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Elektronische Gesundheitsakte Deutsche Ärzte vernetzen sich nur ungern mit Kollegen

Ein internationaler Vergleich der Unternehmensberatung Accenture zeigt: Deutsche Mediziner scheuen den Datenaustausch mit anderen Gesundheitseinrichtungen.

So wehren sich Pfleger, Masseure und Therapeuten
Platz 10: MasseureDie Ermittler der Krankenkasse KKH haben die Aktivitäten von Masseuren und medizinischen Badebetrieben zu einer Fallgruppe zusammengefasst. 2011 war dieser Bereich noch nicht so auffällig. 12 Fälle sind ihnen im vergangenen Jahr aufgefallen. Damit landen Masseure und Badebetrieb bei der Krankenkasse mit 1,8 Millionen Versicherten auf Platz 10 der Rangliste, die von der Krankenkasse angelegt wurde. Auf Anfrage merkte der Verband Physikalische Therapie - Vereinigung für die physiotherapeutischen Berufe (VPT) an, die Fallzahl sei relativ gering. Im Gesundheitssystem arbeiteten 2011 insgesamt ca. 212.000 Physiotherapeuten und Masseure und med. Bademeister. Davon gehörten ca. 76.000 Therapeuten der Berufsgruppe der Masseure und med. Bademeister an. Angesichts dieser Zahlen solle man nicht eine ganze Berufsgruppe unter Generalverdacht stellen. Quelle: dpa/dpaweb
Gegenrede der Masseure: "Keine Betrugsabsicht"Bei vielen von der KKH als "Betrug" bezeichneten Vorgängen könnte es sich um reine Abrechnungsprobleme handeln, erklärte der Verband Physikalische Therapie - Vereinigung für die physiotherapeutischen Berufe (VPT). Gemeint seien hier etwa Rezepte, die von einem Arzt unvollständig oder falsch ausgefüllt und dann von einem Therapeuten angenommen und abgearbeitet worden seien. Nicht jede Ermittlung führe zudem zu einem Schuldspruch. Bundesgeschäftsführer Udo Fenner: "Wir schließen ausdrücklich nicht aus, dass es schwarze Schafe unter den Leistungserbringern im Gesundheitswesen gibt. Aber: Vorwürfe müssen bewiesen werden und im konkreten Einzelfall dann auch zu rechtlichen Konsequenzen führen." In diesem Sinne unterstütze der Verband die Forderung der KKH auf klare gesetzliche Vorgaben gegen Korruption im Gesundheitswesen ohne Einschränkung. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Platz 9: ErgotherapeutenIn etwa gleich geblieben ist die Zahl von Betrugsfällen, in die Ergotherapeuten verwickelt sind. 18 Fälle waren es bei der KKH im vergangenen Jahr, 17 im Jahr davor. Ein typischer Fall sei: Es wird eine Einzeltherapie verordnet, durchgeführt werden aber nur Gruppenbehandlungen. Oder: Das behandelnde Personal hat nicht die vorgeschriebene Qualifikation zur Behandlung. Quelle: dpa
Ergotherapeuten klagen über Bürokratische VorgabenDer Deutschen Verband der Ergotherapeuten e.V. (DVE) sieht die Kritik der KKH ganz entspannt, wie die beiden Models in einer Entspannungskabine auf der Fachmesse "Therapie" in Leipzig. Eingeräumt wird zwar, dass es immer wieder mal Abrechnungsprobleme aufgrund von falsch ausgefüllten Verordnungen gebe. Doch es sei kein Fall bekannt, bei dem eine vorsätzliche Abrechnungsmanipulation vorliege oder die Staatsanwaltschaft ermittele. Andererseits wird uns von diversen Krankenkassen in Gesprächen immer wieder bestätigt, dass die ergotherapeutischen Praxen im Abrechnungsgeschehen kaum ernsthafte Probleme bereiteten.  Der latente Vorwurf der Manipulation von Abrechnungen, aber auch die immer bürokratischeren Vorgaben mache für die rund 6.500 Ergotherapiepraxen in Deutschland die Abrechnung und sonstige Zusammenarbeit mit den Krankenkassen manchmal zu einer sehr belastenden Angelegenheit. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 8: KrankenhäuserEine Klinik in Niedersachsen habe geriatrische Komplexpauschalen abgerechnet, obwohl seit Juni 2012 kein Geriatrie-Arzt mehr dort beschäftigt gewesen sei, stellte die Krankenkasse KKH fest. Auch davor seien schon entsprechende Leistungen abgerechnet, die nicht vom damals noch angestellten Geriater erbracht wurden. Die Ermittlungen liefen noch. Die KKH stellte im Zusammenhang mit Krankenhäusern 21 Fälle mit falschen Abrechnungen fest. Quelle: dpa
Platz 7: RettungsdiensteSchon 2011 ermittelten die Fahnder der Krankenkasse aus Hannover in 35 Fällen, bei denen es um unzulässige Beförderungen ging. Ein Problem dabei: Es werden Fahrten vorgenommen, ohne dass die dazu eingesetzten Personen über die erforderlichen Personenbeförderungsscheine verfügen. Zudem verfügen die Unternehmer über keine Konzession für die Fahrten. Auch im vergangenen Jahr entdeckte die KKH weitere 31 Fälle. Nach Angaben des Verbandes der Rettungsdienste gab es im Jahre 2012 etwa 315.000 Beförderungen von KKH-Versicherten durch die Rettungsdienste. Damit liege der Anteil der beschriebenen Vorgänge bei Fahrtkosten im unteren Promillebereich.   Quelle: AP
Gegenrede der Rettungsdienste: Fehleranfällige VerordnungDer Deutsche Berufsverband der Rettungsdienst e.V. geht davon aus, dass es sich bei den Fällen der KKH nicht um vorsätzliche Betrugsfälle handelt. Das Problem sei, dass die Verordnung einer Krankenbeförderung zu fehleranfällig sei. So müsse ein Arzt mehrere Angaben auf der Verordnung beachten, die ihm offensichtlich nicht immer schlüssig seien. Bei einem Krankentransport werde immer wieder mal angekreuzt, dass eine medizinisch-fachliche Betreuung nicht notwendig sei. Damit könne ein Krankentransport aber nicht abgerechnet werden. Wenn die Besatzung dies merke und dann das Praxis- oder Krankenhaus-Personal darauf anspreche, werde das Kreuz häufig lediglich ohne Unterschrift geändert. Das komme jedoch einer Urkundenfälschung und anschließendem Abrechnungsbetrug gleich. Der Verband wisse von zahlreichen Fällen, wo Ärzte in den Notaufnahmen nicht erreichbar waren oder sich weigerten, eine Unterschrift zu leisten. Und das obwohl der Notfallpatient mit einem Rettungsmittel befördert wurde. In solchen Fällen könne es schon mal vorkommen, dass einfach ein Pfleger unterschreibt. Auch das wäre eine Unregelmäßigkeit, die eine Krankenkassen nicht tolerieren muss.  Quelle: AP

Die internationale Unternehmensberatung Accenture wollte von 3700 Ärzte in Australien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Singapur, Spanien und USA wissen, in welcher Form sie Informationstechnologie im Gesundheitswesen nutzen und wie gut sie sich mit medizinischen Kollegen vernetzen.

Für unsere Ärzte ist das Ergebnis kein Ruhmesblatt. „Hier in Deutschland verschenkt das Gesundheitswesen  wertvolles Potenzial. Die Effizienz und Qualität könnte deutlich verbessert werden, wenn Ärzte die Behandlungen noch effektiver untereinander koordinieren würden“, sagt Sebastian Krolop, Arzt und zuständiger Geschäftsführer bei Accenture in Deutschland.

93 Prozent der Ärzte nutzen die elektronische Krankenakte, aber nur drei Prozent der Ärzte tauschen diese klinischen Daten auch regelmäßig klinische mit anderen Gesundheitsrichtungen aus. Davon aber würde die Versorgung der Patienten profitieren und unnötige Doppel-Behandlungen könnten entfallen. Zugleich aber gaben in der Studie 59 Prozent der Mediziner an, von diesem Nutzen überzeugt zu sein. 

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Doch der IT-Einsatz beschränkt sich bei den meisten Ärzten offensichtlich auf den persönlichen Vorteil.  „Ärzte nutzen IT, wenn sie eine Effizienzsteigerung in ihrem Arbeitsumfeld unmittelbar spüren“, so Krolop. Besonders intensiv nutzten die deutschen Ärzte im internationalen Vergleich folgende IT-Anwendungen im Praxisalltag: elektronische Notizen im Patientengespräch erfassen (77 Prozent), den allgemeinen Verwaltungsaufwand durch IT-Tools verringern (59 Prozent) und dem Einsatz von computergestützten Behandlungsleitfäden für Diagnose- und Therapieentscheidungen (18 Prozent).  

Schade eigentlich, denn „erst wenn alle Beteiligten im Gesundheitswesen größer denken und ihre Daten vernetzen, können bedeutende Effizienzpotenziale im gesamten System gehoben und vor allem die Behandlungsqualität für den Patienten verbessert werden“ – so das Fazit der Studie für Deutschland.

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