht so: Die Bundeskanzlerin habe nach den ungünstigen Umfrageergebnissen der vergangenen Woche um Vertrauen für ihren Kurs werben wollen, und das sei ihr gelungen: Standhaft und ehrlich sei sie gewesen, mutig und klar.

Der wachsenden Gemeinde der Skeptiker ihrer spontanen Einwanderungsoffensive wiederum ist Merkel vor allem trotzig und unbelehrbar erschienen: Wie eine Cheftautologin ihrer selbst habe sie ihr „Wir schaffen das!“ bekräftigt, wieder und wieder, in einer Mischung aus Realitätsverlust, Hybris und mentalem Positivismus.

In Arbeit
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Warum aber klaffen die Meinungen so weit auseinander? Warum wird Merkel von Seiten der Medien in diesen Wochen oft wohlwollender behandelt als von Seiten der Bevölkerung? Nun, der Schluss liegt nahe, dass jene die Politik von Angela Merkel zu sehr aus der Binnenperspektive betrachten, während diese zunehmend weniger bereit ist, Verständnis für die Eigenlogiken des politischen Systems und seiner Prozesse zu entwickeln.

Anders gesagt: Während viele Medien sich die Sicht von Merkel ganz buchstäblich zu eigen machen, weil sie das eng getaktete Reisen, Reden und Regieren miterleben, weil sie unablässig gebrieft werden über die Ergebnisse von langen Telefonaten und Verhandlungsnächten, die kaum Zeit zum Atemholen und Nachdenken lassen, weil sie die Überfülle der zu bearbeitenden Megathemen (Griechenland, Euro-Drama, Ukraine, Bürgerkrieg in Syrien, Flüchtlingskrise etc.) kennen, die eine Kanzlerin nur vertrauensbildend bearbeiten, aber nicht lösen kann, gehen bedenklich weite Teile der Bevölkerung auf generelle Distanz zu allem, was „Berlin“ angeblich grad mal wieder vermurkst.

Was Flüchtlinge dürfen

Das Ergebnis ist heute bei der BILD zu besichtigen. Die Respektbezeugung für den Auftritt von Angela Merkel seitens der Medien wird von den Lesern des Boulevards mit einem eindeutigen Votum für Horst Seehofer beantwortet: Bis zum Mittag entfielen von rund 136.000 Stimmen gerade mal 18.000 Stimmen (14 Prozent) auf Angela Merkel, während Seehofer („Mehr geht nicht“) es auf 118.000 (86 Prozent) Stimmen brachte.

Natürlich gibt es für dieses Votum auch handfestere, politische Gründe. Der Wichtigste: Angela Merkel hat sich für ihren ersten echten Autorenfilm ein Drehbuch ausgesucht, auf dessen Inhalt sie keinen Einfluss (mehr) hat. Dazu muss man verstehen, wie Politik im Medienzeitalter funktioniert, genauer, wie sie von Merkel bisher virtuos interpretiert wurde: Politik, so Merkel, kann im globalen, vernetzten Zeitalter keine gesellschaftspolitischen Großlösungen mehr anbieten, alles muss sich in langsamen Prozessen unter der normativen Kraft des Faktischen irgendwie zurechtruckeln, weil sich die Wirklichkeit durch Komplexität und die Moderne durch ihre Ambivalenz auszeichnet...

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