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Einwanderung Lasst die Flüchtlinge arbeiten!

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"Die Bearbeitung von Asylanträgen dauert viel zu lange"

Umso wichtiger wäre es, schnell die drängendsten Probleme anzugehen. Thränhardt hat jüngst in einer Studie für die Bertelsmann-Stiftung die Hürden beschrieben, die sich Flüchtlingen in den Weg stellen, wenn sie in Deutschland nicht nur um Schutz vor Gewalt, Krieg oder Unterdrückung bitten – sondern auch etwas leisten wollen. Der Professor sieht einen entscheidenden Mangel in der zuständigen Verwaltung: dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). „Das Hauptproblem ist das BAMF, das seiner Aufgabe nicht schnell genug nachkommt. Die Bearbeitung von Asylanträgen dauert viel zu lange – und das sorgt für derart große Unsicherheit, dass weder die Asylbewerber selbst noch Arbeitgeber wissen, woran sie sind.“

Immerhin, an anderer Stelle gibt es Fortschritte: Ende 2014 wurden die Fristen, nach denen Asylbewerber und Geduldete einen Job oder eine Ausbildung beginnen dürfen, auf drei Monate abgesenkt. Vergangene Woche verabschiedete die große Koalition zudem ein neues Bleiberecht. Darin werden Abschiebungen erleichtert. Dafür erhalten Geduldete mehr Sicherheit, wenn sie mit einem Job für sich selber sorgen können oder eine Ausbildung machen.

Vor diesen Problemen stehen die Zuwanderer
Teilnehmer eines Kurses "Deutsch als Fremdsprache" Quelle: dpa
Eine Asylbewerberin wartet in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung in Berlin Quelle: dpa
Eine Frau sitzt in einem Flüchtlingsheim in einem Zimmer Quelle: dpa
Ein Flüchtling sitzt vor einer Gemeinschaftsunterkunft der Asylbewerber Quelle: dpa
Verschiedene Lebensmittel liegen in der Asylunterkunft in Böbrach (Bayern) in Körben Quelle: dpa

Die Politik behindert die Vermittlung von Ausbildungsstellen

Das ist aber nur ein Anfang. Denn auch ein undurchschaubares rechtliches Dickicht behindert die Arbeitsaufnahme erheblich. „Hätten wir auf die Unterstützung der Politik gewartet, wir hätten bis heute nicht loslegen können“, sagt Gereon Haumann, Gastwirt aus dem Hunsrück und Präsident der Dehoga Rheinland-Pfalz. Bei einem regionalen Flüchtlingsgipfel im Januar bot er spontan seine Hilfe an. Da die Betriebe im Land bereits mit der Anwerbung junger spanischer Azubis gute Erfahrungen gemacht hatten, schlug Haumann vor, sie könnten sicher auch Asylbewerber aufnehmen. Eine kurze Umfrage unter seinen Kollegen ergab: 300 Ausbildungsplätze stünden zur Verfügung. Es wäre eines der größten Projekte für Asylbewerber in Deutschland.

Doch dann begann der Kampf mit der Bürokratie, von dem fast alle Unternehmer erzählen können, die sich je um die Beschäftigung von Asylbewerbern gekümmert haben. Die Betriebe wünschten sich ein garantiertes Bleiberecht für fünf Jahre – das Gesetz sieht aber nur ein Jahr Schutz vor, alles Weitere ist Landessache. Dort sicherte man ihm immerhin zu, dass alle Azubis für die Dauer der Ausbildung im Land bleiben könnten.

Länder mit der höchsten Zahl der Asylbewerber (2014)

Noch komplizierter aber wurde die Bewerbersuche selbst. „Es gab allein 15.000 Asylbewerber, die 2014 nach Rheinland-Pfalz gekommen sind“, erzählt Haumann, „da war ich mir sicher, dass wir schnell 500 Bewerbungen auf dem Tisch haben.“ Er fragte beim Land an, das lieferte: vier Kandidaten. Im Ministerium verteidigt man sich: „Solange die Asylbewerber in den Erstaufnahmeeinrichtungen sind, ist der Bund zuständig.“ Danach verteile man sie auf die Kommunen, und da sei der Kontakt begrenzt.

Das soll sich nun ändern. Als erstes Bundesland führt Rheinland-Pfalz in den Erstaufnahmeeinrichtungen seit einigen Wochen Befragungen durch, damit Flüchtlinge dort ihre Kompetenzen angeben können.

Gastwirte sind zufrieden mit Asylbewerbern

Haumann aber will darauf nicht warten. Deswegen wandte er sich an Landräte an den passenden Berufsschulstandorten und fand dort Verbündete. Zusammen mit Bürgerinitiativen vermittelten die ihm Kandidaten. Auch Deutschkurse konnten dank lokaler Improvisation finanziert werden. Seit Anfang des Sommers arbeiten nun gut 100 Flüchtlinge im Praktikum bei Gastwirten zwischen Rhein und Mosel. Im Herbst sollen sie dann mit der Ausbildung beginnen. Haumann ist stolz, dass das alles geklappt hat, aber er kann sich auch wild aufregen über Bürokraten und Blockierer. Nur auf die Flüchtlinge lässt er nichts kommen. „Unsere Gastwirte sind bisher sehr zufrieden mit den Asylbewerbern“, sagt er. „Wo auch immer sie herkommen, motiviert sind sie alle.“

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