Elf Jahre Bürgermeister Was Martin Schulz in Würselen geleistet hat

Kanzlerkandidat Martin Schulz führt seine Zeit als Bürgermeister als Beleg für seine Regierungskompetenz ins Feld. Wir haben uns durch die Ratsprotokolle gewühlt und gelernt: Die Wirklichkeit ist deutlich profaner.

Martin Schulz in einem Wahllokal seiner Heimatstadt Würselen. Quelle: dpa

Der Anspruch ist klar: Martin Schulz, 61, will im September Bundeskanzler werden, Regierungschef der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt. Bei den Wählern kommt der Mann an, innerhalb weniger Tage hat er seine Partei, die SPD in den Umfragen aus einer aussichtslosen Position auf Augenhöhe mit der Kanzlerpartei CDU geführt.

Ein Grund dafür: Jeder spürt, dass Schulz Kanzler werden will. Aber kann dieser Mann – für die meisten Deutschen ein Mann aus Brüssel, der über keinerlei Erfahrung in der Bundespolitik verfügt – auch Kanzler?

An dieser Stelle kommt Würselen ins Spiel. 11 Jahre war Schulz Bürgermeister dieser Stadt bei Aachen, diese Zeit ist Schulz´ Argument gegen den Vorwurf, das Regieren nur vom Zuschauen zu kennen. Am 29. Januar, bei seiner Antrittsrede als Merkel-Herausforderer, betont er ausdrücklich, immerhin „elf Jahre Bürgermeister in einer Stadt mit knapp 40.000 Einwohnern“ gewesen zu sein.

Und daraus leitet er nicht weniger als eine Art Generalkompetenz ab: „Denn jedes Problem landet am Ende in den Rathäusern und in den Gemeindevertretungen.“

Er hat also zur Beschäftigung mit seiner Vergangenheit regelrecht aufgefordert. Und die WirtschaftsWoche hat diese Aufforderung wörtlich genommen: Bei der Stadtverwaltung Würselen haben wir um Einsicht in die Ratsprotokolle aus seiner Amtszeit gebeten. Was nicht ganz unkompliziert war, weil man dort erstmal alle vertraulichen Personalangelegenheiten aussortieren musste.

Nach ein paar Tagen aber trafen die Dokumente in der Redaktion ein, 2156 Seiten, zum Teil in Schreibmaschinenschrift beschrieben. Das erste Dokument stammt vom 31. März 1987, dem Tag von Schulz´ Wahl. Schulz hat keinen Gegenkandidaten, seine erste Ansprache beginnt er gleich staatstragend: „Meine Damen und Herren, ich trete heute mein Amt an im Bewusstsein um die schwere wirtschaftliche Situation, in der sich unsere Region und damit auch unsere Stadt befindet.“ Die Dokumente enden am 29.1.1998, als Schulz´ Nachfolger in sein Amt eingeführt wurde.

Die SPD und die K-Frage – ein Hang zur Sturzgeburt

Dazwischen liegen elf Jahre, in denen Schulz sich tatsächlich mit vielem beschäftigt hat, was die kommunale Politik umtreibt. Oder einst umgetrieben hat. Mal geht es um die Ausweisung von Baugebieten, die Höhe der Gewerbesteuer oder neue Stadtpartnerschaften. Mal um den drohenden Golfkrieg oder die Notwendigkeit einer neuen Telefonzelle.

Aber in den Dokumenten zeigt sich auch der Regierungsstil des Bürgermeisters Schulz, sein Umgang mit Parteifreunden und Kritikern. Es zeigt sich, welche Themen ihm wichtig sind und welche er höflich ignoriert. Auch wenn all das 20 Jahre zurückliegt: Es ist ein persönlicher Einblick in das Denken des Entscheidungsträger Schulz, wie es ihn bisher nicht gab.

Am besten lesen Sie selbst. Ab heute in der neuen Wirtschaftswoche, als App oder am Kiosk. Oder Sie machen sich Ihr eigenes Bild und stöbern in den Ratsprotokollen von damals.

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