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Einwanderung Lasst die Flüchtlinge arbeiten!

Flüchtlinge sollten so schnell wie möglich Arbeit finden. Regionale Initiativen leisten dabei Großartiges, trotz rechtlicher Hürden.

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Regionale Initiativen helfen Flüchtlingen bei der Bürokratie. Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche

Warum er im November mit Todesangst aus Somalia floh? Bitte nicht mitschreiben. Wie er mit einem Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland schipperte? Kein Wort. Über seine Vergangenheit möchte Said Ahmed am liebsten nur noch eins: gar nicht mehr sprechen. Aber etwas sagt der 19-Jährige dann doch: „Ich kam nach Deutschland mit Ach und Krach.“ Dann lehnt er sich zurück und ist sichtbar stolz über diese Formulierung nach nur fünf Monaten Deutschunterricht.

Die Torturen der Vergangenheit will Ahmed zurücklassen. Seine Zukunft trägt er hingegen am Leib, damit sie jeder sehen kann: einen Blaumann mit der Aufschrift „Sanitär Heizung Klima“. Somalischer Flüchtling, Asylbewerber, das ist sein offizieller Status, aber für ihn ist das nicht der Rede wert.

Was Flüchtlinge dürfen

Der "German Dream"

Der Mann mit dem gepflegten Oberlippenbart und den Krauselocken ist einer von 18 Männern, die sich derzeit auf eine Umschulung zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik vorbereiten. In den Werkstätten des Bildungszentrums der Kreishandwerkerschaft Duisburg arbeiten Flüchtlinge aus Ländern wie Syrien, Guinea oder Marokko an ihrem ganz persönlichen „German Dream“: vom Asylbewerber zum Gesellen in nur zwei Jahren. Sie lernen zu schweißen, löten Kupferrohre und messen die Temperatur bei Heizungen. Dazu bekommen sie Unterricht in Deutsch und Mathematik. Frank Bruxmeier, der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Duisburg, hat das Projekt „Bildung – ein Grundrecht für Flüchtlinge“ zusammen mit dem Verein Bunter Tisch Moers und dem SPD-Landtagsabgeordneten Ibrahim Yetim ins Leben gerufen.

Es ist eine Geschichte der Hoffnung, wie es sie immer häufiger gibt. Über Jahrzehnte wirkte im deutschen Zuwanderungsrecht der Geist der Abschottung. Auf dem Papier hat sich das gewandelt, die Regeln für einwandernde Fachkräfte und Akademiker gelten im internationalen Vergleich mittlerweile als geradezu vorbildlich. Auch bei der Integration von Asylbewerbern in den Arbeitsmarkt hat sich einiges getan. Doch ein Blick in die Handwerksbetriebe und Fertigungshallen des Landes zeigt: In der Praxis gibt es selbst beim besten Willen schwer überwindbare Hürden.

Einwanderung ist eine ökonomische Chance

Dabei entscheidet sich an Menschen wie Said Ahmed und Frank Bruxmeier, ob sich in diesem Land Einwanderung mehr oder weniger planlos vollzieht oder ob die Bundesrepublik wirklich zu dem Einwanderungsland wird, das es, gemessen an den Zuzugsströmen, längst ist.

Asyl-Erstanträge in Deutschland

400.000, vielleicht sogar 500.000 Flüchtlinge könnten dieses Jahr Anträge auf Asyl stellen, so viele wie seit 20 Jahren nicht. Gegen die offizielle deutsche Politik, die sich in Europa noch dafür stark macht, die Flüchtlinge in Italien, Spanien oder Griechenland zu lassen, wo immer sie eben ankommen, hat es der Gedanke schwer, dass die Aufnahme nicht nur eine humanitäre Pflicht ist, sondern auch eine ökonomische Chance. „Dass wir Asyl heute auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachten, ist eine hilfreiche Entwicklung“, sagt der Münsteraner Migrationsforscher Dietrich Thränhardt. „Wir nehmen Menschen erst dann ernst, wenn wir sie als Akteure schätzen – und nicht als Empfänger unserer Hilfe.“

"Die Bearbeitung von Asylanträgen dauert viel zu lange"

Umso wichtiger wäre es, schnell die drängendsten Probleme anzugehen. Thränhardt hat jüngst in einer Studie für die Bertelsmann-Stiftung die Hürden beschrieben, die sich Flüchtlingen in den Weg stellen, wenn sie in Deutschland nicht nur um Schutz vor Gewalt, Krieg oder Unterdrückung bitten – sondern auch etwas leisten wollen. Der Professor sieht einen entscheidenden Mangel in der zuständigen Verwaltung: dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). „Das Hauptproblem ist das BAMF, das seiner Aufgabe nicht schnell genug nachkommt. Die Bearbeitung von Asylanträgen dauert viel zu lange – und das sorgt für derart große Unsicherheit, dass weder die Asylbewerber selbst noch Arbeitgeber wissen, woran sie sind.“

Immerhin, an anderer Stelle gibt es Fortschritte: Ende 2014 wurden die Fristen, nach denen Asylbewerber und Geduldete einen Job oder eine Ausbildung beginnen dürfen, auf drei Monate abgesenkt. Vergangene Woche verabschiedete die große Koalition zudem ein neues Bleiberecht. Darin werden Abschiebungen erleichtert. Dafür erhalten Geduldete mehr Sicherheit, wenn sie mit einem Job für sich selber sorgen können oder eine Ausbildung machen.

Vor diesen Problemen stehen die Zuwanderer
Teilnehmer eines Kurses "Deutsch als Fremdsprache" Quelle: dpa
Eine Asylbewerberin wartet in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung in Berlin Quelle: dpa
Eine Frau sitzt in einem Flüchtlingsheim in einem Zimmer Quelle: dpa
Ein Flüchtling sitzt vor einer Gemeinschaftsunterkunft der Asylbewerber Quelle: dpa
Verschiedene Lebensmittel liegen in der Asylunterkunft in Böbrach (Bayern) in Körben Quelle: dpa

Die Politik behindert die Vermittlung von Ausbildungsstellen

Das ist aber nur ein Anfang. Denn auch ein undurchschaubares rechtliches Dickicht behindert die Arbeitsaufnahme erheblich. „Hätten wir auf die Unterstützung der Politik gewartet, wir hätten bis heute nicht loslegen können“, sagt Gereon Haumann, Gastwirt aus dem Hunsrück und Präsident der Dehoga Rheinland-Pfalz. Bei einem regionalen Flüchtlingsgipfel im Januar bot er spontan seine Hilfe an. Da die Betriebe im Land bereits mit der Anwerbung junger spanischer Azubis gute Erfahrungen gemacht hatten, schlug Haumann vor, sie könnten sicher auch Asylbewerber aufnehmen. Eine kurze Umfrage unter seinen Kollegen ergab: 300 Ausbildungsplätze stünden zur Verfügung. Es wäre eines der größten Projekte für Asylbewerber in Deutschland.

Doch dann begann der Kampf mit der Bürokratie, von dem fast alle Unternehmer erzählen können, die sich je um die Beschäftigung von Asylbewerbern gekümmert haben. Die Betriebe wünschten sich ein garantiertes Bleiberecht für fünf Jahre – das Gesetz sieht aber nur ein Jahr Schutz vor, alles Weitere ist Landessache. Dort sicherte man ihm immerhin zu, dass alle Azubis für die Dauer der Ausbildung im Land bleiben könnten.

Länder mit der höchsten Zahl der Asylbewerber (2014)

Noch komplizierter aber wurde die Bewerbersuche selbst. „Es gab allein 15.000 Asylbewerber, die 2014 nach Rheinland-Pfalz gekommen sind“, erzählt Haumann, „da war ich mir sicher, dass wir schnell 500 Bewerbungen auf dem Tisch haben.“ Er fragte beim Land an, das lieferte: vier Kandidaten. Im Ministerium verteidigt man sich: „Solange die Asylbewerber in den Erstaufnahmeeinrichtungen sind, ist der Bund zuständig.“ Danach verteile man sie auf die Kommunen, und da sei der Kontakt begrenzt.

Das soll sich nun ändern. Als erstes Bundesland führt Rheinland-Pfalz in den Erstaufnahmeeinrichtungen seit einigen Wochen Befragungen durch, damit Flüchtlinge dort ihre Kompetenzen angeben können.

Gastwirte sind zufrieden mit Asylbewerbern

Haumann aber will darauf nicht warten. Deswegen wandte er sich an Landräte an den passenden Berufsschulstandorten und fand dort Verbündete. Zusammen mit Bürgerinitiativen vermittelten die ihm Kandidaten. Auch Deutschkurse konnten dank lokaler Improvisation finanziert werden. Seit Anfang des Sommers arbeiten nun gut 100 Flüchtlinge im Praktikum bei Gastwirten zwischen Rhein und Mosel. Im Herbst sollen sie dann mit der Ausbildung beginnen. Haumann ist stolz, dass das alles geklappt hat, aber er kann sich auch wild aufregen über Bürokraten und Blockierer. Nur auf die Flüchtlinge lässt er nichts kommen. „Unsere Gastwirte sind bisher sehr zufrieden mit den Asylbewerbern“, sagt er. „Wo auch immer sie herkommen, motiviert sind sie alle.“

Belastbare Rechtssicherheit ist dringend nötig

Das Engagement vor Ort kaschiert die Widerstände im System. Trotz Arbeitserlaubnis gilt in den ersten 15 Monaten des Aufenthalts eine Vorrangprüfung. Ausländerbehörden und Arbeitsagenturen müssen zuerst klären, ob für einen Job nicht auch Deutsche oder EU-Bürger infrage kommen. Und der Zugang zu Deutsch- und Integrationskursen ist bislang eher von regionalen Zuständigkeitszufällen und Geldknappheit als von systematischer Förderung geprägt. Damit wird Zeit verspielt. „Je früher wir Flüchtlinge mit Bildung integrieren, desto besser sind ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, dem Thinktank der Arbeitsagentur.

Industrie und Handwerk fordern deshalb unter der Überschrift „3 plus 2“ eine bundesweite Regelung, die für Asylbewerber und Geduldete künftig eine klare Perspektive bietet. Wer eine dreijährige Ausbildung erfolgreich absolviert hat, soll mindestens zwei Jahre im erlernten Beruf arbeiten können. Diese „belastbare Rechtssicherheit“ sei dringend nötig, sagt Handwerks-Präsident Hans Peter Wollseifer. Doch der Bund hat diese Forderung noch nicht erhört.

Diese Länder beherbergen die meisten Flüchtlinge
Platz 10: IrakFlüchtlinge: 246.300 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,85  Prozent*   *Der Flüchtlingsanteil an der Gesamtbevölkerung in diesem und den folgenden Bildern entstammt eigenen Berechnungen. Quelle: AP
Platz 9: USAFlüchtlinge: 263.600 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,0008  Prozent Quelle: dpa
Platz 8: ChinaFlüchtlinge: 301.000 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,0002  Prozent Quelle: dpa
Platz 7: ÄthiopienFlüchtlinge: 433.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,45  Prozent Quelle: obs
Platz 6: TschadFlüchtlinge: 434.500 Teil der Gesamtbevölkerung: 4 Prozent Quelle: dpa/dpaweb
Platz 5: KeniaFlüchtlinge: 534.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 1,4 Prozent Quelle: REUTERS
Platz 4: TürkeiFlüchtlinge: 609.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,8 Prozent Quelle: REUTERS

"Die Vorrangregelung gehört abgeschafft"

Deshalb greifen einige Länder zu Selbsthilfe. Nordrhein-Westfalen erteilt Duldungen für die gesamte Dauer einer Ausbildung. Rheinland-Pfalz fordert, das Bleiberecht für Flüchtlinge in Ausbildung gleich auf die besagten fünf Jahre auszudehnen. Die Integrationsministerin des Landes, Irene Alt, sieht auch das Vorrangrecht kritisch. „Die Vorrangregelung gehört abgeschafft. Denn sie stellt eine erhebliche Benachteiligung von Asylsuchenden auf dem Arbeitsmarkt dar, die nach meiner Einschätzung durch nichts begründet werden kann“, kritisiert Alt.

In Arbeit
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Frank Bruxmeier in Duisburg hat seine ganz eigene Erfahrung: einfach machen. Ein paar Monate und einige Gespräche brauchte er, dann hatte er die Zusage des nordrhein-westfälischen Arbeitsministeriums, für 100.000 Euro Berufsqualifizierung anzubieten, speziell für Flüchtlinge und den Beruf Anlagenmechaniker. Denn genau hier fehlen den Betrieben die Fachkräfte. „Jetzt kommen sie endlich“, sagt Bruxmeier, „wir müssen sie nur noch wollen.“ Künftig will er das Projekt auf andere Mangeljobs wie Lastwagenfahrer oder Altenpfleger ausweiten.

Bruxmeier schwärmt von einer Moral, die er so noch nicht bei Arbeitslosen gesehen hat: Keine Klagen trotz Arbeit bei großer Hitze, alle seien pünktlich. Said Ahmed, der in Deutschland ein völlig neues Handwerk lernt, weil er in Somalia als Radiojournalist gearbeitet hat, sagt es so: „Arbeit ist wichtig für mich, um die Sprache zu lernen und Leute zu treffen.“ Dann hält er seinen Zeigefinger an die Schläfe und dreht ihn wie einen Korkenzieher. „Wenn ich nur zu Hause rumsitze, geht mein Kopf kaputt.“

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