Energie-Engpass Lindner hält Laufzeitverlängerung für AKW für schwer umsetzbar

Der Bundesfinanzminister verspricht sich von einer etwaigen Neuorientierung bei der Atomkraft keine baldige Entlastung bei der Energieversorgung.

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Der Bundesfinanzminister hält eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten für schwierig: „Eine Neubewertung würde zur Folge haben, dass neuer Brennstoff eingekauft und neue Genehmigungen erteilt werden müssten.“ Quelle: imago images/photothek

Angesprochen auf den Bau vieler kleinerer Atomkraftwerke in Frankreich sagte Lindner der „Rheinischen Post“: „Bei der Kernenergie glaube ich persönlich, dass erst unsere Enkel diese Technologie für Deutschland neu prüfen werden.“ Naheliegender sei ein Dreischritt bei anderen Energieformen. „Erstens müssen wir den Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigen, zweitens neue Importquellen für Gas, Kohle, Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe erschließen und drittens die Nutzung bestehender Kohle-Kapazitäten bewerten.“

Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck hatte am Mittwoch nicht ausgeschlossen, dass Kohlekraftwerke in Deutschland länger laufen müssen, um das Land energiepolitisch unabhängiger von Russland zu machen. Die Versorgungssicherheit müsse gewährleistet sein. Zu einer längeren Laufzeit der letzten deutschen Atomkraftwerke hatte sich Habeck zuletzt skeptisch geäußert. Dazu seien die Vorbereitungen für die Abschaltung zum Jahresende bereits zu weit fortgeschritten.

Dass Habeck die Priorität der Versorgungssicherheit unterstrichen habe, sei „für einen Grünen bemerkenswert“, sagte Lindner. Eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten halte er selbst für schwierig. „Eine Neubewertung würde zur Folge haben, dass neuer Brennstoff eingekauft und neue Genehmigungen erteilt werden müssten. Mit einem Beitrag zur Stärkung unserer Energieversorgung wäre zumindest nicht für den kommenden Winter zu rechnen.“

Bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) kann man diese Vorbehalte nicht nachvollziehen. Eine Laufzeitverlängerung sei durchaus möglich, „wenn dies politisch gewollt ist“, sagte der Technisch-Wissenschaftliche GRS-Geschäftsführer Uwe Stoll der „Welt am Sonntag“. „Die Kernkraftwerke müssen nach dem Atomgesetz alle Sicherheitsanforderungen bis zur letzten Minute erfüllen, sonst müssten von der Atomaufsicht entsprechende Maßnahmen oder die Stilllegung angeordnet werden.“ Er könne „Bedenken, das könnte einen Tag später plötzlich anders sein, nicht nachvollziehen“.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ist gegen eine erneute Debatte über die Nutzung von Kernenergie. „Ich plädiere dafür, jetzt keine Grundsatzdiskussion über die Kernkraft anzufangen“, sagte BDI-Präsident Siegfried Russwurm der „Welt am Sonntag“. Fragen wie die Entsorgung des Atommülls seien nach wie vor nicht gelöst. Daher sei es sinnvoller, den Kohleausstieg zu verschieben, um sich unabhängiger von russischem Gas zu machen.

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