DIHK-Arbeitsmarktreport Fachkräftemangel – deutsche Wirtschaft setzt große Hoffnungen in die Zuwanderung

Der DIHK-Arbeitsmarktreport sieht im Fachkräftemangel eine ernste Gefahr für das Wachstum – und Handlungsbedarf für die neue Regierung.

DIHK-Arbeitsmarktreport sieht große Gefahr durch Fachkräftemangel Quelle: dapd

Stuttgart/Berlin.Die Bauwirtschaft boomt. Davon könnte auch der Fensterbauer Gugelfuss aus dem bayerischen Elchingen noch stärker profitieren. Doch das Unternehmen mit 300 Mitarbeitern und 40 Millionen Euro Umsatz musste bereits Aufträge ablehnen. „Wir könnten viel mehr Leute einstellen“, sagt Geschäftsführer Anton Gugelfuss.

Doch er findet keine Techniker, Bauleiter oder Monteure. „Die Wirtschaft brummt, die Konsumbereitschaft ist groß und die deutschen Unternehmen haben volle Auftragsbücher“, kommentiert Michael Marbler, Partner bei der Unternehmensberatung EY, die Entwicklung. „Allerdings setzt die Situation auf dem Arbeitsmarkt dem Wachstum Grenzen.“ Gerade kleinere Mittelständler, die mit bekannten Großunternehmen um Arbeitskräfte konkurrierten, könnten Stellen oft nur mühsam oder gar nicht besetzen.

Dass der Arbeitskräftemangel zur Wachstumsbremse werden könnte, bestätigt auch der jüngste Arbeitsmarktreport des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Fast jedes zweite der knapp 24.000 befragten Unternehmen hat Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Vor einem Jahr waren es nur 37 Prozent, vor vier Jahren 24 Prozent.

Für 60 Prozent der Firmen ist der Fachkräftemangel das Geschäftsrisiko Nummer eins. Es gehe hier nicht länger um ein rein betriebswirtschaftliches Thema, mit dem sich einzelne Unternehmen auseinandersetzen müssten, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des DIHK, Achim Dercks. „Nein, der Fachkräftemangel ist inzwischen ein volkswirtschaftlicher Engpass.“

Aus den Daten der befragen Unternehmen rechnet der Verband hoch, dass in Deutschland derzeit rund 1,6 Millionen Stellen nicht besetzt werden können. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zählt in seiner aktuellen Stellenerhebung rund 1,2 Millionen Jobangebote.

Die Differenz erklärt Dercks damit, dass das IAB nur Unternehmen erfasse, die aktiv nach Arbeitskräften suchten. Viele Firmen hätten aber bereits aufgegeben, weil einfach keine qualifizierten Bewerber zu finden seien.

Besonders knapp ist das Personal im Bau- und im Gastgewerbe, in der Sicherheitswirtschaft, der Verkehrs- und Logistikbranche, der Pflege und im Bildungsbereich. Wie von EY-Berater Marbler vermutet, trifft der Mangel vor allem kleinere und mittelständische Unternehmen mit bis zu 200 Mitarbeitern. Weil kein geeignetes Personal zu finden ist, fürchtet mehr als jede zweite der vom DIHK befragten Firmen um ihre Wachstumspotenziale. 45 Prozent rechnen damit, ihr Angebot einschränken oder Aufträge ablehnen zu müssen.

Damit wirkten die Personalengpässe weit über die betroffenen Betriebe und Branchen hinaus, warnt Dercks: „Vielfach können ganze Kettenreaktionen entstehen, die volkswirtschaftlich erhebliche Effekte nach sich ziehen und Schlüsselentwicklungen beeinträchtigen.“  Oder die Umsetzung des Koalitionsvertrags der künftigen schwarz-roten Bundesregierung hemmen. Denn wie soll der Breitbandausbau vorangetrieben werden, wenn die Techniker fehlen? Wie soll die Bildungsoffensive gelingen, wenn es kaum noch Lehrer gibt?

Aber woher sollen die Fachkräfte kommen? Unter den noch rund 2,5 Millionen Arbeitslosen sieht der DIHK kaum noch Potenzial, weil den meisten schlicht die benötigten Qualifikationen fehlten. Ansetzen ließe sich bei der Arbeitszeit. So ist die Teilzeitquote laut IAB im vergangenen Jahr mit mehr als 39 Prozent auf einen neuen Höchststand geklettert.

Auch dass die Zahl der Erwerbstätigen mit 44,3 Millionen einen Rekordwert erreicht hat, ist vor allem den Teilzeitkräften zu verdanken. Ihre Zahl nahm im Vergleich zum Vorjahr um 2,1 Prozent zu, die der Vollzeitbeschäftigten nur um 1,5 Prozent.  Flexible Arbeitszeitmodelle und ein Ausbau der Kinderbetreuung könnten helfen, dass junge Eltern ihre Arbeitszeit ausweiten, glaubt Dercks.

Langfristig helfen würde aus Sicht des DIHK auch, die Qualifikation der Schulabgänger zu verbessern und Jugendliche wieder stärker für Ausbildungsberufe zu begeistern. So haben die vom DIHK befragten Unternehmen größere Schwierigkeiten, Kandidaten mit dualer Ausbildung zu finden als Hochschulabsolventen. Auf der anderen Seite haben im vergangenen Jahr rund 150.000 Jugendliche ihr Studium geschmissen.

Auch die digitale Bildung müsse stärker gefördert werden, sagt Bosch-Personalvorstand Christoph Kübel. Das Interesse an mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Fächern und insbesondere Informationstechnologie sollte daher von Bildungseinrichtungen wie Kindergarten oder Schule frühzeitig gefördert werden, fordert er. „Der Fachkräftemangel darf nicht zum Hemmschuh für Wachstum werden. Es geht um die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland.“

Auch der künftige Heimatminister Horst Seehofer (CSU) ist gefragt. Er muss die Standortattraktivität erhöhen. Welcher Kandidat auf Jobsuche will schon in Regionen, in denen kein Bus mehr fährt und es keinen Supermarkt, keine Schule oder keinen Arzt mehr gibt?  

Seine größten Hoffnungen richtet der DIHK aber auf die gesteuerte Zuwanderung, die Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag versprochen haben. So sollte aus seiner Sicht dringend die Positivliste der Engpassberufe, für die gelockerte Einwanderungskriterien gelten, um die Bereiche Gastronomie und Logistik erweitert werden.

Die Möglichkeit, zur Jobsuche befristet einzuwandern, wünschen sich die Industrie- und Handelskammern nicht nur für Hochschulabsolventen aus Drittstaaten, sondern auch für beruflich Qualifizierte, bei denen die Engpässe in den Unternehmen besonders groß sind. Da viele deutsche Ausbildungsberufe im Ausland nicht existierten, müsse die neue Große Koalition zudem ergänzende Qualifizierungsangebote entwickeln, um vergleichbare Abschlüsse zu erreichen.

Allerdings stehe das Fachkräfteeinwanderungsgesetz wohl nicht ganz oben auf der Prioritätenliste der schwarz-roten Koalition, bedauert Dercks. Dabei ist der Handlungsbedarf da. Denn wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte, wanderten 2016 zwar noch mehr EU-Bürger nach Deutschland ein als aus. Doch der Wanderungssaldo mit den EU-Staaten betrug 2016 nur noch gut 66.000 Personen. Im Vorjahr hatte er noch mehr als dreimal so hoch gelegen.

Weil EU-Bürger nicht mehr so häufig nach Deutschland kommen oder in ihre Heimat zurückkehren, wird es wichtiger, Fachkräfte aus Ländern außerhalb Europas anzuwerben. Bei der Beschäftigung der Flüchtlinge sieht Dercks zwar Fortschritte. So hätten im vergangenen Jahr rund 10.000 von ihnen eine Ausbildung begonnen, gut dreimal so viele wie im Jahr zuvor. Bis Schutzsuchende helfen könnten, den Fachkräftemangel zu lindern, gebe es aber noch „dicke Bretter“ zu bohren.

Bleibt die Frage, was die Unternehmen selbst tun können, um Abhilfe zu schaffen. Dercks verweist hier auf die rund 60 Milliarden Euro, die deutsche Unternehmen pro Jahr in die Aus- und Weiterbildung investieren.

Allerdings fällt auf, dass die Engpässe gerade in Branchen mit niedrigen Löhnen und harten Arbeitsbedingungen wie in der Pflege oder der Gastronomie groß sind. Es bringe aber wenig, hier die Bedingungen zu verbessern, weil einfach keine Leute zu finden seien, glaubt Dercks.

Ein bisschen mehr könnten sich die Unternehmen aber schon anstrengen, sagt Marika Lulay, Chefin des IT-Unternehmens GFT Technologies aus dem Schwarzwald. Erfahrene IT-Experten seien überall auf der Welt rar und heiß begehrt.

Viele Unternehmen dächten jedoch leider immer noch, sie könnten Fachkräfte wie eine Ware einkaufen. „Jeder will ausschließlich exzellent ausgebildete und erfahrene Mitarbeiter in seinen Projekten einsetzen“, sagt Lulay. Wenn die Wirtschaft bereit wäre, mehr Kompromisse einzugehen und mehr in die Nachwuchsförderung zu investieren, gäbe es auch weniger Fachkräftemangel. 

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