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Dreikönigstreffen der FDP Deutschlands Don Quichotte

Alle sind doof, nur ich nicht - deshalb Augen zu und weiter so, bis das Land endlich erklugt und ich es erlöse… - Guido Westerwelle hat sich mit einer tolldreisten Dreikönigsrede endgültig ins politische Abseits manövriert. Und sein Adjutant Christian Lindner macht klar: Einen wie ihn braucht die FDP dringender den je. Ein Kommentar von WirtschaftsWoche-Reporter Dieter Schnaas.

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Guido Westerwelle beim Quelle: dapd

Wenn Guido Westerwelle einen Blick auf Deutschland wirft, dann sieht er sich überall von Windmühlen umstellt. Runter also mit dem Visier, auf in den Kampf und wutblind drauflos: gegen die Zukunftsverweigerung der Deutschen, gegen ihre Leistungs-, Eliten- und Technikfeindlichkeit, gegen ihren Staatsglauben und  ihre Lust an Umverteilung und sozialer Gerechtigkeit.

Wer Europa abschaffen will, donnert Westerwelle in den Saal des Stuttgarter Staatstheaters, muss mit dem entschiedenen Widerstand der FDP rechnen! Wer aber will Europa abschaffen?

Auch wenn man anderer Meinung sei als Thilo Sarrazin, raunt Westerwelle bedeutungsvoll – zur Meinungsfreiheit gehört, dass die Republik ein solches Buch erträgt! Hat die Republik das Buch  nicht sehr gut verdaut?

Die Vorsitzende der Linken hat in dieser Woche davon gesprochen, dass sie Wege zum Kommunismus ausprobieren will, bebt Westerwelle – jetzt komme es darauf an, die Freiheit zu verteidigen! Je nun, wer würde das nicht… - aber muss man wirklich jedes dumme Geschwätz eines Rotfähnrichs zum Anlass nehmen, die Gefahr „linker Mehrheiten“ zu beschwören?  

Guido Westerwelle hat sich in Stuttgart wieder einmal als Jeanne d’Arc der deutschen Politik präsentieren wollen – und wieder mal nur den Don Quichotte gegeben: Kein anderer kämpft so mutig, resolut und willensstark gegen die Halluzination der verbreiteten Freiheits- und Leistungsverweigerung in Deutschland an wie er.

Die Schweiz baut den längsten Tunnel der Welt, poltert Westerwelle,  während man sich in Dagegen-Deutschland der Zukunft in Form von Bahnhöfen und Stromleitungen verweigere. In China, Indien, Brasilien sei man aufstiegswillig, ehrgeizig, leistungsorientiert und durchdrungen von dem Willen, dass es die Kinder und Kindeskinder einmal besser haben sollen als man selbst – in Deutschland sei die Furcht vor Veränderung verbreitet, eine Stimmung des „Wir haben doch alles“ und „Warum also Neues wagen?“

Westerwelle dichtet der deutschen Seele in diesen Passagen eine Haltungslosigkeit, Wahlstandssattheit, Freiheitsvergessenheit  und strukturelle Linkslastigkeit an, die einen förmlich sprachlos macht: Die Diagnose wird nicht begründet, gegen alle Empirie und Evidenz behauptet – nur um den Therapiebedarf der Deutschen durch eine „lebensbejahende, optimistische, fortschrittliche und zukunftwollende“ FDP zu unterstreichen.

Dass Westerwelle mit derlei dämlichen Wählerbeschimpfungen der Hauptverursacher der FDP-Malaise ist, kommt ihm dabei nicht einmal mehr anflugsweise in den Sinn: Alle sind doof, nur ich nicht - deshalb Augen zu und weiter so, bis das Land endlich erklugt und ich es erlöse.

Das Schlimmste aber an Westerwelles katastrophaler Rede ist, dass er selbst die Existenz der behaupteten Dagegen-Republik bezweifelt – und zwar immer dann, wenn er auf die angeblichen Erfolge seiner Regierungspolitik zu sprechen kommt – und die Wahrheiten dahinter systematisch ausblendet.

Die Entspannung am Arbeitsmarkt verdanke sich vor allem der FDP (und nicht der jahrelangen Lohnzurückhaltung und Veränderungsbereitschaft der Arbeitnehmer und Gewerkschaften). Dass Deutschland gut durch die Krise gekommen ist, verdanke es vor allem dem Polit-Management von Schwarz-Gelb (und nicht dem „sozialistischen“ Experiment der Kurzarbeit und dem Durchhaltewillen von Unternehmen und Angestellten).

Und dass die soziale Marktwirtschaft nach der Wirtschaftskrise endlich als ein  internationales Erfolgsmodell anerkannt sei, habe Deutschland vor allem der FDP zu verdanken (also einer Partei, die Wirtschaft und Kapitalmärkte vor ein paar Jahren gar nicht genug deregulieren konnte).

Christian Lindner beim Quelle: dapd

Westerwelle merkt nicht einmal mehr, dass er sich auf diese Weise selbst zum Hauptrepräsentanten der Dagegen-Republik stilisiert, die er angeblich bekämpft: Er positioniert sich und die FDP gegen die überwältigende Mehrheit der Deutschen, die leistungsbereit, arbeitswillig, veränderungsoffen und technikaffin ist – und die das Land für sich und ihre Kinder lebenswert erhalten und zukunftsfest machen will: manchmal mit neuem Bahnhof – und manchmal ohne.

Dass Westerwelle daher sehr zu Recht bei den Deutschen abgemeldet ist, ist das Eine. Neu ist nach dieser Rede, dass er es auch bei der FDP ist – und zwar endgültig. Die Chuzpe, mit der Westerwelle jeden Anflug von Selbstkritik ausgeblendet hat, die Unverschämtheit, mit der er parteipolitische Normalität simuliert, die Dreistigkeit, mit der er nach dem Höllensturz seiner Partei von 14,6 Prozent bei den Bundestagswahlen auf drei bis fünf Prozent in Umfragen über die Trümmer marschiert und die Rücksichtslosigkeit, mit der er die frustrierten Wahlkämpfer zu Stillschweigen, Mut und Kampfeswillen ermuntert – das alles wird man ihm nicht mehr verzeihen.

Umso weniger als man in Christian Lindner, dem FDP-Generalsekretär, einen jungen Mann in seinen Reihen weiß, der zu den größten politischen Talenten gehört, die Deutschland je hatte. Lindner, der morgen 32 wird, redete Westerwelle in einer 15-minütigen Keynote förmlich an die Wand – obwohl er sich in seinen Bemerkungen jeder emotionalen Zuspitzung enthielt und sichtlich darauf bedacht war, seinem Chef nicht die Show zu stehlen.

Die stilsichere und intellektuell anspruchsvolle Art aber, wie Lindner frei redete, den Liberalismus mit wenigen Strichen ausbuchstabierte und sein Freiheits- und Staatsverständnis mit dem der Grünen, den „angeblich besseren Liberalen“ abglich – das war schlicht überwältigend und gibt zu ganz großen Hoffnungen Anlass. Hier arbeitet einer mit enormer Klugheit und Gewandtheit an einer Rennaissance des Liberalismus in Deutschland – und an der Überwindung der vulgärliberalen Westerwelle-FDP.

Der Übergang ist nur noch eine Frage der Zeit – und man gönnt Lindner von Herzen, dass er sie sich nehmen kann, dass man ihn nicht zu früh rufen muss, dass er seine Arbeit an einem liberalen Programm beenden kann, bevor er in drei, vier Jahren die große Bühne betritt.

Dafür allerdings spricht nicht viel. Die Zeit von Westerwelle an der FDP-Spitze ist abgelaufen.

Und die Partei wird ungeduldig. „Was war das Wichtigste an diesem Tag?“, fragte einer ihrer Grandseigneurs nach der Rede Westerwelles, bevor er sich selbst die Antwort gab: „Man hat gesehen, dass es mit der FDP weiter geht. Auch personell.“

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