Einblick

Deutschland ist ...

Am Ende des Jahres suchen wir nach einem gemeinsamen Verständnis unseres Landes. Zeit für eine Neubesinnung.

Diese politischen Baustellen müssen 2016 bewältigt werden
FlüchtlingskriseEine rasche Trendwende ist nicht zu erwarten. Niemand weiß, wie sich die Zahl der Flüchtlinge und Asylbewerber entwickelt. Die Kostenplanungen für 2016 gehen von etwa 800 000 Flüchtlingen aus. Das dürfte den Staat allein im nächsten Jahr etwa 20 Milliarden Euro kosten - nach jetziger Schätzung. Bisher gibt es keinen verbindlichen Plan - auch der EU nicht -, die Zuwanderung zu begrenzen. Die EU-Verteilung greift nur schleppend. Die Integration von Flüchtlingen, schnellere Asylverfahren sowie gemeinsame europäische Lösungen bleiben zentrale Themen. Mehr Geld wird im Kampf gegen Fluchtursachen und für Hilfen an Länder in der Krisenregion fällig. Quelle: dpa
Anti-Terror-KampfDie Bundesregierung will sich auch militärisch am internationalen Einsatz gegen die Terrororganisation IS beteiligen - und zwar auch ohne UN-Mandat. Die Bundesregierung wollte Deutschland ursprünglich aus den Luftangriffen gegen den IS heraushalten. Der Terror von Paris hat die Haltung aber verändert. Quelle: dpa
Innere SicherheitMit dem militärischen Eingreifen wächst die Gefahr, dass auch Deutschland Ziel terroristischer Anschläge wird. Die Sicherheitsbehörden haben nach den Anschlägen von Paris bereits aufgerüstet. Die Debatte um schärfere Sicherheitsgesetze, Einschränkungen der Bürgerrechte sowie einen Einsatz der Bundeswehr auch im Innern dürfte intensiver werden. Quelle: dpa
Ukraine-KonfliktDer Ukraine-Konflikt schwelt weiter. Bei der angestrebten Lösung spielt Deutschland eine herausgehobene Rolle. Es wird 2016 auch darum gehen, die Spannungen mit Russland abzubauen. Quelle: REUTERS
EuropaDie Europäische Union ist in einer tiefen Krise. Es häufen sich die Warnungen vor einem Bruch. In der Flüchtlingskrise nehmen nationale Egoismen zu, nationalistische Töne machen sich breit. Die offenen Grenzen wackeln - ohne „Schengen“ droht aber dem Euro und dem Binnenmarkt ein herber Rückschlag. Quelle: REUTERS
GriechenlandDie Schuldenkrise in Griechenland dauert an - auch wenn sie ein wenig aus dem Blickfeld geraten ist. Zuletzt hatte die Athener Regierung weitere Reformen beschlossen und Hilfen aus dem dritten Rettungspaket erhalten, das 86 Milliarden Euro umfasst. Von zentraler Bedeutung ist, ob der Internationale Währungsfonds (IWF) bei der Lösung der Schuldenkrise weiter mit im Boot bleibt. Quelle: dpa
Bund-Länder-FinanzenIn den Verhandlungen über die Neuordnung der Bund-Länder-Finanzen ab dem Jahr 2020 haben sich die 16 Länder auf ein gemeinsames Konzept verständigt. Jetzt stehen schwierige Verhandlungen mit dem Bund an. Denn der soll nach dem Willen der Länder Ausgleichszahlungen von anfangs jährlich knapp 9,7 Milliarden Euro leisten. Der Bund hatte dagegen 8,5 Milliarden Euro angeboten. Nach den Plänen der Länder soll der Länderfinanzausgleich abgeschafft und durch ein Umsatzsteuermodell ersetzt werden. Quelle: dpa

Der zu früh verstorbene US-Autor David Foster Wallace erzählte vor zehn Jahren diese kleine Geschichte: Zwei junge Fische schwimmen im Ozean, als sie einem älteren Fisch begegnen. „Morgen, Jungs“, begrüßt der die beiden, „wie ist heute so das Wasser?“ Die beiden jungen Fische schwimmen eine Weile stumm weiter, dann sagt der eine zum anderen: „Was, zum Teufel, ist Wasser?“

Lässt man aus journalistischer Sicht das zu Ende gehende Jahr Revue passieren, begegnet einem diese Frage überall. Wir leben nicht im Wasser, aber in einer uns alle umfassenden Wirklichkeit, von der viele bislang dachten, man wisse zumindest in groben Zügen, wie sie beschaffen ist. Zum Ende des Jahres 2015 hat man den Eindruck, mit diesem gemeinsamen Verständnis könne es ein wenig vorbei sein. Die Verständigung in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ist an vielen Stellen auf den kleinsten Nenner des Dafür oder Dagegen reduziert, und oft genug erntet man im übertragenen Sinne auf eine Frage nur eine wütende Rückfrage: „Was, zum Teufel, ist Wirklichkeit?“

Das hat 2015 in Deutschland für Wirbel gesorgt
Ausbildung von Peschmerga Quelle: dpa
Wahl in Hamburg Quelle: dpa
Sebastian Edathy Quelle: dpa
Beine Quelle: dpa
Lehrerin mit Kopftuch Quelle: dpa
Maut-Schild Quelle: dpa
Schriftzug Bundesnachrichtendienst Quelle: dpa

Das geht auch an uns Medien. Der erste Teil des Jahres war von der Griechenlandkrise bestimmt, als hätte sich die Flüchtlingsfrage noch gar nicht gestellt. Sie war dann ab dem Spätsommer zweites bestimmendes Thema des Jahres, als hätte es nicht längst genug über den Terror des sogenannten „Islamischen Staats“ zu berichten gegeben. Aber erst die Terroranschläge von Paris haben ihn wiederum zum dominierenden Thema gemacht. Medien wollen und sollen Akzente setzen. Sie können nicht alles gleich gewichten. Aber so entsteht gelegentlich das Zerrbild einer Welt, die von einer monothematischen Krise in die nächste stürzt.

Doch die Sache ist komplizierter. Wer an einem Tag verschiedene Zeitungen und Magazine liest, stellt fest: die Einschätzungen und Positionen zu Euro-Krise, Flüchtlingsfrage oder islamischem Terror unterscheiden sich zum Teil gewaltig. In Teilen des Internets ist das anders. Dessen Empörungswogen unterspülen inzwischen gefährlich unser gemeinsames Verständnis von Wirklichkeit. Wer sich allein über das Internet informiert, kann es sich in seiner eigenen Echokammer bequem machen. Es schallt ja immer genauso zurück, wie ich hineinrufe. Abweichende Meinungen? Sich in seinen Positionen herausfordern lassen? Wozu? Die Bewohner der vielen Echokammern im Internet glauben die Wirklichkeit auf ihrer Seite, und die Medien sind auf der dunklen Seite. Lügenpresse also.

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Verloren geht so ein gemeinsames Verständnis von Wirklichkeit. Ohne ein solches ist eine demokratische Gesellschaft aber nicht lebensfähig. Geben Sie doch einmal „Deutschland ist“ in die Suchmaske von Google ein. Die Suchmaschine schlägt Ihnen dann das vor, was am häufigsten geschrieben wird. An erster Stelle: „Deutschland ist am Ende“, an zweiter: „Deutschland ist verloren.“ Das ist ein trauriges Ergebnis für ein Land, das in vielen Teilen der Welt um seinen Erfolg, seine wirtschaftliche Kraft, seine Exportstärke, seine industriellen und technischen Fertigkeiten und seine soziale Marktwirtschaft beneidet wird.

Es gibt bei Google noch eine dritte Antwort. Sie lautet: „Deutschland ist schön.“ Es könnte für 2016 eine lohnende gemeinsame Anstrengung sein, das Land aus abseitigen Stromschnellen wieder in ruhigere Gewässer zu lenken.

Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten und alles Gute für 2016!

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