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Digitale Bildung im Silicon Valley „In Deutschland wartet man auf die Zukunft, statt sie anzugehen“

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„Darauf muss man aber Lust haben – sonst bringt der Digitalpakt nichts“

Was Ihnen Hoffnung macht, bereitet anderen womöglich eher Sorgen.
Im Idealfall kombinieren wir künftig das, was wir uns jetzt über die technischen Mittel und Plattformen angeeignet haben mit der klassischen Didaktik und Pädagogik, um neue Unterrichtsformen auszuprobieren. Darauf muss man aber Lust haben – sonst bringt der Digitalpakt nichts. Deshalb hoffe ich auch, dass er zur Aus- und Fortbildung der Lehrer genutzt wird, dass Didaktik für den Einsatz digitaler Medien künftig Pflichtfach ist. Denn eines ist klar: Darauf hoffen, dass der Digitalisierungskelch an einem vorübergeht, sollte man als Lehrer nicht mehr.

Dass digitaler Unterricht behindert wird, liegt aber teils auch gar nicht an Lehrern, sondern an Eltern und ihren zu großen Datenschutzbedenken oder Abneigung gegen zu viel Technik. Kennen Sie das auch aus dem Silicon Valley, wo Apple-Gründer Steve Jobs seinen Kindern ja angeblich die Nutzung von Tablets verboten hat?
Ja, klar werden hier auch solche Sorgen geäußert, eher von Eltern, die gerade hergezogen sind und weniger von Expats, die schon 20 Jahre hier leben. Aber wir haben da ganz klare Regeln: Deutsche Auslandsschulen nutzen künftig die Schulcloud des Hasso-Plattner-Instituts (HPI). Bei Veröffentlichungen verwenden wir nur die Vornamen der Kinder, der Unterricht findet in Echtzeit statt und darf nicht aufgezeichnet werden, Eltern sollen sich nicht zur „Qualitätskontrolle“ dazu schalten. Die Datenschutzstandards sind also sehr hoch.

Ist Informatik eigentlich Pflichtfach an Ihrer Schule?
Wir unterrichten Informatik in der Mittelstufe, im Abitur gibt‘s Informatik als Wahl-Prüfungsfach. Im Nachmittagsangebot haben wir Robotik, Programmieren und Entrepreneurship mit jährlichem „Shark Tank“, sowie einen neu eingerichteten „Maker Space“.

Auf Ihre Schule gehen aber nicht nur Kinder mit einem deutschsprachigen Hintergrund, sondern auch Eltern aus amerikanischen Familien. Was finden die an einer deutschen Schule überhaupt interessant?
Auch, wenn das jetzt nach den ganzen Klagen über die digitale Bildung merkwürdig klingt: Grundsätzlich wird das deutsche Bildungssystem hier sehr geschätzt. Wir unterrichten wie alle Auslandsschulen nach dem Thüringer Curriculum, neben der Bilingualität ist eine zweite Fremdsprache bei uns Pflicht, ab der sechsten Klasse unterrichten wir alle drei Naturwissenschaften parallel, was hier im Valley sehr geschätzt wird. Im amerikanischen System gibt es in der 9. Klasse Bio, in der 10. vielleicht Chemie und mit Glück in der 11. Physik. Auch der Literaturunterricht aus dem Land der Dichter und Denker kommt gut an – und das Holzspielzeug für die Kleinen.

Holzspielzeug, ein Renner im Silicon Valley?
Ja, denkt man vielleicht nicht, ist aber so. Aber es geht um die Qualität insgesamt. Die Lehrer haben eine Hochschulausbildung, im Kindergarten gibt es ausgebildete Erzieherinnen, die auf frühkindliche Bildung spezialisiert sind. Und dass Lehrer aus Deutschland hier regelmäßig Station machen, soll die Qualität dauerhaft sichern. Denn die Aufgabe der Deutschen Auslandsschulen ist neben der Förderung der deutschen Sprache und Kultur ja auch die Stärkung des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandortes Deutschland.

Wie lange werden Sie in Mountain View bleiben?
Mein Vertrag läuft zunächst über drei Jahre, maximal können es sechs werden. Mit der Pandemie ist es natürlich gerade schwer mit den gegenseitigen Besuchen, ansonsten gefällt es mir, meinem Mann und meinem Sohn hier aber gut, alles ist hier sehr „low key“, ob die Eltern im Monat eine Million machen oder nie, weiß man nicht, denn alle laufen nur in Flipflops rum.

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Sie sind während Ihrer Beurlaubung weiter Landesbeamtin in Berlin. Tauschen Sie sich aktuell mit der Berliner Senatsschulverwaltung über Ihre Erfahrungen aus? 
Würde ich gerne, denn ich habe hier viele Ideen gesammelt. Gleichzeitig kenne ich die Rahmenpläne, das Schulgesetz und die Abläufe, weiß also, wo man ansetzen muss. Deshalb habe ich in den vergangenen Monaten mehrfach einen Austausch angeboten. Darauf wurde von Berliner Senatsseite bisher, sagen wir mal, selbstbewusst, verzichtet.

Mehr zum Thema: Warum deutsche Lehrer an der Digitalisierung scheitern

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