Elterngeld-Reform Das neue Elterngeld – ein Plus!

Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat eine gute Idee: Sie nimmt die Männer an die Kandare – und Unternehmen in die Pflicht .

Wie viel Geld Kinder kosten - und wie viel sie bringen
Bis ein Kind volljährig ist, zahlen Eltern laut Daten des Statistischen Bundesamtes rund 117.000 Euro für ihr Kind: Für Kleidung, Essen, Miete, Bildung, Taschengeld etc. Monatlich geben Paare mit Kindern demnach 550 Euro mehr im Monat aus, als Kinderlose. Das zweite Kind ist allerdings nicht mehr ganz so teuer wie das erste, das dritte ist rechnerisch günstiger als das zweite und so weiter. Schließlich muss nicht pro Kind eine neue Wickelkommode oder ein neuer Kinderwagen angeschafft werden. Quelle: dpa
Allein für Kleidung und Windeln geben Eltern bis zum 18. Geburtstag eines Sprösslings durchschnittlich 9101, 80 Euro aus. Laut Statistik summieren sich die Kosten für Windeln auf gut 1000 Euro pro Kind. Quelle: REUTERS
Um die Lebenshaltungskosten für die Familie decken zu können, gehen in zahlreichen Familien beide Elternteile arbeiten. Die Kosten für die deshalb notwendige Kinderbetreuung belaufen sich im Schnitt auf 3368,59 Euro. Bei vielen Familien frisst der Krippenplatz oder der Kindergarten wahlweise das Kindergeld oder das Gehalt eines Elternteils wieder auf. Quelle: dpa
Obwohl es in Deutschland Lehrmittelfreiheit gibt, die Schulen also Bücher kostenlos stellen, zahlen Eltern bis zum 18. Geburtstag ihres Kindes durchschnittlich 3525 Euro für Bildung. Dazu gehören Zusatzlektüre für den Deutschunterricht, Hefte, Stifte, Malblöcke und Farben, Schulausflüge und Kopiergeld. Hinzu kommen nochmal geschätzte 1,4 Milliarden Euro, die Eltern in Deutschland jährlich in Nachhilfestunden investieren. Quelle: dpa
Immer mehr Eltern zahlen ihren Kindern laut einer Forsa-Studie regelmäßig Taschengeld. Bis zum 18. Geburtstag kommen so 2496 Euro zusammen - wenn sich die Eltern die Empfehlungen des Jugendamtes halten. Demnach sollten Kinder zwischen vier und fünf Jahren 50 Cent pro Woche bekommen, Sechs- bis Siebenjährige 1,50 bis zwei Euro pro Woche und Acht- bis Neunjährige zwei bis 2,50 Euro wöchentlich. Kinder im Alter von zehn bis elf Jahren sollten monatlich 13 bis 15 Euro bekommen, Zwölf- und 13-Jährige 18 bis 20 Euro und 14- bis 15-Jährige 23 bis 26 Euro im Monat. Jugendliche von 16 und 17 Jahren sollten 32 bis 42 Euro im Monat bekommen, empfiehlt das Jugendamt. Quelle: dpa
Dafür bekommen Eltern allerdings auch Geld für ihre Kinder. So bekommen Mütter sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt das sogenannte Mutterschaftsgeld (MSchG). Derzeit bekommen gesetzlich versicherte Frauen von ihrer Krankenkasse bis zu 13 Euro pro Tag. Den Rest legt der Arbeitgeber drauf, bis der durchschnittliche Nettoverdienst der vergangenen drei Monate erreicht ist. Das Geld müssen die Frauen bei ihrer Krankenkasse beantragen. Privat Krankenversicherte und Geringverdienerinnen beantragen das Mutterschaftsgeld dagegen beim Bundesversicherungsamt in Bonn. Schwangere, die privatversichert sind, bekommen allerdings keinen Tagessatz sondern einen einmaligen Zuschuss. Quelle: dpa
Seit 2007 greift der Staat jungen Eltern auch noch mit dem sogenannten Elterngeld unter die Arme. Die Höhe der Unterstützung bemisst sich nach dem Nettoeinkommen der letzten zwölf Monate. Maximal gibt es 1800 Euro pro Empfänger und Monat, ausgezahlt wird maximal 14 Monate lang. Anspruch auf Elterngeld haben Arbeiter, Angestellte, Beamte und Selbstständige, die ihren Beruf (teilweise) ruhen lassen um sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Quelle: dpa

Rein politmechanisch betrachtet, also aus dem Maschinenraum der Berliner Republik, arbeitet die Große Koalition aus CDU, CSU und SPD bemerkenswert effizient. Fast wöchentlich stellt irgendein Minister Eckpunkte vor, passiert ein Gesetzesvorhaben das Kabinett, nimmt ein weiterer Passus aus dem Koalitionsvertrag legislative Gestalt an. Das Rentenpaket, die Energiewende, der Mindestlohn – Schlag auf Schlag geht’s, und alle Fachpolitiker und Abgeordneten, die da meinten, der Koalitionsvertrag sei nur ein Stück Papier, nicht mehr als argumentative Auslegeware, offen für Beanstandungen und Nachbesserungen, sehen sich getäuscht: Angela Merkel (CDU), Horst Seehofer (CSU) und Sigmar Gabriel halten es mit dem Grundsatz pacta sunt servanda– und halten stoisch Kurs.

Heute nun war Manuela Schwesig (SPD) an der Reihe, die Familienministerin mit dem ausgeprägten Interesse an der gesetzgeberischen Verschönerung der Lebenssituation von Männern und Frauen und Kindern in Beruf und Privatleben. Schwesig stellte die Eckpunkte der Elterngeld-Reform vor, das so genannte „Elterngeld plus“, recht buchstabengetreu, gemäß dem Koalitionsvertrag, wie üblich, denn natürlich hat sich inzwischen nichts am Willen der Politik geändert, den „Bedürfnissen der Eltern durch flexiblere Elterngeldregelungen besser“ zu entsprechen als bisher.

Was konkret bedeutet, dass teilzeiterwerbstätige Eltern(teile) die fixe Summe des bisherigen Elterngeldes künftig über einen Zeitraum von 28 Monaten in Anspruch nehmen können statt wie bisher nur maximal 14 Monate lang – und dass Eltern, die beide parallel in Teilzeit gehen und 25 bis 30 Stunden arbeiten noch dazu mit einem „Partnerschaftsbonus“ in Höhe von zehn Prozent des Elterngeldes belohnt werden. Das doppelte Ziel der Reform: Vor allem Alleinerziehenden wird der Wiedereinstieg in den Beruf erleichtert (durch die Streckung und Staffelung des Elterngeldes für  Teilzeitarbeit) – und auch Männern die  Teilzeitarbeit schmackhaft gemacht (durch den Partnerschaftsbonus).

Was aber taugt die Reform? Wird sie ihre Ziele erreichen? Nun, wahrscheinlich taugt sie ziemlich viel – und ja: Die Chancen stehen gut. Denn erstens ist ein  Plus an  Zielorientierung überfällig, weil das bisherige Elterngeld vor allem Gutverdiener begünstigte, Frauen adressierte und lauter Ostentativ-Papas produzierte, die sich zwei Monate familienmodern fühlen durften, um anschließend so weitermachen zu können wie bisher. Zweitens hat Manuela Schwesig erkannt, dass die nächste Runde der „Frauenpolitik“ daher vor allem „Männerpolitik“ sein muss: Die „Vereinbarkeit von Familie und  Beruf“ ist mit dem „Elterngeld plus“ kein Thema allein der Mütter mehr, sondern endlich auch der Väter. Auch die Herren der Schöpfung werden in den nächsten Jahren aufgerufen sein, mit ihren Arbeitgebern Teilzeitmodelle auszuhandeln – schon allein deshalb, weil ihnen im innerfamiliären Interessenabgleich das Argument des Ankerverdienstes abhanden kommt, das die finanzielle Basis der gemeinsamen Zukunft sein soll. Kurzum, beide Elternteile sitzen künftig mit identischer Ausgangslage am Küchentisch – und können freier denn je entscheiden, welchem Lebensmodell sie den Vorzug geben wollen.

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