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Digitalisierung Gesundheitsämter: 2023 hat es sich ausgefaxt

Telefon statt Technik: In den Gesundheitsämtern läuft die Kontaktverfolgung von Coronainfizierten noch nicht automatisiert. Bis Ende des Jahres soll der Anschluss an digitale Systeme Pflicht werden. Quelle: dpa

Noch immer wird die Coronapandemie analog bekämpft. Nun sollen die Gesundheitsämter digitaler werden – Bayern will sie sogar zwingen. Doch bundesweit dauert es, bis die Faxgeräte überflüssig werden.

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Es piept, manchmal im Minutentakt. 500 Faxe gehen im Gesundheitsamt Pinneberg aktuell an manchen Tagen ein, übermittelt werden Testergebnisse, Listen mit Kontaktpersonen, Meldungen aus anderen Gesundheitsämtern. Viel Zeit würden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter damit verplempern, die Papiere anzunehmen und manuell in die digitalen Systeme einzupflegen, berichtete der NDR kürzlich.

Statt in Echtzeit Daten auszuwerten und zu übertragen, wird die Pandemie neun Monate nach Beginn noch immer analog bekämpft. Gesundheitsämter bearbeiten Fluten von Faxen, Coronafälle werden nach Wochenenden weiterhin verzögert gemeldet. „Eine effektive Kontaktnachverfolgung ist vielfach nicht mehr möglich“, warnte die Nationalakademie Leopoldina am Dienstag. Die Gesundheitsämter seien überlastet, Quarantäne-Maßnahmen würden oft nicht mehr umgesetzt. Ihre Empfehlung: Ein schneller, harter Lockdown, um die Infektionszahlen zu senken.

Dabei war bereits nach dem ersten Lockdown klar, dass die Infektionskettenverfolgung schneller digitalisiert und automatisiert werden muss. Was über den Sommer aber versäumt wurde, macht sich nun in der zweiten Welle mit voller Wucht bemerkbar. Bis Jahresende soll nun Tempo gemacht werden bei der Digitalisierung – das Ende der Faxerei ist aber so schnell nicht in Sicht.

Bayern macht das digitales Management zur Pflicht

Den Anfang macht an diesem Mittwoch Bayern mit dem am Sonntag beschlossenen Zehn-Punkte-Plan. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will die Infektionszahlen damit schneller senken, auch dank Digitalisierung: So werden die Gesundheitsämter in dem Plan „verpflichtet“, „umgehend bayernweit einheitlich das digitale Programm ,SORMAS‘ zum Pandemiemanagement und zur Kontaktnachverfolgung zu verwenden“, heißt es unter Punkt Neun in den Beschlüssen des Ministerrats.

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    SORMAS steht für „Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System“, das System soll die Arbeit in den Gesundheitsämtern erleichtern und effizienter machen. Testergebnisse werden mit Sormas an Patienten und die zuständigen Behörden weitergeleitet, die Einleitung weiterer Schritte automatisiert und digitalisiert.

    Entwickelt worden ist Sormas 2014 im Zuge des westafrikanischen Ebola-Ausbruchs vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), der nigerianischen Seuchenschutzbehörde, dem Robert Koch-Institut (RKI) und weiteren Partnern in Deutschland und Nigeria. Für 37 Infektionskrankheiten kann SORMAS inzwischen eingesetzt werden, von Masern bis Malaria.

    Erst Ebola, dann Corona

    Doch was in Afrika ein Durchbruch in der Seuchenbekämpfung war, kommt in Deutschland nur schleppend voran – obwohl das HZI bereits im Mai ein spezielles Corona-Modul für die Gesundheitsämter entwickelt hat: Sormas-ÖGD. Die Nutzung ist kostenlos, aber nur rund 70 der 375 Gesundheitsämter haben Sormas im Einsatz, wie das HZI am Montag mitteilte.

    Bis Ende des Jahres, also innerhalb der nächsten drei Wochen, sollen 90 Prozent der Ämter Sormas für die Corona-Bekämpfung nutzen. So steht es im Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) vom 16. November. Kontaktketten sollen dadurch automatisch nachverfolgbar sein, Testlabore, Ämter und das Robert Koch-Institut (RKI) sich besser vernetzen, die Bürgerinnen und Bürgern leichter mit den Gesundheitsämtern kommunizieren.

    Zwingen kann der Bund die Ämter nicht zur Digitalisierung  

    Doch wie soll das 90-Prozent-Ziel innerhalb der knappen Zeit erreicht werden, wenn das in den vergangenen neun Monaten schon nicht gelungen ist? Das RKI verweist aufs HZI, das aber kaum mehr machen kann, als die Lösung wie bereits seit Mai anzubieten. 



    Und das Gesundheitsministerium? Kann offensichtlich ebenfalls nur warme Worte an die Ämter richten. „Die Verantwortung für die Ausstattung der Gesundheitsämter und damit die Entscheidung über den Einsatz digitaler Hilfsmittel obliegt den Ländern und den Gesundheitsämtern selbst“, teilt eine Sprecherin mit.

    Die Bundesregierung könne „nur unterstützend“ agieren, etwa durch die 50 Millionen Euro, die dieses Jahr für die Digitalisierung der Gesundheitsämter kurzfristig zur Verfügung gestellt worden seien. Die „Nutzung oder Nichtnutzung“ von Angeboten wie Sormas aber „bleibt letztlich den Ländern beziehungsweise den Gesundheitsämtern überlassen“, erklärt die Sprecherin. Deshalb könne das Ministerium auch nichts zu den Gründen sagen, warum die Ämter bisher offenbar so zögerlich sind.

    Söder setzt in Bayern nun auf Zwang, deutlich zu spät, kritisierte Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen am Dienstag im Bayerischen Landtag. Die Staatsregierung habe es „verschlafen“ sich auf die zweite Welle vorzubereiten, wie etwa die Arbeit der Gesundheitsämter mit alten Geräten und Programmen, statt mit guter Software zeige.

    Gesundheitsämtern droht noch größeres Software-Chaos  

    Dass die Gesundheitsämter nicht nur in Bayern bisher so zurückhaltend bei Sormas sind, dürfte auch an einem Software-Chaos liegen, das ihnen womöglich droht. Denn Sormas kann nur ein Zusatz, aber kein Ersatz für die bestehenden Programme zum Fall- und Kontaktpersonenmanagement sein, teilt eine RKI-Sprecherin mit.

    Für meldepflichtige Infektionskrankheiten müssten die Ämter weiterhin das RKI-Programm SurvNet@RKI nutzen oder eine Software kommerzieller Anbieter wie Octoware, ISGA, Unisoft oder Gumax. Ob die Ämter nun „zusätzlich“ zur Corona-Verfolgung auch Sormas einsetzen, sei ihre „freie Entscheidung“, erklärte die RKI-Sprecherin.

    Fraglich ist also, ob bis Jahresende die von der Regierung gewünschte 90-Prozent-Quote zu erreichen ist. Bei der geplanten MPK-Runde am 15. Januar sollen die Gesundheitsminister der Länder berichten, wie es mit der Umsetzung klappt.

    Während die Wahl der Melde-Software laut RKI weiterhin frei bleibt, wird der Anschluss an das Meldesystem zur Pflicht ab 2021. DEMIS, Deutsches Elektronisches Melde- und Informationssystem, heißt das System, und soll die manuelle Eingabe der Fälle – und damit das Faxen – überflüssig machen.

    Pflicht zum Anschluss bedeutet nicht Pflicht zur Meldung

    Doch „Pflicht zum Anschluss“ bedeutet nicht gleich „Pflicht zur Meldung“. Denn mit 362 der 375 Gesundheitsämter sind bereits 97 Prozent an DEMIS angeschlossen, aktiv genutzt wird das System aber bisher von deutlich weniger Ämtern – obwohl mit DEMIS die „Vollständigkeit und Validität der Daten“ verbessert und der „Ermittlungsaufwand“ reduziert werden kann, wie das RKI mitteilt.

    Deshalb soll künftig nicht nur der Anschluss, sondern auch die Meldung über DEMIS verpflichtend werden. Ab Januar 2021 müssen laut Infektionsschutzgesetz zunächst die Labore ihre Meldungen zu Covid-19-Fällen über DEMIS zu versenden, ab Januar 2022 gilt dies auch für ihre Meldungen zu allen anderen meldepflichtigen Krankheitserregern.

    Wann piept das letzte Fax im Amt?


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    Ab Januar 2023 müssen dann alle Melde- und Benachrichtigungspflichtige, also etwa Labore, Ärzte und Gesundheitsämter, ihre Meldungen über DEMIS einpflegen – auf ein schnelleres Tempo ist derzeit nicht zu hoffen, denn erst Ende 2022 wird DEMIS „allen Gesundheitsbehörden in Bund und Ländern zur Verfügung stehen“, wie Thomas Gebhart (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Gesundheitsministerium, kürzlich mitteilte.

    Mit dieser Meldepflicht soll es sich dann aber ausgefaxt haben in den Gesundheitsämtern, erklärte eine RKI-Sprecherin. Zwei Jahre piept’s also noch – nicht nur in Pinneberg.

    Mehr zum Thema: „Jahrelang verschleppt“: Regierungsberater beklagen Notstand bei der Digitalisierung.

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