Die Kanzlerin bei Anne Will Vertrauen die Deutschen Merkel noch?

„Ich habe einen Plan“, sagt die Kanzlerin bei Anne Will und natürlich: „Wir werden das schaffen!“ Ist das mutig, ehrlich, klar? Oder ist das Hybris, Autosuggestion und mentaler Positivismus? 

"Wir können das schaffen und wir schaffen es"

Ganz unabhängig, wie man den Auftritt von Angela Merkel gestern Abend bei Anne Will bewertet: Er vergrößert die Kluft zwischen veröffentlichter Meinung und öffentlicher Meinung. Die Lesart vieler professioneller Beobachter geht so: Die Bundeskanzlerin habe nach den ungünstigen Umfrageergebnissen der vergangenen Woche um Vertrauen für ihren Kurs werben wollen, und das sei ihr gelungen: Standhaft und ehrlich sei sie gewesen, mutig und klar.

Der wachsenden Gemeinde der Skeptiker ihrer spontanen Einwanderungsoffensive wiederum ist Merkel vor allem trotzig und unbelehrbar erschienen: Wie eine Cheftautologin ihrer selbst habe sie ihr „Wir schaffen das!“ bekräftigt, wieder und wieder, in einer Mischung aus Realitätsverlust, Hybris und mentalem Positivismus.

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Warum aber klaffen die Meinungen so weit auseinander? Warum wird Merkel von Seiten der Medien in diesen Wochen oft wohlwollender behandelt als von Seiten der Bevölkerung? Nun, der Schluss liegt nahe, dass jene die Politik von Angela Merkel zu sehr aus der Binnenperspektive betrachten, während diese zunehmend weniger bereit ist, Verständnis für die Eigenlogiken des politischen Systems und seiner Prozesse zu entwickeln.

Anders gesagt: Während viele Medien sich die Sicht von Merkel ganz buchstäblich zu eigen machen, weil sie das eng getaktete Reisen, Reden und Regieren miterleben, weil sie unablässig gebrieft werden über die Ergebnisse von langen Telefonaten und Verhandlungsnächten, die kaum Zeit zum Atemholen und Nachdenken lassen, weil sie die Überfülle der zu bearbeitenden Megathemen (Griechenland, Euro-Drama, Ukraine, Bürgerkrieg in Syrien, Flüchtlingskrise etc.) kennen, die eine Kanzlerin nur vertrauensbildend bearbeiten, aber nicht lösen kann, gehen bedenklich weite Teile der Bevölkerung auf generelle Distanz zu allem, was „Berlin“ angeblich grad mal wieder vermurkst.

Was Flüchtlinge dürfen

Das Ergebnis ist heute bei der BILD zu besichtigen. Die Respektbezeugung für den Auftritt von Angela Merkel seitens der Medien wird von den Lesern des Boulevards mit einem eindeutigen Votum für Horst Seehofer beantwortet: Bis zum Mittag entfielen von rund 136.000 Stimmen gerade mal 18.000 Stimmen (14 Prozent) auf Angela Merkel, während Seehofer („Mehr geht nicht“) es auf 118.000 (86 Prozent) Stimmen brachte.

Natürlich gibt es für dieses Votum auch handfestere, politische Gründe. Der Wichtigste: Angela Merkel hat sich für ihren ersten echten Autorenfilm ein Drehbuch ausgesucht, auf dessen Inhalt sie keinen Einfluss (mehr) hat. Dazu muss man verstehen, wie Politik im Medienzeitalter funktioniert, genauer, wie sie von Merkel bisher virtuos interpretiert wurde: Politik, so Merkel, kann im globalen, vernetzten Zeitalter keine gesellschaftspolitischen Großlösungen mehr anbieten, alles muss sich in langsamen Prozessen unter der normativen Kraft des Faktischen irgendwie zurechtruckeln, weil sich die Wirklichkeit durch Komplexität und die Moderne durch ihre Ambivalenz auszeichnet...

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