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Energie Die Stromproduktion aus Kohle in diesem Jahr stark gesunken

Die Windenergie ist wichtigster Energieträger in Deutschland und löst die Braunkohle ab. Unter anderem zeigen CO2-Zertifikate ihre Lenkungswirkung.

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Der Gesamtverbrauch an Braun- und Steinkohle ging in Deutschland 2019 um jeweils ein Fünftel zurück. Quelle: dpa

Die Bundesregierung ringt noch mit den Stromkonzernen um die Bedingungen für Zeitpunkt und Reihenfolge der Stilllegung von Steinkohlekraftwerken. Parallel laufen Verhandlungen mit Betreibern von Braunkohlekraftwerken und Tagebauen über Entschädigungen für ein vorzeitiges Aus ihrer Anlagen.

Doch unabhängig von der konkreten Umsetzung des beschlossenen Kohleausstiegs – die Stromproduktion aus Kohle ist in Deutschland 2019 unerwartet stark gesunken. Nach Berechnungen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen ging in Deutschland der Gesamtverbrauch an Braun- und Steinkohle um jeweils ein Fünftel zurück.

Die Windenergie verdrängte dabei die Braunkohle von Platz 1 der wichtigsten Energieträger für den Strom. Windräder an Land und auf See lieferten 21 Prozent der Bruttostromerzeugung in Deutschland, Braunkohle nur noch 19 Prozent.

Das sei ein wichtiger „Meilenstein der Energiewende“, frohlockte der Bundesverband Windenergie. Mit Steinkohle wurden sogar nur noch 9 Prozent des Stroms erzeugt. Insgesamt stieg der Anteil der Erneuerbaren nach Zahlen des Energie-Branchenverbands BDEW auf 40 Prozent.

Der deutliche Rückgang der Kohleverstromung ist nicht nur eine Folge des besonders kräftig wehenden Winds. „2019 war ein ganz verrücktes Jahr, was die Strompreise anbelangt. Wir hatten am Spotmarkt historisch niedrige Gaspreise und hohe CO2-Zertifikatspreise sowie Kohlepreise“, sagt Fabian Huneke von der Energieberatungsgesellschaft Energy Brainpool.

Das habe dazu geführt, dass Gaskraftwerke viel günstiger Strom produzieren konnten als meist in der Vergangenheit und so Kohlestrom aus dem Markt verdrängt hätten.

Die Zertifikate für den Kohlendioxidausstoß haben nach Expertenansicht ihre Lenkungswirkung gezeigt. „Da die Stromerzeugung aus Gas deutlich weniger CO2-Emissionen als die Erzeugung aus Braunkohle hat, werden auch weniger CO2-Zertifikate benötigt“, erläutert Prof. Bruno Burger vom Fraunhofer Institut für solare Energiesysteme den Zusammenhang. Die Kosten für das Gas und die Zertifikate hätten zeitweise „unter den reinen CO2-Zertifikatskosten des Braunkohlekraftwerks“ gelegen.

Kraftwerke und Fabriken benötigen für jede Tonne klimaschädlicher Gase, die sie in die Atmosphäre blasen, ein Zertifikat. „Die Zukunft des Kohlestroms hängt am Börsenstrompreis und am CO2-Preis. Solange beide auf gleicher Höhe liegen, sieht es schlecht für die Braunkohle, aber gut für die Umwelt aus“, sagt Burger.

Nach Angaben des Energiekonzerns RWE, dessen Stromproduktion aus Braunkohle in den ersten neun Monaten 2019 um gut 30 Prozent gesunken war, sind aber auch der Rodungsstopp am Tagebau Hambach und der Übergang von Kraftwerksblöcken in die Sicherheitsbereitschaft Gründe für den Rückgang.

Von den gestiegenen Zertifikatspreisen hat auch die Staatskasse profitiert. Bei der Versteigerung an der Europäischen Energiebörse EEX in Leipzig wurde im Jahr 2019 ein Durchschnittspreis von 24,65 Euro pro Zertifikat erreicht, fast 10 Euro mehr als 2018, wie die Emissionshandelsstelle des Umweltbundesamtes auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mitteilte.

Das sei ebenso ein Rekordwert wie die Gesamteinnahmen von 3,16 Milliarden Euro – rund 600 Millionen Euro mehr als im Jahr zuvor. Die Einnahmen aus den Auktionen fließen in einen Energie- und Klimafonds, mit dem Maßnahmen der Energiewende finanziert werden.

Und wie geht es mit der Kohleverstromung weiter? „Wir konnten 2019 in einer Art Testlauf für die Zukunft das sehen, was der Klimaschutz schon lange vom Strommarkt fordert, nämlich einen Wechsel der Brennstoffe von Kohle zu Gas“, sagt Marktanalytiker Huneke. „Das war aber ein Einmaleffekt.“ Die Gaspreise hätten sich mit dem Winter wieder erhöht, „und wir sind wieder in der alten Welt“.

Viel hängt auch davon ab, wie stark der Wind im kommenden Jahr weht und wie lange die Sonne scheint. „Da Wind Onshore in 2019 fast keinen Zubau hatte, sind auch keine Produktionssteigerungen für 2020 zu erwarten“, prognostiziert Fraunhofer-Forscher Burger.

Bis einschließlich November 2019 wurden laut Bundesnetzagentur in Deutschland nur etwa 160 Windkraftanlagen neu gebaut, so wenige wie seit 20 Jahren nicht. Das Umweltbundesamt warnt deshalb, mittelfristig seien auch sinkende jährliche Strommengen bei der Windenergie an Land wahrscheinlich, wenn der Zubau nicht wieder deutlich ansteige.

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