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Einwanderung Lasst die Flüchtlinge arbeiten!

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Belastbare Rechtssicherheit ist dringend nötig

Das Engagement vor Ort kaschiert die Widerstände im System. Trotz Arbeitserlaubnis gilt in den ersten 15 Monaten des Aufenthalts eine Vorrangprüfung. Ausländerbehörden und Arbeitsagenturen müssen zuerst klären, ob für einen Job nicht auch Deutsche oder EU-Bürger infrage kommen. Und der Zugang zu Deutsch- und Integrationskursen ist bislang eher von regionalen Zuständigkeitszufällen und Geldknappheit als von systematischer Förderung geprägt. Damit wird Zeit verspielt. „Je früher wir Flüchtlinge mit Bildung integrieren, desto besser sind ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, dem Thinktank der Arbeitsagentur.

Industrie und Handwerk fordern deshalb unter der Überschrift „3 plus 2“ eine bundesweite Regelung, die für Asylbewerber und Geduldete künftig eine klare Perspektive bietet. Wer eine dreijährige Ausbildung erfolgreich absolviert hat, soll mindestens zwei Jahre im erlernten Beruf arbeiten können. Diese „belastbare Rechtssicherheit“ sei dringend nötig, sagt Handwerks-Präsident Hans Peter Wollseifer. Doch der Bund hat diese Forderung noch nicht erhört.

Diese Länder beherbergen die meisten Flüchtlinge
Platz 10: IrakFlüchtlinge: 246.300 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,85  Prozent*   *Der Flüchtlingsanteil an der Gesamtbevölkerung in diesem und den folgenden Bildern entstammt eigenen Berechnungen. Quelle: AP
Platz 9: USAFlüchtlinge: 263.600 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,0008  Prozent Quelle: dpa
Platz 8: ChinaFlüchtlinge: 301.000 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,0002  Prozent Quelle: dpa
Platz 7: ÄthiopienFlüchtlinge: 433.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,45  Prozent Quelle: obs
Platz 6: TschadFlüchtlinge: 434.500 Teil der Gesamtbevölkerung: 4 Prozent Quelle: dpa/dpaweb
Platz 5: KeniaFlüchtlinge: 534.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 1,4 Prozent Quelle: REUTERS
Platz 4: TürkeiFlüchtlinge: 609.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,8 Prozent Quelle: REUTERS

"Die Vorrangregelung gehört abgeschafft"

Deshalb greifen einige Länder zu Selbsthilfe. Nordrhein-Westfalen erteilt Duldungen für die gesamte Dauer einer Ausbildung. Rheinland-Pfalz fordert, das Bleiberecht für Flüchtlinge in Ausbildung gleich auf die besagten fünf Jahre auszudehnen. Die Integrationsministerin des Landes, Irene Alt, sieht auch das Vorrangrecht kritisch. „Die Vorrangregelung gehört abgeschafft. Denn sie stellt eine erhebliche Benachteiligung von Asylsuchenden auf dem Arbeitsmarkt dar, die nach meiner Einschätzung durch nichts begründet werden kann“, kritisiert Alt.

In Arbeit
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Frank Bruxmeier in Duisburg hat seine ganz eigene Erfahrung: einfach machen. Ein paar Monate und einige Gespräche brauchte er, dann hatte er die Zusage des nordrhein-westfälischen Arbeitsministeriums, für 100.000 Euro Berufsqualifizierung anzubieten, speziell für Flüchtlinge und den Beruf Anlagenmechaniker. Denn genau hier fehlen den Betrieben die Fachkräfte. „Jetzt kommen sie endlich“, sagt Bruxmeier, „wir müssen sie nur noch wollen.“ Künftig will er das Projekt auf andere Mangeljobs wie Lastwagenfahrer oder Altenpfleger ausweiten.

Bruxmeier schwärmt von einer Moral, die er so noch nicht bei Arbeitslosen gesehen hat: Keine Klagen trotz Arbeit bei großer Hitze, alle seien pünktlich. Said Ahmed, der in Deutschland ein völlig neues Handwerk lernt, weil er in Somalia als Radiojournalist gearbeitet hat, sagt es so: „Arbeit ist wichtig für mich, um die Sprache zu lernen und Leute zu treffen.“ Dann hält er seinen Zeigefinger an die Schläfe und dreht ihn wie einen Korkenzieher. „Wenn ich nur zu Hause rumsitze, geht mein Kopf kaputt.“

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