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E-Autos Warum ich jetzt SUV fahre? Fürs Klima!

Wie lässt sich das Klima mit einem SUV schützen? Quelle: AP

Die Verkehrspolitik leidet unter Symboldebatten und zu viel Emotionen. Wir sollten uns an den Fakten orientieren – und aus ihnen eine bessere Politik ableiten.

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Wenn ich morgens aus meiner Wohnung in Berlin trete, um mit der S-Bahn ins Büro zu fahren, höre ich schon den typischen Warnton, kurz bevor die Türen schließen. Auch U-Bahn- und Bus-Haltestelle befinden sich in unmittelbarer Nähe. Ich gehe vorbei an geparkten Fahrrädern, Share-Bikes und E-Scootern. Und meistens fällt mir auch ohne Blick in die Apps ein Carsharing-Auto ins Auge.

Leihräder habe ich in Berlin schon nach der Jahrtausendwende mit Begeisterung genutzt. Heute kann ich das kulturpessimistische Scooter-Gemaule wirklich nicht mehr hören. Kurz: In Berlin lebe ich, wie so viele andere, längst die moderne urbane Mobilität. Ohne eigenes Auto, ohne alle Gedanken um Parkplätze, Fixkosten, Wartung und Co. Ich empfinde das als echten Freiheitsgewinn. Und als selbstverständlich.

Ortswechsel: Mein Wahlkreis im Sauerland. Berge, Täler, Wälder. Wer hier von der einen Kleinstadt zum anderen Dorf kommen will, fährt oft weite Strecken. Das eigene Auto gibt den allermeisten Menschen dort nicht nur ein Gefühl der Unabhängigkeit – auch ich hatte in meiner bergischen Heimat die Führerscheinprüfung schon vor dem 18. Geburtstag hinter mir und erinnere mich gut an das Gefühl der Freiheit. Auf dem Land ist das Auto auch eine schlichte Notwendigkeit, selbst deutlich mehr Bus- und Bahnlinien werden das nicht ändern. Wer anderes glaubt, war noch nie im Sauerland, im Bayerischen Wald oder in der Brandenburger Schorfheide. Bei der zentralen Menschheitsaufgabe Klimaschutz und der Einhaltung des Pariser Abkommens kann das nur heißen: Wir müssen auch das Autofahren klimaneutral machen.

Johannes Vogel ist FDP-Generalsekretär in Nordrhein-Westfalen und Bundestagsabgeordneter. Quelle: imago images

Die Qual der mangelnden Auswahl

Auch mein nächstes Leasingauto in NRW sollte deshalb ein Elektroauto sein. Als Generalsekretär meiner Landespartei muss ich im ganzen Bundesland unterwegs sein. Nur: Von Kirchhundem in meinem Wahlkreis bis in die Landeshauptstadt Düsseldorf sind es rund 150 Kilometer, pro Strecke. Und einmal Ostwestfalen und zurück nur mit einem stundenlangen Ladestopp? Undenkbar. Viele Menschen müssen ähnliche Strecken zurücklegen. Beim Vergleich von E-Auto-Prospekten und Reichweiten wurde schnell klar: Tolle Technik, aber zum Zeitpunkt der Entscheidung gab es für mich nur ein verfügbares Modell eines deutschen Herstellers, das ausreichende Reichweite bieten konnte. Eines! Es war ein SUV.

Die größeren Akkus müssen ja irgendwo untergebracht werden. Und ich wollte nicht erst irgendwann klimaneutral fahren, sondern jetzt. Also werde ich in Kürze in NRW das erste Mal in meinem Leben einen SUV fahren. Das ist im September 2019 fast schon eine Mutprobe. SUVs sind für viele in der öffentlichen Debatte zum Symbol des Bösen in der Verkehrspolitik geworden. In München werden sie mit „Du stinkst“-Zetteln beklebt, und nach einem furchtbaren Unfall in Berlin gar als „Panzer“ oder „Treibminen im Menschenmeer“ diffamiert.

Mein Beispiel zeigt, dass die Dinge komplizierter liegen: Ich werde SUV fahren, um das Klima zu schützen – paradoxe Symbolik, aber so ist es. Ich glaube: „Symbolik“ ist genau das Problem. Wir müssen diese Themen anders als über versimpelnde Ja-Nein-Zuspitzungen diskutieren. Daher, trotz und gerade wegen der überhitzten Debatte, drei konkrete Vorschläge für neues Denken in der Verkehrspolitik, für einen Konsens der Mitte.

Erstens: Wenn wir Klimaschutz auch beim Auto wollen, dann sollte allein die CO2-Bilanz von Fahrzeugen im Mittelpunkt stehen und nicht ihre Form, Größe oder Präferenzen der Menschen. Deshalb sollten wir C02 auch im Verkehrssektor endlich über einen Zertifikatehandel effektiv bepreisen, deckeln und alle C02-neutralen Antriebskonzepte gleichermaßen fördern, also auch Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe.

Zweitens: Wenn wir moderne Mobilität auf dem Land wollen, kommt man am Auto auch künftig nicht vorbei, genauso wie an gut angebundenen Pendlerzügen samt Ride-Pooling. Hier wird die Elektromobilität eine zentrale Rolle spielen. Daher sollten wir die Förderung echter Schnellladestationen endlich forcieren. Wer heute ein deutsches Auto in unter einer Stunde aufladen will, kann das bundesweit gerade mal an rund 50 Stationen – absurd.

Drittens: Wenn wir moderne Mobilität in der Stadt wollen, brauchen wir neue Infrastruktur für eine andere innerstädtische Verkehrskultur. Wer jemals in Städten wie Kopenhagen unterwegs war, will gar nicht wieder gehen. Der Kulturwandel dort ist aber auch nicht über Nacht gelungen. Sondern durch langfristigen gesellschaftlichen Wandel – Fahrradparkhäuser und Fahrradbrücken sind da nur steingewordene Beispiele.
Die Politik muss mehr dazu beitragen: den ÖPNV deutlich verbessern, mehr separate Rad- und E-Scooter-Wege schaffen, weitere digitale (Bezahl-)Modelle fördern und endlich für 5G sorgen. Nicht nur an jeder Milchkanne, sondern auch in jeder U-Bahn.

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